Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 99 (16.12.1901)
- Date
- 1901-12-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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2189 Aettnngsnachvichlen und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, im Dez. Zum ersten Male liegt nunmehr auch ein gedruckter Bericht über das zweite Waisenhaus der hiesigen jüdischen Gemeinde in Pankow vor, welcher von dessen Direktor, Herrn I. G r u n w a l d , erstattet ist. Vor 19 Jahren als „Erziehungshaus Pankow" von dem verstorbenen Justizrath M a - t o w e r begründet, diente dieses Haus zunächst dazu, 39 russischen Flüchtlingskindern eine Stätte zu ihrer Erziehung zu bieten. Die Knaben sollten hier zu sauberen, ordnungs- und wahrheitsliebenden Menschen erzogen und nach Erlangung der nöthigen Schulkenntnisse ohne Ausnahme zu Handwerkern ausgebildet werden, damit sie dereinst ihren Familien eine Stütze und ihren Brüdern in Rußland ein Vorbild seien. Der Erfolg war ein glänzender. Im Oktober 1886 wanderten nach bestandener Prüfung die ersten drei Gesellen nach Amerika aus, die übrigen, denen die vorangegangenen Kameraden Helfer und Berather wurden, folgten auf demselben Wege nach. Die Auswanderung wurde auch für die Geschichte der jüdischen Gemeinde zu Berlin bedeutsam, welche die freiwerdenden Stellen nach und nach mit Berliner Waisenkindern besetzte, bis sie am 1. Januar 1891 das Haus in eigene Verwaltung übernahm und damit ihr zweites Waisenhaus begründete mit dem Zwecke, halb oder ganz verwaiste, verlassene oder sonst der Armenpflege der Gemeinde anheimfallende Knaben zu pflegen, zu erziehen und vorzugsweise zu Handwerkern heranzubilden. Bon den 128 Berliner Knaben, die bisher in das Waisenhaus eingetreten sind, haben 73 die Anstalt bereits verlassen, von denen 66 ein Handwerk erlernt haben. Es befinden sich darunter Tischler, Maschinenschloffer, Tapezierer, Lederarbeiter, Schneider, Gärtner, Holzbildhauer, Klempner, Töpfer, Gürtler, Stubenmaler, Buchdrucker, Buchbinder, Zahntechniker, Sattler, Nadler, Holzdrechsler, Uhrmacher, Graveure, Goldarbeiter, Bäcker, Klavierbauer, Mechaniker und Musterzeichner. Gegenwärtig zählt das Haus 66 Zöglinge, und zwar 37 Schüler und 18 Handwerkslehrlinge. Die meisten der entlassenen Zöglinge sind in Berlin in Arbeit, und ein vortreffliches Bindeglied für die Zöglinge, welche außerdem in steter Beziehung zum Waisenhause verbleiben, ist der hauptsächlich zur gegenseitigen Unterstützung der Mitglieder begründete „Handwerkerverein ehemaliger Pankower Kameraden" geworden. Die Anstaltsschule steht unter Aufsicht der königlichen Regierung zu Potsdam und ist wiederholt von der Schulbehörde revidirt worden. Die Zöglinge unterstehen ärztlicher und zahnärztlicher Beaufsichtigung und Behandlung; ernstlich erkrankte Kinder finden im jüdischen Krankenhause unentgeltliche Aufnahme. Außerordentlich bedauerlich ist es, daß dem Hause, dessen schweres Erziehungswerk zu so reichem Segen gediehen ist, bisher nur vier Stiftungen zugewendet worden sind, worunter sich eine gütige Spende der Kaiserin im Betrage von 3000 Mk. befindet, und es steht lebhaft zu wünschen, daß die Zahl der Stiftungen eine recht baldige und angemeffene Vermehrung erfahre. Die Aufnahme der Kinder — und zwar ausschließlich von Knaben — erfolgt durch die Waisenkommiffion der jüdischen Gemeinde nach Anhörung des Direktors. Aufnahmefähig sind die Kinder vom vollendeten sechsten bis zum vollendeten zwölften Lebensjahre. Dieselben können bis zur Beendigung ihrer Lehrzeit in der Anstalt behalten tverden. Bemerkenswerth und mustergiltig erscheinen uns die vom Direktor ausgestellten und in vier Punkten prägnant zusammengefaßten Grundsätze zu sein, nach denen der Arbeitsplan zur Durchführung gelangt. Bei jedem Unterrichtsgegenstand wird auf die Wichtigkeit und Nützlichkeit des Handwerks hingewiesen. Durch das Zusammenleben der Handwerkslehrlinge mit den Schülern wird in glücklichster Weise auf die Entwickelung der Schüler eingewirkt. Die strenge, durch das Haus geübte Kontrolle über die Lehrlinge ermöglicht es, den Lehrmeistern an Ordnung und Pünktlichkeit gewöhnte Burschen zu erhalten, und endlich bietet das Zusammenhalten des Hauses mit den früheren Zöglingen die Gelegenheit, die Wirksamkeit der Anstalt in diejenigen Kreise hineinzutragen, für welche dieselbe bestimmt ist. Auf der Basis der strengen Durchführung dieser Grundsätze hat sich das Haus als ein Erziehungshaus für Handwerker jüdischen Glaubens durchaus bewährt, und es konnte wirksam gegen das Borurtheil angekämpft werden, welches gegen die Erziehung jüdischer Knaben zu Handwerkern zum Theil jetzt noch besteht. Zugleich konnte auch die Grundlage der Thätigkeit des Hauses als richtig erwiesen werden, daß bei der Waisenerziehung das Hauptgewicht auf die Ausbildung der Waisen nach ihrer Entlastung aus der Schule zu legen ist. Berlin, im Dez. In seinen demnächst erscheinenden „Erinnerungen aus den Jahren 1846—1872" erzählt der ehemalige deutsche Botschafter in Rom, Robert von Keudell, vorher ein bevorzugter Vertrauter und Mitarbeiter des Fürsten Bismarck im Auswärtigen Amt, über die Beziehungen zwischen Bismarck und Bleichröder wie folgt: „Zu den Personen, die Bismarck näher standen, gehörte schon damals (1864) Herr Gerson Bleichröder. Chef des Bankhauses S. Bleichröder, ein Mann von ungewöhnlichen Fähigkeiten. Sein Verstand war so lebendig wie durchdringend, sein Gedächtniß zuverlässig, sein Herz fest und treu. Das bei ihm deponirte Kapitalvermögen des Ministers gab ihm fast nichts zu thun, weil Spekulationen irgend welcher Art mit dessen Werthen verboten waren; aber seine Stellung zu dem Pariser Hause Rothschild führte ihm mitunter einen politischen Auftrag zu. Die Frankfurter Familie Rothschild ist bekanntlich in Wien, Paris und London verzweigt; ihr Vertreter in Berlin aber war Bleichrödec. Nun hatte der damalige Chef des Pariser Hauses, Ba