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Der Israelit · 1901-12-19 · Heft 100 (19.12.1901) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 100 (19.12.1901)
Date
1901-12-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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4Jahrgang. * i* zu M lüO des „i U leitender Artikel. Aiismiilhit im jiii>iichc>i;icituiipiuffcii. Die (£niicidehtng des jüdischen Zeitungswesens, wie sie sich in den letzten Jahren vollzogen hat, weist eine Reihe ties bedauerlicher Züge aus, die unserer Presse von heute eine ganz merkwürdige Physiognomie verleihen. Sehr bemerkenswerth sind in dieser Hinsicht die Ausführungen der Wochenschrift: „Der Zeitungsverlag", herausgegeben vom Verein Deutscher Zeitungs- Verleger in Hannover, die voll auf die gegenwärtigen Zustände im jüdischen Zeitungswesen Anwendung finden. „Eine Reihe von sehr bedenklichen Symptomen, schreibt das Blatt, wie die Charakterlofigkeir, die Sensationslust, auf Rosten des guten Geschmacks und der gediegenen Betehrnng, die groste Hast an Stelle von Gründlichkeit und andere Fehler, die einen Zweig unserer modernen deutschen Preßerzengnisse charakteriüren, sind allbekannt. Viele Organe der „öffentlichen Meinung" sind lediglich ein Geschäft, und der Spruch, das; die Politik den Charakter verdirbt, scheint in diesem Sbmptvm seine Wahrheit gerade nicht zu bekräftigen. Cs ist ein öffentliches Geheimnist, daß wir Geschäfts- Unternehmungen aufzuweisen haben, die ihre öffentliche Meinung nur als Waare betrachten und ihre Gestaltung lediglich nach dem Grundsatz von Angebot und Nachfrage regeln. Man glaubt immer noch, ein anständiger Mensch zu sein, wenn man im Privatleben irgend eine politische, religiöse oder künstlerische Lebensanschauung sein Eigen nennt. Man hält es nicht für eine unbedingte Rothwendigteit, dast sie auch in einem geschäftlichen llnternehmen, als was solche Leute einen Zeitungsverlag ausschließlich betrachten, zum Ausdruck lammt. . Dast diese Presse durch ihr geistiges Eunnchenthum geradezu unberechenbaren Schaden stiftet für die geistige Bildung des Volkes, das doch im Grosten und Ganzen auf die Presse als Hanptbildungsmittel angeiviesen ist. ist an und für sich beklagenswertst. Noch bedauerlicher aber ist es, dast diese Prestfabrikanten auch der gediegenen Presse durch alle Mittel der Reklame und selbst des unlauteren Wettbewerbs den Boden zu untergraben suchen. Ein beliebtes Mittel hierzu ist die Prostitution durch stetiges, aufdringliches Gratisvertheilen oder durch Firirung eines Abonnementspreises, bei dem die Herstellungskosten lange nicht gedeckt werden. Jedes derartige neu entstehende Unternehmen seht sich mit grostem Pomp in Seene. Man macht Reklamen größten Umfangs, verspricht das Blaue vom Himmel herunter und verschleudert das neue Presterzeugnist, das Niemand zu Lieb und Niemand zu Leid schreiben. will, umsonst oder halb umsonst an jeden, der es annimmt. Dieses Manöver wird so und so oft wiederholt. Groste Kapitalien werden dadurch festgelegt, und dann heißt es: „Hilf, was helfen mag.'" um eine Rente zu erzielen und die geopferten Summen zu retten. Es giebt dankbare Gemüther, die sich dadurch erkenntlich zeigen wollen, dast sie dem Nerleger eines solchen Blattes nun thatsächlich durch ein Abonnement ent gegenkommen, bis sie sich überzeugt haben, dast die grosten Versprechungen nicht erfüllt werden, und sie zu der Erkenntnist kommen, dast sie lediglich das Objekt einer rassinirten, geschäftlichen Ausbeutung geworden sind. Die Abonnements- und Inseratenpreise werden nach und nach last unmerklich erhöht und schließlich must inan bei den neuen „allerbilligsten Blättern" mit falsch angegebener Auflage bedeutend mehr zahlen, als bei den alten es gekostet hat. Eines der bedenklichsten Mittel, aus das nicht oft genug hingewiesen werden kann, im Kampfe dieser modernen Preßverleger gegenüber der ernsthaften, geistig höher stehenden Presse ist die Berufung aus die Auflage. Es ist allerdings ein Zeichen von Popularitäi einer Zeitung, wenn sie in weiteren Volksschichten Leser und Anhänger dauernd erhält. Aber es ist noch kein untrügliches Zeichen für ihre Güte und für ihre kulturelle, in Betracht kommende Wirksamkeit; beides schließt sich ja gegenseitig nicht aus. Ebensowenig wie man aber das Bild eines Malers nach der Größe der Leinwand beurtheilen wird, wird ein vernünftig denkender Mensch eine Zeitung allein nach dem Maste ihrer Verbreitung einschätzen. Zunächst wäre auch die Frage zu erörtern, welche Volkskreise zu den Lesern eines Blattes gehören. Man weist, dast das geistige Proletariat heutzutage mit Plattheiten und Fadessen nicht genug gefüttert werden kann, und es ist eine stets wiederkehrende Klage der ernsten gediegenen Preffe, dast die groste Maste des Volkes ihr so wenig Liebe entgegenbringt. Eine Großstadt hat einen guten Boden für sensationelle, salopp geschriebene, womöglich durch schlechte Illustrationen noch verunstaltete Blätter. Was Wunder, dast das Leser-Publikum, zumal da derartige Organe halb verschenkt werden, täglich wächst! Das ist eine Entwickelung, die, wennPvir an dem gesunden Geist des Volkes nicht verzweifeln wollen, hoffentlich bald überwunden sein wird. Es hat den Anschein, als ob die Herausgeber solcher Zeitungen stets selbst fühlten, dast ihr Kartenhaus vom geringsten Windstoß zusammengeweht wird. Denn nur aus dieser Furcht erklären stch die ungeheuerlichen Anstrengungen, die gemacht werden, um den Unternehmungen einen Bestand zu sichern. Und hier gehört zu den beliebten Mitteln, das Pochen auf die Auflage. Wie es damit steht, ist oben bereits ausgeführt worden. Mit der Auflage wird nun nicht bei Privat-Jnserenten, sondern auch hauptsächlich bei amtlichen Stellen und Behörden

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