Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 78-79 (8.10.1901)
- Date
- 1901-10-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449220--54351-2505021- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
48. Jahrgang. Ml8 & 79 Der Israelit. Ein Kenlrak-Hrgan für das orthodoxe Iudenlhum. Begründet von Dr. in Mtstrrr Dienstag, »e» ». Oktober S««2 Leitender Artikel. Erinnerungsblätter ms i»s frischt ttrtfe msms pfc« Reisirrs». Wen, des Rabb. Dr Selig Auerbach V'sr in L)alberstadt. Von Rabbiner Dr. Daniel Fink. Ein eigenes Mißgeschick waltet über dem heutigen Judenthum. Es kennt seine großen Männer nicht. Meist erfährt es von ihnen erst dann, wenn der Grabeshügel über ihrem sterblichen Theil sich geschlossen hat. Dann ist es — für die Mitwelt wenigstens — zu spät. Vom Zeitalter des Verkehrs sollte man dies kaum für möglich halten, und doch ist dem so. Der Fehler scheint wohl an einer anderen Stelle zu liegen. Das wahrhaft Große ist in unserer Zeit so gar selten. Unser Auge hat die Fähigkeit verlernt, es recht zu sehen. Nur die gedachten Umstände machen es erklärlich, wenn manchen jüdischen Kreisen diese Zeilen zum ersten Male von der Größe einer Persönlichkeit berichten. Wären unsere inneren Zustände gesund und blühend, dann müßte ihr Ruhm auf allen Lippen schweben und der Schmerz über ihren Hingang in allen Herzen nachzittern. Wir Jünger, die das unvergleichliche Glück genoffen, an dieser großen Geistessonne unsere Kräfte zur Entfaltung zu bringen, wir vor allem wissen, was Israel für ein theures Kleinod in ihm besessen. Kein Ausdruck des Lobes und der Ruhmeserhebung ist groß, ist umfassend genug, dasselbe zu kennzeichnen. Es war eben eine eigenartige Persönlichkeit. Um ihr Wesen dem Fernstehenden näher zu rücken, hat unser modernes Leben weder ein Gegenstück, noch auch nur einen rechten Maßstab. Es ist, als hätte eine unerforschliche Fügung es beschlossen, daß auch ihr Heimgang, wie ihr Leben fast ohne Eindruck auf weitere Kreise dahingehe. Dieser erfolgte gerade am Ausgange des Schabbos teschuwo, in jenem Augenblick also, in welchem wir diesmal gleichzeitig in den Bereich des heiligen Versöhnungstages eingetreten waren. 2ln der Grenzscheide zweier der bedeutungsvollsten Momente im Leben des Israeliten, sollte er aus dem Leben scheiden. Wohl selten hat der Tod einen Würdigen in einem würdigeren Momente ereilt! Am Tage nach Jomkippur konnte die Beerdigung erst stattfinden. So groß auch die Betheiligung von Nah und Fern war, sie wäre unter gelegeneren Zeitumständen ungleich größer gewesen. Infolge der unmittelbar daraus folgenden Sukkothfeiertage konnte auch die jüdische Publizistik nur dürftige Nachrichten über den Abschluß eines so großen Lebens bringen. Die folgenden Zeilen wollen das Versäumte nachholen, alle Ruhmredigkeit aber dabei vermeiden. Wo die Thaten so laut reden, da darf die Kunst billig schweigen, llnserem Geschlechte bieten sie gleichzeitig das Zeugniß, daß es wahrhaft Großes in Israel denn doch noch gibt. Da aber das großartigste Bild der Fassung nicht entrathen kann, so sei hier zunächst in wenigen Züge der Lebensgang des Heimgegangenen gezeichnet. Anfangs der 40er Jahre wurde der Hingeschiedene zu Darmstadt als Sohn des damaligen Landesrabbiners, Dr. B. H. Auerbach, geboren. Neben vier Töchtern!var er der einzige Sohn seiner Eltern. Der Vater zählte seiner Zeit zu den gefeiertsten Autoritäten unter den deutschen Rabbinen. Neben einer gründlichen Gelehrsamkeit in den verschiedensten Zweigen weltlichen Wissens war seine Belesenheit und sein Scharfsinn auf talmudischem Gebiete geradezu staunenerregend. Er hätte zu allen Zeiten und überall zu den ersten Größen zählen dürfen. Hiervon zeugen vor allem seine großangelegten Werke Nachal eschkol, mischnath die rabbi Nathan und hazofeh al darkeh hamischnah, in welch'