Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 78-79 (8.10.1901)
- Date
- 1901-10-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1696 letzterem er eine durchgreifende Kritik zu Frankels „Einleitung in die Mischnah" gibt. Daneben verfaßte er! eine größere Anzahl liturgischer, religionswiffenschaft- , licher und historischer Werke und gab einige Samm-! langen von Predigten heraus. Aus dem Nachlasse j meines Vaters s. A. besitze ich noch zahlreiche Briefe wissenschaftlichen Inhaltes, in welchem er mit dem Aufj wand einer wahraft glänzenden Gelehrsamkeit die ver-! schiedensten wissenschaftlichen Themata behandelt. Dieser Briefwechsel hätte es sicherlich verdient, durch die Drucklegung der Vergessenheit entrissen zu werden. lieber sein Verhältniß zu dem Vater äußerte sich unser Lehrer meines Wissens nur einmal. So auffällig dies auch dem Fernstehenden erscheinen mag, so klar ist es dem Eingeweihten. Das war eben ein Maß kindlicher Verehrung, wie es sich in Worte nicht fassen ließ. Es gibt ein Heiligthum der Seele, in welches namentlich große Männer keinem Menschen einen Einblick gestatten mögen. Die wahre Liebe hat ja niemals viel von sich reden gemacht. Viel besser befriedigte unsere Neugier nach der Richtung eine Photographie, welche den Schmuck des Lehrzimmers bildete. Sie zeigte uns unseren theuren Lehrer als schmucken Jüngling" vor einem aufgeschlagenen Folianten stehend und den Vater, die sonst strengen Züge eines echten Gelehrtengesicktes diesmal von Freude verklärt und leuchtenden Auges auf den Sohn gerichtet, mit dem er einen scharfsinnigen Disput abzuwickeln schien. Der Vater, Dr. B. H. Auerbach, hatte noch den Lehrgang der alten rabbinischen Schule zurückgelegt. Seine Jugendjahre widmete er fast ausschließlich der Erlernung und Erforschung unseres heiligen Schriftthums. Erst in späteren Jahren wandte er sich weltlichen Studien zu. Der Sohn dagegen hatte von Jugend an in beiden Lagern Heeresdienste geleistet. Wenn dieser auch seinen Jüngern gegenüber eine geradezu väterliche Traulichkeit an den Tag legte, über die eigenen Leistungen sprach er jedoch niemals. Ein unbewachter Blick in die reichen Schätze seiner Bibliothek ließ uns jedoch erkennen, daß er seine Studien in sämmtlichen Klassen des großherzoglichen Gymnasiums zu Darmstadt mit Auszeichnung zurügelegt hatte. Denn in einem versteckten Winkel, wohin das Auge des Fremden nicht leicht dringen konnte, bewahrte er die Bücher aus, welche, mit einer ehrenden Widmung versehen, ihm seitens des Lehrerkollegiums regelmäßig beim Ausstieg in die höhere Klasse als Auszeichnung verliehen worden sind. Schon in diesem Zuge offenbart sich uns eine Bewunderung heischende Seite seines hoheitsvollen Wesens. Die Elemente, welche die Jugendbildung ausgemacht haben, geben dem Charakter, wie jeder weiß, ein unveräußerliches Gepräge. So weit ich jedoch die neuere Geschichte des Judenthums überschaue, eine Persönlichkeit, die zwar den schablonenmäßigen modernen Bildungsgang zurückgelegt, dabei aber der Erforschung und Bethätigung des Judenthums mit einer Begeisterung oblag, die etwas Heldenmüthiges, geradezu, Ueberwältigendes hat, suchen wir vergebens. Es soll damit keineswegs gesagt sein, als wäre auf unfern Lehrer der in oer Jugend zurückgelegte Bildungsgang ohne Einfluß geblieben. Im Gegentheil, die strenge Schulung, die das deutsche Gymnasium seinen Zöglingen verleiht, die gar nicht zu ermüdende Energie, die immer von neuen Seiten es unternimmt, auf den Kern der Dinge zu dringen, sie waren ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Das Einzige an ihm war jedoch, wie er alle diese Gaben in den Dienst von Forschungen und Gedankenrichtungen stellte, die dem modernen Bewußtsein so fern liegen, daß man sie sich im allgemeinen nicht anders als unvereinbare Gegensätze denken kann. Wir werden wohl nicht sehlgehen, wenn wir diesen so eigenartigen Effekt auf den Einfluß des großen Vaters zurückführen. Das bereits geschilderte Bild zeigte uns, was den eigentlichen Glanzpunkt seiner Jugendjahre ausmachte. Die gewaltige Gelehrsamkeit des Vaters hatte demnach noch tiefere Spuren gegraben. Sie gaben für ihn den Ausschlag. Unter ihre Einwirkungen gestellt, flössen erst alle Strahlen des jugendlichen Geistes zu einem einzigartigen Lichtbilde zusammen. Doch mehr als die bloße Denkungsweise erhielt in dieser hohen Schulung ihren Abschluß. Sie ward ihm zugleich zum Dogma einer vollendeten, ihrer Aufgabe allseitig gewachsenen Erziehung. Er selbst würdigte die Vortheile der modernen Schülererziehung u. ihrer Bildung nach Gebühr. Seine Jünger sollten sich dieselbe auch zu eigen machen. Nur hielt er damit allein das Maß der Leistungen längst nicht für erschöpft. Die Anforderungen, die eine preußische höhere Lehranstalt stellt, sind gerade nicht gering. Er jedoch meinte, damit wäre für uns nur die eine Hälfte der Arbeit gethan. Die andere, und zugleich bessere Hälfte, bliebe dann noch erst zu erledigen übrig. Reichten auch die Stunden des Tages dazu nicht aus, die Nacht biete doch hierfür unbegrenzten Spielraum. Das war wohl auch der Gundsatz, unter dessen strenger Durchführung ihm, dem einzigen, von den Eltern wie ein überirdisches Kleinod geliebten Sohne, die eigenen Jugendjahre dahinflossen. Daß derselbe seine körverliche Entwickelung irgendwie benacktheiligt, konnte auch der ängstlichste Splitterrichter nicht behauvten. Mehr als von mittlerer Größe, verfügte er über einen harmonisch entwickelten Gliederbau, war breitgeschultert, hatte eine hochgewölbte Brust und ging stets elastischen Schrittes und aufrecht erhobenen Auges einher. Dock schon in seinen Jugendjahren zeigte sein Auge eine hochgradige Kurzsichtigkeit. Für meine Auffassung schwerlich ein väterliches Erbstück, als vielmehr die einzig erkennbare Spur, die schlaflose Nächte, welche er bei großen Folianten mit pulverisirter Schrift durchwacht, bei ihm zurückgelassen hatten.