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Der Israelit · 1901-12-19 · Heft 100 (19.12.1901) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 100 (19.12.1901)
Date
1901-12-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
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ein Feldzug gegen die älteren Blätter unternommen. Man stützt sich auf die Zahl und will damit einen Beweis antreten. Man verschweigt volltommen, welche Schichten des Volkes zu den Lesern des Blattes gehören. Man verschweigt, daß die Blätter oft von Vierteljahr zu Vierteljahr wochenweise und noch länger verschenk: werden. Man verschweigt dem Inserenten gegenüber, daß das Publikum, an das sich solche Blätter in der Regel wenden, nicht sehr kauffähig ist, und man will den Behörden weismachen, daß ihre amtlichen Bekanntmachungen nur durch sie in die weitesten Kreise dringen. Wenn nun gar solche Blätter Erzählungen und Artikel aus der soliden Presse, die oft sehr theure Honorare dafür bezahlt hat. ohne Berechtigung und ohne etwas dafür zu vergüten, abdrucken, so ist es Pflicht eines jeden anständigen Menschen sich von ihnen loszusagen, jeder, der sie hält und bezahlt und so von. dem billigen Preise Nutzen zieht, betheiligt sich an dem Diebstahl, den das Blatt an anderen begeht. 'Auch noch eine andere sehr bedenkliche Seite hat das Verfahren dieser Blätter. Wenn die soliden Blätter außer Stande gesetzt werden, die Schriftsteller entsprechend zu honoriren, so ist es zuletzt dieser durchaus nicht auf Rosen gebettete Stand, der die Zeche bezahlen muß. Reuleaux hat einst über die deutschen Waaren auf der Weltausstellung in Philadelphia das Urtheil ge fällt „billig und schlecht". Jedermann weiß heutzutage, daß die deutsche Industrie dieses Urtheil nicht mehr verdient. Die deutsche Jnvustrie hat in richtiger Erkenntniß ihrer Ausgabe auch nach der Seite der Gediegenheit und Solidheit ihrer Waaren hin die größten Fortschritte gemacht. Was der Gelehrte damals von der deutschen Industrie gesagt hat, gilt heute aber noch für die moderne Entwickelung der deutschen Presse, und es ist bezeichnend, daß das Wettrennen um die Auflage * nur in Deutschland in so üppiger Weise sich entfaltet hat. In anderen Ländern kennt man derartiges nickst in dem Umfange wie bei uns oder gar nickt. Man pflegt auch in Deutschland auf anderen Gebieten eine derartige Statistik nicht an die große Glocke zu hängen. Endlich sei noch erwähnt, und wir möchten gerade die Behörden darauf Hinweisen, daß selbst eine künstlich emporgetriebene Auslage einer Zeitung keinen Maßstab für ihre Bedeutung als Publikationsorgan besitzt. Die Auslage einer Zeitung läßt auch noch keine hinreichenden Schlüsse aus die Leserzahl überhaupt zu. Man denke nur daran, welche Nachfrage in öffentlichen Lokalen nach größeren ernsthaften Zeitungen ist, wo oft ein Exemplar durch viele hundert Hände geht. Ferner ist es, wie oben schon kurz angedeutet, besonders für die amtliche Insertion von Bedeutung, welche Schichten des Publikums eine Zeitung lesen. ES ist z. B. einleuchtend, daß die Ausschreibung einer neuen Reichsanleihe, eines Bankprospektes, einer Subhastation, des Verkaufs werkhvoller Immobilien, hauptsächlich für kapitalkräftige, kauffähige Kreise bestimmt ist. Das Vorlesungsverzeichniß einer Universität dürfte gleichfalls nur in Kreisen von Interesse sein, die mit diesem, Institut in Berührung stehen u. s. w. Viel wichtiger als die Auflage selbst, ist also die Abwägung des Leserkreises. Man!vird auch in Berücksichtigung ziehen müssen, daß das Leserpublikum sehr konservativ ist und beispielsweise Anzeigen stets dort zu suchen pflegt, wo es seit vielen Jahren dieselben zu finden gewohnt war. Aus allen diesen Gründen können z. B. Behörden, Eorporationen, Vorstände?e. bei der Auswahl der Organe zur amtlichen Insertion nicht vorsichtig genug sein, wenn an sie der Versucher in Gestalt von Anpreisungen hoher Auflagen an sie herantritt." Wir haben dem nichts hinzuzufügen, als daß die geschilderten Zustände in nichtjüdischen Kreisen bereits erkannt zu sein scheinen, in jüdischen Kreisen scheint man sich seine Naivität in dieser Beziehung noch vielfach gewahrt zu haben. Mögen die vorstehenden Zeilen aufklärend wirken. Zeitungsnachrichten und Correspondeirzerr. Deutschland. 'Berlin, im Dez. (A n t i s e m i t i s ch e Halluf i n a 1 i d n e n.) In einer antisemitischen Versammlung, die am Freitag Abend in oer Tonhalle stattsand, trat als letzter Redner wieder auch einmal der Dresch gras P ii ck l e r aus. Er schilderte die gegenwärtigen Zustände in düsteren Farben, der Schluß war, daß der Tag der vlutigen Vergeltung für die Juden bald gekommen sei. Er stand auf dem Podium, die Hände hoch erhoben und rief-. „Ich sehe das rotbe Blut rieseln, von den Palästen, von dev Theatern, von den Börsenhallen. Die Glocken schlagen dumpf zusammen — sie läuten zuni Sturm. Der Weg zum Frieden aeht durck Ströme von Blut! Webe, Israel, wehe!" Derartige Hallurinationen find das unverkennbarste Symptom hereingebrochenen Wahnsinns. Die antisemitische Menge, die das natürlich nicht zu willen braucht, brachte dem Bedauernsiverthen förmliche Ovationen dar. Berlin, U5. Dez. Einer der vielen Prozesse, die durch den Konitzer Mord entstanden sind, gelangte gestern vor dem Schöffengerichte gegen den Verleger der „Staatsb.-Zeitung", Wilhelm Bruhn, und den verantwortlichen Redakteur derselben Zeitung, Dr. Paul Bötticher, zur Verhandlung. Der Journalist Hermann Rauch hatte gegen Beide Strafantrag gestellt, weil in den Nummern 264 und 265 der „Staatsb.-Zlg." Artikel veröffentlicht worden waren, die sich mit seiner Person beschäftigten und schwere Angriffe gegen ihn enthielten. Es wurde u. a. behauptet, daß der Kläger Polizeivigilant sei, im Guthmann-Prozeffe eine eigenthümliche Rolle gespielt, dem Journalistenverein gegenüber sein

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