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Der Israelit · 1901-09-26 · Heft 76-77 (26.9.1901) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 76-77 (26.9.1901)
Date
1901-09-26
Page
– (sequence 27)
Language
German
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i6ai ii. s. )o.; seine Beziehungen reichten hinauf bis in die höchsten, ertlusivsten Gesellschaftskreise. Vornehmen i Eharalters, >vie er war, hat er aber niemals sein Judenthum verleugnet, wie es leider so häufig geschieht, I um in jenen Kreisen geduldet zu werden, er hat vielmehr! seinen Stolz darein gesetzt, gerade als Jude Achtung,! Anerkennung und Liebe zu erringen. Wie man ihm, I ivas häufig genug geschah, in andersgläubigen Kreisen j wegen seiner übertriebenen Strenge in der Auffassung ' rein humanitä''er Pflichten, oder wegen seiner an Selbstverleugnung grenzenden Uneigennützigkeit, Vorwürfe machte, so lautete stets seine Antwort: „Das lehrt mich mein Judenthum, so fordert es die Religion meiner Väter", und hat dadurch in vielen Fällen einen wahren und echten ct”*i tpnp hervorgerufen. Seine in dieser Vollkommenheit seltene Vereinigung von gründlicher .Herzensbildung und unerschöpflicher Tiefe des Gcmüthes, von praktischer Lebensklugheit und unbegrencher Herzensgute, führte ihm Hilfsbedürftige, A'athsnchende aus jüdischen und nichtjüdischen Kreisen zu. Und es machte ihm die größte Freude, wenn er auch den letzteren seinen Beistand leisten konnte, weil er dadurch das in weiten Kreisen herrschende Vorurtheil gegen Juden und Judenthum zu entwaffnen glaubte und thatsächlich auch in vielen Fällen entwaffnet hat. Gr machte die Angelegenheit Anderer, die sich ihm anüertrnut hatten, zu seiner eigenen und widmete sich ihnen mit Eifer und Ausdauer, und ruhte nicht eher, bis daß es seiner heroischen Willenskraft und seiner beispiellosen Zähigkeit gelungen war, das, was er einmal unternommen, auch zu gutem Ende zu führen. Er UHU eilt ganzer Mann, der alle Halbheiten haßte, ein vornehmer Ebar-atter, der alles Gemeine verabscheute. Mit tiefer Wehmuth im Herzen umstanden die Hunderte non Männern aus allen Kreisen der Stadt seine Bahre: die ergreifenden Worte, die Herr Rabbiner Dr. W e r n e r im Leichenhanse, und sodann am Grabe Herr s)i u ß b a u m als Vorstand der Gesellschal; „Coneordia", Herr Dr. Beer, als Vertreter der Münchener „Bne Berith-Loge" sprachen, fanden ein gleichgestimmtes Echo in der Brust eines Jeden, denn Jeder fühlte, daß einer der Besten aus unserer Mitte entrissen wurde. Ans weiter Ferne waren die Verwandten herbeigeeilt, um mit den nächsten Angehörigen, mit der trostlosen Gattin, die ihm fast zwei Jahrzehnte lang eine treue, liebevolle Gefährtin gewesen, mit den unmündigen Kindern zu klagen und zu trauern. So schmerzlich auch sein Heimgang für die große Zahl seiner Freunde und Bekannten ist, für seine Angehörigen ist der Verlust ein unersetzlicher; Jeder von ihnen sagte sich, er war, seinem irrpn ce> entsprechend, ein nxsns isrx buiLm Frankreich. Paris, 20. Sept. Endlich ist er nach Frankreich gekommen, der langersehnte Gast! Wie ist doch die dritte Republik, diese hohe Kulturerrungenschaft des 19.Jahrhunderts, selig zu preisen und zu beglückwünschen: der russische Kaiser hat allergnädigst und allergütigst geruht, ihren von Bürgerblut getränkten Boden zu betreten! Und es jubeln die „Patrioten," und die „gutgesinnte" Presse stimmt jeden Tag Lobeshymnen an auf den „großen und erlauchten Herrscher," und aus der Straße hört man in einem Athemzuge rufen: „Es lebe die Freiheit! Es lebe der Ezar!" Und auch viele französische Juden, deren höchster Ehrgeiz es ist, den Sitten und Gebräuchen der oberen Zehntausend, der Pariser haute vol6e nachzuahmen, um dadurch womöglich ihre jiid'sche Abstammung, die vielen unter ihnen sehr lästig ist, in Vergessenheit gerathen zu lassen, folgen dem Beispiele der urtheilslosen Menge. Und so laufen sie vor und hinter des russischen Kaisers Wagen her und schreien „Vive l’alliauce franco-russe“. Wie steht es nun in jenem gelobten russischen Lande, dessen Bündniß auch viele französische Juden als Heil und Segen Frankreichs betrachten? Ein christlicher Schriftsteller, dessen Name mir augenblicklich entfallen ist, hat folgenden Ausspruch gethan: „Die Lage der Juden in einem Staate ist der Kulturmaßstab dieses Staates." Nehmen wir diesen Grundsatz als richtig an, so ist Rußland ein Land, das an Kulturmangel nichts zu wünschen übrig läßt. Die kleinlichsten und schn.utzigsten Verfolgungen heißt man gut, Grausamkeit und Niederträchtigkeit sind dort Staatsgrundsätze, nach denen gebandelt und regiert wird. Was die russischen Juden zu leiden haben, kann man sich kaum vorstellen. Sie leiden erstens als Bürger „des heiligen großen russischen Reiches" und zweitens als Juden. Jüdische Arbeiter toerden geknechtet und geknebelt, jüdische Handwerker dürfen den berüchtigten Anstedelungsrayon, in dem sse keine Arbeit finden können, trotz alledem nicht verlassen, selbst dann nicht, wenn sie vor Hunger sterben. Der jüdische Kleinhändler darf es nicht wagen, in's nächste Dorf zu gehen, um dort womöglich einige Kopeken für sein armes Weib und seine hungernden Kinder zu verdienen. Das würde ja die heilige Staatsordnung untergraben, wie kann man es also zulassen. Die jungen Leute, die lernen und sich unterrichten wollen, finden die im Verhältniß zu den von der Regierung selbst unterhaltenen Schnapsbuden sehr wenigen Schulen, verschlossen, sobald sie Juden sind. Ich erinnere mich, als fünfzehnjähriger Knabe im strengsten Winter, bei 30 Grad Kälte, nach Petersburg gekommen zu sein, von dem Wunsche beseelt, eifrig zu lernen und zu arbeiten. Ich hatte aber die Rechnung ohne die löbl. russische Polizei gemacht. Obwohl ich in der Millionenstadl ganz einsam und ohne Mittel war, haben mich einige Polizisten Tag und Nacht verfolgt und endlich gezwungen, die Newastadt zu verlassen. Welch' großes Staatsverbrechen! Ich, der fünfzehnjährige jüdische Knabe, habe es gewagt, die den Juden untersagte russische Hauptstadt zu betreten! Ich erzähle dies lediglich.

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