Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 76-77 (26.9.1901)
- Date
- 1901-09-26
- Page
- – (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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- Serock 2× ep/1861168
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1690 Die Sonne war im Untergehen. Die Wölkchen an, westlichen Himmelsrande sahen ans wie Gazetücher und waren von der Röthe der Abenddämmerung durchs tränkt. „Herrchen, Joßel möchte ein Gläschen Schnaps trinken." brummte es mir in die Ohren. Ich sah mich um und bemerkte Joßels schmierigen Kaftan und sein überaus breites Gesicht. Ich schüttelte mich vor Ekel und lief hinein. Drinnen setzte der Pharmazeut dein Pächter ans einander, daß Schießpulver wider die wilden Thierc eine veraltete (Erfindung sei, wogegen daL Neueste seine Pillen wären, die er stets mit sich führe. „Bitte die Herrschaften einzusteigen, es ist Zeit," verkündete Joßel, in der Thüre stehend, und mit der Peitsche in der Hand fuchtelnd. Gr versuchte es diesmal gar nicht, die Steinherzen der Paffagiere zu erweichen. Im Wagen waren wir jetzt noch vier. Die Eigenthümerin des Goldwaffers war abgestiegen. Dagegen hatte Joßel zwei Juden ausgenommen, die mit ihm den Bocksitz theilten, weil sie es nicht wagten, zu uns hereinzusteigen. ES war jetzt völlig Nacht geworden. Die Sterne blickten mit kaltem Lichte auf die versteinerte Erde ~ Herunter. Gleich hinter der Station mußten wir eine Brücke paffiren. Dann fing der Pharmazeut, der sehr angeregt war, an, die drei Juden auf dem Bock zu hänseln. - .Aber diese kehrten sich nicht an ihn. So langten wir in Serock an. In dein Gasthaus von Serock setzte ich mich an ein Tischchen abseits von den Uebrigen und ließ mir Thee und Braten geben, da mein Hunger noch größer war, als mein ästhetischer Ekel vor diesem Gasthaus, wo ich häufig stationirte.' Der Wirth erkannte niich. „Wieso reisen Sie ohne Ihre Frau Mutter?" frug derselbe. „Wieso!" sagte ich pikirt und streckte die Brust vor, „bin ich denn ern Kind, um stets mit der Mutter zu reisen?" Dabei sah ich ganz kindisch aus. „Wir haben aber ein Fröstchen, das könnte sich in Petersburg zeigen," fuhr jener fort. „Sind Sic nicht zu leicht gekleidet?" sagte er und musterte mich prüfenden Auges. Er schien eine Weile zu überlegen, als wollte ec etwas sagen. Aber er schwieg. Sogleich, als wir in Serock einfuhren, verließ uns einer unserer Reisegefährten, nämlich der schweigsame Bürger. Bald sollte auch der unvergleichliche Pharmazeute uns verlassen. Mittlerweile aber verschlang er den Braten mit Sauerkraut, daß es krachte. Jetzt erhob er sich und trat auf mich zu. „Leben Sie wohl, Herr Kollege," rief er und schüttelte meine Hand, als wollte er sie aus dem Gelenk j reisen. „Ich wünsche Ihnen guten Appetit . . ." I Er schwieg eine Weile, dann bemerkte er:! „Herr Kollege, ich sehe, Sie wollen sich gegen Kälw! abhärten. Das ist sehr, löblich, aber ich möchte rathen, nicht allzuviel des Guten zu thun. Bon so etwas kann inan zuweilen einen Fehler an der Lunge oder cnn , Magen abtriegen. Thun Sie das lieber nicht, Herr i Kollege." ' Er schloieg plötzlich und ließ meine Hand fahren.; In diesem Augenblick schien er mir ernst. Er ging. > Im Zimmer war Niemand außer mir und dem dicken Pächter, inelcher auf z>vei Sesseln schlief und die Fenster durch sein Schnarchen erklirren machte. Ich schlummerte ebenfalls leicht ein — und im Halbschlum mer erschien mir alles wie ein Traum. Aber bald knarrte die Thüre und herein kam Joßel, um uns zum Einsteigen zu mahnen. Mir wurde unsagbar, traurig. Ich sollte wieder in ' die Nacht und den Frost hinaus, vor Kälte erstarren i und die Beschwerlichkeiten der Reise tragen, und was | das allerschliuimste war, die Gesellschaft dieses wider j wärtigen, nach Zwiebeln, Theer und ordinärem Tabak riechenden Inden im schwarzen Kaftan ertragen! Und es waren noch drei Meilen nach Pleszewo, wo ich aussteigen sollte. Das waren die schrecklichsten drei Meilen, die ich jemals im Leben znrückzulegen hatte. Ich bekam Mitleid mit mir selber und fing beinahe zu weinen an, wie ein Kind. Es gab einen Augenblick, da ich alles cnUgeben, um Joßel, dem Pächter und dein Eigenthümer des Gasthauses znrufen wollte: „Macht mit wir, was Ihr wollt, nehmt mir alles, >oaS ich habe, aber laßt mich hier schlafen und weckt mich nicht, bis zum jüngsten Tag." Aber diesen Protest der abgespannten Nerven machte ich nach außen nur in einem stöhnenden Gähnen geltend. Einige Minuten später saß ich auf Joßel's Wagen neben dem Pächter, der noch schlaftrunken war. Auf dein Bock war keiner außer dem Fuhrmann. Der Frost war noch mehr gestiegen; es mochte drei oder vier Uhr nach Mitternacht sein. Di? Sterne hatten ihren grellen Schein verloren, daS dunkle Blau des Himmels wurde heller und heller, es nahte die Stunde des MondaufgangeS. In dem Wagen, in dem es früher so geräuschvoll hergina, herrschte jetzt vollkommene Stille. Außer dem Knarren desselben unterbrachen die Stille nur zwei Töne: das Schnarchen meines Nachbars, der in einen Schafspelz vergraben auf der Bank lag und das Schnauben der Pferde. Joßel rauchte iveder seine Pfeife, noch trällerte er ein Liedlein, oder sprach zu den Pferden. Schweigend und zusammengekauert saß er auf seinem mit Häcksel