Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 99 (16.12.1901)
- Date
- 1901-12-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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2190 ron James Rothschild, jederzeit freien Zutritt zum Kaiser Napoleon, der ihm nicht nur über Finanzfragen, sondern auch über Politik ein freies Wort zu gestatten pflegte. Dies bot die Möglichkeit, durch Vleicbröder und Rothschild an den Kaiser Mittheilungen gelangen zu lassen, für welche der amtliche Weg nicht geeignet schien. In jenen Jahren hielt Bismarck für geboten, die Beziehungen zu dem mächtigen Monarchen mit allen verfügbaren Mitteln sorgfältig zu pflegen, und legte daher Werth daraus, auch diesen Weg vertraulicher Mittheilungen mitunter benutzen zu können. Durch mich sind derartige Anträge nie vermittelt worden; doch erhielt ich die Anweisung, Herrn Bleichröder über die Lage der auswärtigen Politik, soweit sie nicht geheim zu halten war, auf Befragen fortlaufend zu unterrichten, damit er Eröffnungen der bezeichneten Art, die der Minister sich selbst vorbehielt, schnell und richtig auffasten könnte. Herr Bleichröder pflegte daher mehrmals in der Woche am frühen Morgen zu mir zu kommen und einige Minuten zu verweilen, an warmen Tagen im Garten, sonst in meinem Wohnzimmer. Ich lernte ihn aus diese Weise genau kennen und aufrichtig schätzen. Die gelegentlichen Aufträge des Ministers an Bleichröder hatten zur Folge, daß dieser sich als Hilfsarbeiter des Auswärtigen Amtes fühlte und demnach, wenn er von Bismarck sprach, ihn „unfern hochverehrten Ehef" zu nennen pflegte. Weiteren Kreisen durfte der politische Grund seiner öfteren Besuche im Auswärtigen Amt natürlich nicht bekannt werden. Es erhob sich daher manchmal das Gerücht, daß Bismarck durch Vleicbröder für sich Börsengeschäfte machen ließe, was thatsächlich niemals geschehen ist. Er hat oft genug ausgesprochen, es sei völlig unerlaubt, seine Kenntnis; der politischen Lage zu Spekulationen zu benutzen; ein Minister, der sich damit befaffe, müsse in Versuchung kommen, seine politischen Entschlüsse durch Rücksichten auf persönliche Bortheile oder Nachtheile beeinflussen zu lasten, und könne daher keine gute Politik machen." Von autoritativster Seite wird-stomit eine Verdächtigung entkräftet, welche bekanntlich nicht nur von den „Kreuzzeitungs-Männern, Diest-Daber und Genossen, gegen den Fürsten Bismarck, sondern von der „rein"-antisemitischen Internationale gegen die Juden ausgeschlachtet wurde und in deren Scknmpfreaister noch heute obenan steht. Jnowrazlaw, im Dez. Unsere Gemeinde hat einen schweren unersetzlichen Verlust erlitten. Mit der Frau Ernestine Auerbach haben wir eine “trx mttrr in des Wortes edelster Bedeutung verloren, eine Frau, die nicht nur unserer Gemeinde, sondern dem! ganzen Judenthum zur Ehre und Zierde gereichte. Als Tochter des unvergeßlichen Vorstehers des Beth-Hamidrasch, des seiner mannigfachen Verdienste wegen von Kaiser Wilhelm I. dekorirten Herrn I. Oppenheim s. A., hat sie das Beispiel der Frömmigkeit und Wohlthätigkeit von frühester Jugend an vor sich gesehen, und sie folgte diesem Beispiele mit einem glühenden Eifer, mit einer freudigen Begeisterung, die sie zur Wohlthäterin par excdlenee, zur Wohlthäterin der Lebenden und Tobten machte. Mit dem greisen, vierundachtzigjährigen Gatten, der ebenfalls Vorsteher des Veth-Hamidrasch ist, mit dem Sohne, Herrn Sanitätsrath Dr. Auerbach-Berlin, geleiteten viele hunderte Personen die ausgezeichnete Frau zum Friedhofe, und aus der Leichenrede, die Herr Rabbiner Dr. K o h n der Krankenvorsteherin des Frauenvereins gehalten, wird Jedermann entnehmen, daß die allgemeine Trauer und ungetheilte Theilnahme eine wohlverdiente ist. Anknüpfend an das Propheten- >vort: „Ich sehe einen Leuchter ganz aus Gold, und zwei Oelbäukne daran" (Zacharia 4. I—3.), sagt Redner, „von wem gilt dieses Wort mehr, als von der ehrwürdigen, hochbeiagten und hochgeachteten Greisin, deren Bahre wir umstehen! Wenn jener Engel, m. F., uns fragen würde: nxi nnx Was habt Ihr in der verklärten Frau gesehen? Was in ihr geschätzt, geachtet, verehrt, bewundert?!, wir würden dieselbe Antwort geben: rm mua n;-: T'*r,. Wir haben in ihr gesehen einen Leuchter ganz aus Gold; einen Leuchter, der gestrahlt und geleuchtet hell und klar, im Familienheiligthum, in der stillen Häuslichkeit, und zugleich bineingestrahlt und hineingeleuchtet in die Hütten der Armen und Dürftigen, in die Herzen der Wittwen und Waisen, in's Gemüth, in die Seelen der Verlassenen und Hilflosen. Ein goldner Leuchter, der erhellet und erleuchtet den Weg des Gatten, auf dem er die Krone eines hohen, ehrwürdigen Alters gefunden und zugleich erhellt und erleuchtet den Pfad des Sohnes, auf dem ihm die überaus kostbare, das Mutterberz mit freudigem Stolze erfüllende Krone der Wissenschaft, der Gelehrsamkeit zu Theil geworden. Ein goldener Leuchter, der mit seinem Licht und seinem Glanz erfreut die Lebenden und zugleich seine Strahlen ausgegossen auch über die aus dem Leben Scheidenden, über die Tobten . . . Die zwei Oelbäume aber, die das Licht und den Glanz dieses goldenen Leuchters genährt und gemehrt, waren, m. F., Frömmigkeit und Wohlthätigkeit! In Frömmigkeit und Wohlthätigkeit von frommen, gottesfürchtigen Eltern erzogen, ist sie die edle, würdige Tochter ihrer würdigen, uns unvergeßlichen Eltern geworden. Das Haus der Verklärten war ein Heiligthum, eine Stätte der Wohlthätigkeit und Barmherzigkeit; ihr Tisch ein Altar, aus dem reiche Opfer der Nächstenliebe, der Mildthätigkeit dargebracht wurden. Wer der Hilfe, der Unterstützung bedurfte, Arme und Dürftige, Kranke und Sieche, Wittwen und Waisen, Alle betraten das Heiligthum ihres Hauses und sie, eine Hohepriesterin der Wohlthätigkeit, versöhnte Alle mit ihren? Geschicke, mit der Härte und Bitterkeit ihres Schicksals, versöhnte Alle mit ihrem Gotte und mit sich selber!!! Aber nicht nur den Lebenden, auch den Todten erwies sie rvx br« c“c~ tv-Vc: wahre, selbstlose Wohlthätigkeit, und zwang also auch den Todesenael, einen Platz einzuräumen den Engeln der Liebe und Barmherzigleit. Was die Verklärte dem Frauen- Verein gewesen, brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen.