Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 74-75 (19.9.1901)
- Date
- 1901-09-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1629 „Mein Sohn war doch längst Arzt. — Und überdies sind wir überall, zu jeder Zeit und in jedem Berufe, in Gottes Hand." Das junge Mädchen sah fast ehrfurchtsvoll zu der Sprechenden auf. „In fast jedem Berufe," fuhr Frau Müller fort, „setzen die Menschen gar oft ihr Leben in Gefahr für materielle Güter, während der Arzt sein Leben nur für das Leben und die Gesundheit Anderer in Gefahr bringt. Unser vielgeschmähter Talmud warnt ernstlich davor, einen Beruf zu wählen, der das Leben gefährdet, vor dein ärztlichen Berufe warnt er jedoch nicht." „Der vielgeschmähte Talmud.'," wiederholte die juuge Dame, es lag ein gewisses Staunen in ihrem Ton, „kennen Sie den? Ist das nicht das Gesetzbuch der Israeliten? Wie kommen Sie darauf?" „Weil ich Israelitin bin," versetzte Frau Müller lächelnd. „Israelitin sind Sie, gnädige Frau!" rief das junge Mädchen mit dem Ausdrucke mastlosen Staunens. „Das wundert Sie so sehr?" „Offen gestanden, ja — ich habe immer geglaubt —" „Dast die Israeliten Menschenfresser sind, ist's nicht so?" - „Ach nein, nein!" ries die junge Dame, in ein herzliches Lachen ausbrechend, „seien Sie mir nicht böse, liebe gnädige Frau. — Sie sind mir so überaus sympathisch und ich schulde Ihnen so vielen, so überaus vielen Dank." „Davon dürfen Sie nicht reden, Fräulein: was ich Ihnen gethan habe, ivar so unbedeutend —" ..Iuanita sagt das Gegentheil." „Iuanita übertreibt in ihrer Sorgfalt um Sie." „Nun ja, ich weist wohl, dast sie Uebertreibungen liebt. Aber im klebrigen, gnädige Frau, ich versichere Sie, sie ist so brav, so gut, so treu — ich wüßte nicht, was sie für mich thäte. Sie ist schon seit 25 Jahren in unserer Familie, sie war die Milchschwester meiner seligen Mama, ist dann ihre Kammerfrau geworden, und als meine Eltern geheirathet haben, ist sie mit nach Deutschland gezogen. Meine Mama war nämlich aus Sbanien." „Aus Spanien? — Aha, daher stammen auch die schwarzen fuulelnden Augen." „Aber mein Haar kennzeichnet mich als Deutsche, mein Papa war ein Norddeutscher, Herr von Rauenstein. Das Stammschloß unserer Familie liegt hier in der Nähe, gehört jedoch nickt mir, sondern einem Onkel." „Es ist vermuthlich Majoratsgut —" »Ick ja, so ist's — und denken Sie nur, gnädige Frau, wie treu die Iuanita ist, — schon seit Jahren ist üe verlobt mit bem Kammerdiener meines Onkels, aber sie will nicht eher heirathen, bevor ich nicht verheirathet bin, sie sagt, sie habe das meiner Mama versprochen." „Das ist allerdings ein Bweis von großer Treue. Das gnädige Fräulein sind bereits verlobt?" „Verlobt? — verlobt nun wohl eigentlich nicht, verliebt aber ganz gewiß nicht," fügte sie lachend hinzu. „Aber um's Himmelswillen, gnädige Frau, Sie nennen mich gnädiges Fräulein! — Sie, die ältere, hochgeehrte Dame, mich junges, einfältiges Ding — gnädiges Fräulein!" Ein freundliches Lächeln umspielte Frau Müller'Z feingespaltene Lippen. „Wie wünscht Fräulein von Rauhenstein denn von der alten Judenfrau genannt zu werden?" „Aber ich bitte Sie, gnädige Frau! wie können Sie so reden? Sie, eine alte Judenfrau!"- „Was bin ich denn anders? — ich bin Jüdin und bin alt, folglich —" „Nein, nein! — bitte, gebrauchen Sie das häßliche Wort nicht mehr — ich sehe cs ja ein, ich habe Sie beleidigt — wenn ich nur wüßte, wie ich's wieder gut machen könnte —" ..Sie haben nichts wieder gutzumachen, liebes Fräulein, Sie haben mich durchaus nicht beleidigt." „Doch, doch, ich sehe es ja ein. — Aber wenn Sie wüßten — ich fyabe meines Wissens noch nie eine Israelitin gesehen, geschweige mit einer gesprochen — daher ivar ich so perplex —" „Sie kennen die Juden vermuthlich nur aus den Tagesblättern?" „Ja," eriviederte das Fräulein erröthend. „Sie lverden daher begreifen —" „Vollkommen begreife ich, daß Sie überrascht waren, Juden zu sehen, die anständige Menschen zu sein scheinen." „Anständige Menschen? — sagen Sie Engel. — Ihr Herr Sohn hat mit Gefahr des eigenen Lebens mein Leben gerettet. Sie waren so gütig, so überaus freundlich zu mir. — Ihr liebes Gesicht war das erste, das ich erblickte, nach dem grauenvollen Wellenbad —" Ihre Stimme bebte in der Erinnerung an die gestern überstandene Gefahr und ihr zartes Angesicht ward um einen Schein bleicher. „Sie müssen nicht beständig daran denken, liebes Fräulein, das regt Sie allzusehr auf. Haben Sie keine Bekannte hier?" „Keinen einzigen. Wir sind ganz unvorbereitet hierher gereist. Ich stehe nämlich in gewisser Beziehung allein in der Welt," fuhr sie tief ausseufzend fort. „Vor fünf Jahren hatte ich das Unglück, meine liebe Mama zu verlieren, und vor acht Monaten wurde mir auch mein guter, lieber Papa durch den Tod entrissen. Mein Papa und mein Onkel wünschten, daß ich den Sohn des Letztern. meinen Vetter Alfred, heirathen möge, und Alfred hat auch wiederholt um meine Hand angehalten -aber ich habe mich noch nicht entschließen können, sie ihm zuzusagen —" ' „Und warum nicht?" fragte Frau Müller.