Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 76-77 (26.9.1901)
- Date
- 1901-09-26
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449219--54326-2504961- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
IE Da öffnete tief) öte hohe, Intnffc Thürc und herein trat 3'ojjel, ganz blau vor Kälte, mit der großen Peitsche in der Hand. Demüthig stellte er sich neben die Thürc, nahm die Peitsche ans der einen in die andere Hand, dann hüstelte er. „Katt!" brummte er gedehnt und zitternd, indem er sich nicht an einen, sondern . an alle gemeinsam richtete. Keiner blielte ihn an. l^r schurrte mit seinen srhioeren Stieseln, klopfte mit der Peitsche an den Fußboden, tvie um die Aufmerksamkeit ans sieh zu lenken. „Kali! Sehr kalt!" tviederholte er etwas lauter, aber immer noch mit zurückhaltender Demuth. ÜV() war spürsinniger, als die anderen Mitreisenden, vielleicht aber arrch naiver als sie, die taub und schweigend dasaßen, ich verstand, daß der erfrorene zznlscher ans ein Traltcmcnt anspielte. Ich hätte ihnr gerne beiden Tbce mit Rum und auch etwas zum Esten geben lassen, aber er war so abstoßend häßlich, so schmutzig, daß ich nrich förmlich vor ihm entsetzte. Ich wandte inich eilig nach dem Fenster ab, um ihn nicht zu sehen, Zum Fuhrmann trat indessen der Diener des Restaurant herzu und faßte ihn heftig beim Arm. „Hier dürfen Juden nicht herein!" rief er mit Nachdruck. „Nun, so gehe ieh schon!" antwortete Joßcl Fuhrmann resignirt. „Ich bilte die Herrschaften einzusteigen, es ist Zeit!" Gleich hinter Jablonne macht die Ehaussee einen rechten Winkel, der Wind, den )vir bis dahin im Rücken hatten, sing jetzt an. von der Seite zu blasen. Es war lein starker Wind, hi Sommer würden wir ihn Zephgr genannt und ihm mit Vergnügen das heiße Gesicht dargeboten haben. Aber bei einem Frost von nahezu zwanzig Grad war eine jede Liebkosung dieses Zephyrs wie di' Berührung mil einem glühenden Eisen. Meine Reisegefährten bargen die -Köpfe in ihre Pelze, aber der Kragen meines Schulmantcls reichte nicht einmal aus, um meine Dhren zu verhüllen. Im Wagen war es aber nicht mehr so >varm lote früher. Ein Theil der Passagiere loar in Jablonne ausgestiegen und nun waren Lücken entstanden. So Mancher holte eine Flasche „Tröster" hervor, die man in Jablonne getauft hatte und bald vernahm das Dhr die lieblichen Plätschertöne des in die Gurgel hinabfließendcn Rasscs. Ein magerer, schweigsamer Spießbürger schluckte an einer großen Flasche, wusch die Ocffnung mit einem rothen Tuch und reichte die Flasche einem im Wagen sitzenden Pächter, dieser trank dem Pharmazeuten zu, ivusch dann die Oesfmmg mit dem Aermel ab und reichte sie demselben. Derselbe schlürfte ein und das andere Mal, pustete, schnalzte mit der Zunge und wendete sich dann zu mir: „Jetzt kommt die Reihe an Sie, Herr Kollege," wandte er sich ermunternd an mich. „Wird nicht schaden, so wahr ich Apotheker bin." Ich hätte mich gewiß verlocken lasten, aber der Kncipengcruch des Branntweins stieß mich ab. „Gott iin Himmel, heilige Veronika!" fing die Pfarrcrshaushälterin mit ihrer singenden Stimine an, „wie kann man einem so zarten Knäblein solche Jauche zu trinken geben! Ich habe hier etwas Besseres. Mein hachwürdigcr Herr traktirt damit die Besucher, die zu ihm kommen." Sie zog eine Flasche „Goldwaster" hervor, schüttete einen kleinen hübschen Becher davon voll und reichte ihn mir bin: „Trinken Sie, Herr Student, der Trank ist bei der Kälte eine wahre Woblthat." Ich that kräftig Bescheid und war förmlich erquickt. „Warum so leicht gekleidet, Herr Student," sorsck.K die gutmüthlge Frau weiter. „Man kann sich leicht erkälten, Gott behüte!" „Eh," machte ich mit geheuchelter Tapferkeit. „Mir geschieht nicht. Bin an derlei Sachen gewöhnt. Uebrigens - ich log, um den Schein zu retten — „ich trage unter dem Mantel einen Pelz." Ich blähte die Lippen und bließ den Dampf vor mich hin, wie Leute thun, denen es sehr heiß ist. Aber der Frost stieg und wir fuhren immer langsamer. Die armen, mit Stroh genährten Pferdchen halten schon den ganzen Vorrath von Energie und Kraft eingesetzt und schleppten sich strauchelnd und ausglcitcnd langsam weiter. Der Tag erlosch; in der Luft schwirrten einige Schnccstäubchen. die t>it Lichte der niedergehenden Sonne goldig und purpurn erglänzten. Ter Allobol fing indessen an, seine Wirksamteit zu zeigen. Der bis dahin stumme Bürger wurde plötzlich beredtsam, er schwatzte von allem Möglichen und stimmte schließlich ein Lied an. Der Pächter kauerte sich zusammen und ließ die Shreu hängen, er fluchte mit leichtem Gebrumme über f ie schlechten Zeiten, die niederträchtigen Getreidepreise, den grausamen Drnck der Großgrundbesitzer und di: jüdischen Blutsauger. Der Pharmazeut wurde noch redseliger und setzte dem Pächter auseinander, daß es das Rathsamste für ihn wäre, Ziegenböcke zu züchten, von denen man allerhand Nutzen haben könne: Wolle, Fleisch. Felle und -Milch. Unter diesen frohen Gesvrächen langten wir in Zegvcc an. wo wir wiederum ein Stündchen Rast halten sollten. Ich trat nur ungern in. dieses häßliche, öde Gasthaus ein. um einige Gläser heißen versüßten Wassers zu schlürfen, welches nach Heu roch, und das man hier Thee nannte. Dann lies ich wieder hinaus.