Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 76-77 (26.9.1901)
- Date
- 1901-09-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1657 Äon dieser Auffassung erklärt sich uns auch ein höchst wunderlicher Ausspruch unserer Weisen. Sie lehren: nw wn rm-n i'rxr ’rfcro ‘ro „Wer am Vortage des Jomkippur sich am Essen und Trinken gütlich chut, dem wird es so hoch angeschrieben, als hätte er zwei Tage, am 9. und 10. Tischri, gefastet. Es ist doch zu sonderbar, daß hier vom Standpunkte der Religion das Essen so hoch, das Fasten so niedrig eingeschätzt wird? Der Sinn liegt numehr auf der Hand. Unter dem Zwange des Fastens sich frei und rein von Sünde zu halten, meinen die Weisen, das wäre noch nicht das Höchste. Weit höher steht Jener, der zwar am 3"v o-iy ißt und trinkt und dennoch allem Unlauteren so fern steht, wie am Versöhnungstage selbst. Von dem richtigen Verständnisse dieses Satzes getragen, hatte ihn einst ein Rabbiner seiner Gemeinde gegenüber in höchst wirkungsvoller Weise zur Anwendung gebracht. Er sprach zu Kol nidre über die beklemmende, ja beängstigende Stimmung, der sich kein wahrer Jsraelite in dieser Stunde erwehren kann. Wer könnte mit freiem Muthe Gott nahen, der da weiß, daß er Rechenschaft von ihm heischt? Eine verzweifelte Lage in der That. In jenem Augenblick, als Josef die Maske fallen ließ und sich seinen Brüdern zu erkennen gab, hatten diese doch nur einen Schatten davon verspürt' Wie standen sie dennoch vom Schrecken des Augenblickes betreten, da, daß dem sonst vor Königen selbst so beredten Juda das Wort auf den Lippen erstarb — wx nurb mx Ho' xbi und sie allesammt kein Wort der Antwort hervorstammeln konnten. Rur eines, meinte er, könnten wir zu unserer Rechtfertigung anführen: Gesetzt, man würde unter anderen Völkern eine Lehre verkünden:i*rx3 wns rwi ^ixn bv n’twn wn rwjwn daß Essen und Trinken das Fasten überwiege. Beim Eintritte des Jomkippur würde dann wohl kaum einer auf den Füßen mehr stehen können. Hat man jedoch schon je davon gehört, daß irgend ein Jude im berauschten Zustande in den heiligen Versöhnungstag eingetreten wäre? — Das ist auch in der That ganz unmöglich. Denn über unser Genießen am Erew Jomkippur ist ja bereits die Heiligkeit des Versöhnungstages ausgebreitet, die selbst dieses mit verklärter Weise umgibt. Aehnliche seelenvolle Stimmungen, nur noch freier . und gehobener, erwartet das Gebot der heiligen Thora, wenn es uns angesichts der ganzen reichen Fülle des! Herbstes zur Freude an — Gott auffordert. onrm* 08' 'pdx '-I. So haben auch unsere Weisen den Grundgedanken unseres Festes verstanden. Sie lehren rwy an n: X7 0X3 ix rrnprp =x ym1 x n nnatpji n*r:: JTSpTtt nax m n nnccoi nb’jj vn-O. „Wenn das Psalmlied von unserem Feste singt: Diesen Tag hat Gott gestiftet, wir wollen uns an ihm freuen und jubeln, so könnte es zweifelhaft sein, bei wem wir die Quelle unserer Freude suchen sollen, ob in Gott, oder in dem äußeren Anlasse, das ist der Erntesegen, dem er seine Einsetzung verdankt. Diesen Zweifel behebt uns Salomo, wenn er im Hohenliede Gott selbst als die Quelle seiner Freude besingt. nrwj n'ra:. Erst in dieser erhöhten Auffassung der Freude gelangen die Gegensätze, die bei ihrer Würdigung laut wurden, zur Versöhnung. Jene Freude, welche ihren Höhe- und Lichtpunkt in Gott findet, ihr dürfen wir uns getrost hingeben. Sie wird uns erheben, aber niemals in die Tiefe der Sünde stürzen. Dieser Freude gilt auch der Einwand nicht, daß sie sich innerhalb allzuenger Schranken bewegt. Sie ist viel mehr von einem reichen und reinen Herzen, als von einer reichbesetzten Tafel bedingt. Vor dieser Freude verstummen auch die Einwendungen des sonst so ätzenden, die Dinge stets von ihrer schwärzesten Seite betrachtenden Koheleth. Glaubt einer in seinem eifrigen Streben Alle überboten und die glänzendsten Erfolge dabei errungen zu haben, Koheleth straft ihn mit schnöder Verachtung und gibt ihm zu bedenken, :rre& dtk bvx daß schließlich alles einen Tribut des nimmersatten Mundes bilden werde. Weist einer auf seine Freuden und Vergnügungen hin, Koheleth hielt ihm die stachlichte Frage entgegen: new rt no „Was die Freude denn eigentlich Dauerndes gewirkt?" Hat jedoch Jemand den Erfolg seiner Arbeit höheren Bestrebungen dienstbar und zur Grundlage seelischer Erhebung gemacht, so kann sein Thun auch das strengste Urtheil bestehen. Sein Theil preist auch Koheleth als ein glücklicher; denn er lehrt: onxn bs a nxe6i uea pi-xb latem odm loiy op4*« \n: nox xn ’p^x nro m ibvyo niwbi p*?n r« „Wenn jedoch Gott einem Menschen Reichthum und Vermögen beschieden und ihm verstattet, davon zu genießen, aber auch sein besseres Theil daran zu erheben und solcher Art sich seiner Arbeit zu freuen, — das ist eine wahre Gabe Gottes." Mit solchem Kranze schmückt das Laubhüttenfest unseren Erntesegen. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 17. Sept. Von ungewöhnlichem Interesse ist ein Brief, den der verstorbene Staatsminister von Miguel an die Erben von Ludwig Nürnberger nach dessen Hinscheiden am 16. März 1899 gerichtet hat. Derselbe lautet: „Hochgeehrter Herr! Zu meinem lebhaften Bedauern bin ich durch dringende, unaufschiebbare Geschäfte verhindert, morgen der Beisetzung Ihres Heimgegangenen Bruders beizuwohnen. Um so mehr drängt es mich, Ihnen und Ihrem Herrn Bruder mein tiefes Beileid und Mitgefühl über den so plötzlich und unerwartet eingetretenen schweren Verlust schriftlich auszusprechen. Mit Ihrem von mir so hochverehrten Bruder ist wieder einer der alten Kämpfer für Deutschlands Einheit heimgegangen. In ihm verlieren wir einen der