Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 73 (17.9.1901)
- Date
- 1901-09-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1613 „Na und ob! — wenn man mit den Stiefeln und mit allen Kleidern in’3 Wasser springt. — Aber das wollte ich Ihnen doch noch erzählen, daß der junge Herr iwm Kaiserhof, der uns so zugeredet hat, daß wir mit ihm Kahnfahrten sollen, durchaus hat haben wollen, das; Sie zu ihm in's Hotel gebracht werden sollten. Aber die beiden anderen Herren haben gesagt, das geht nicht, das ist zu weit, und ich habe gesagt, wenn's auch nicht zu weit wäre, mochte ich's doch nicht zugeben, daß Sie dorthin gebracht werden, weil er an allem schuld ist. Und da hat der Herr Doktor gesagt, es tväre am besten, wenn Sie in seine Wohnung gebracht lvürden, die wäre ganz nahe. Er wohnt näinlich hier im Hause in der ersten Etage. Und da hat der andere Herr gesagt, dem dieses Haus gehört, ich glaube, er heißt Herr Holm, seine Parterrewohnung tväre leer, dahin sollten Sie gebracht werden und er selbst hat Sie hergetragen. Und seine Frau und die Mutter von dem Herrn Doktor haben Ihnen die nassen Kleider ausgezogen und haben Ihnen frische Wäsche angezogen, und Frau Holm hat gesagt, wir tonnten hier bleiben, so lange Sie wollten, und wenn Sie wünschten, tonnten wir ganze Pension bei ihnen haben, aber wenn's Ihnen angenehmer wäre, im Kurhaus zu speisen, so hätte sie dagegen auch nichts. Und wenn's Ihnen recht ist, gnädiges Fräulein, so gehe ich nachher in den Kaiserhos und zahle dort die Rechnung und lasse unser Gepäck herbringen. Denn diese Billa, Strandvilla heißt sie, glaube ich, liegt viel schöner als der Kaiserhos, hier hat man die See immer vor Augen, das lieben Sie ja, gnädiges Fräulein —" So plauderte die Redselige fort, bis sie durch ein leichtes Klopsen an der Thüre unterbrochen ward, - — der Arzt trat gleich darauf in's Zimmer. „Frau Holm benachrichtigte mich, daß hier eine sehr lebbaste Unterhaltung geführt wird, das widerspricht entschieden meiner Anordnung und möchte ich daher sehr bitten —" Juanita war glühend roth geworden. „Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, Herr Doktor, aber ich kann nichls dafür. Mein gnädiges Fräulein wollte durchaus Alles wiffen, was konnte ich da machen?" „Juanita hat mir nur erzählt, welch' großen, großen Twnk ich Ihnen schulde. Herr Doktor —" „Frau Inanita hätte wohl etwas Gescheidteres ihnn können," versetzte der Arzt, den Finger an das Handgelenk des jungen Mädchens legend. „Sie haben mir das Leben gerettet — mit Gefährdung des eigenen Lebens —" flüsterte sie mit bebender Stimme. Er schüttelte lächelnd den Kopf. „Ruhig, ruhig, liebes Fräulein, wissen Sie nicht, Ruhe ist die erste Bürgerspflicht." — „Ich bin aber adelig," entgegnete sie mit einem Anflug von Muthwillen. „Dann sind Sie doppelt zur Ruhe verpflichtet, denn Sie wissen doch, der Adel soll dem Bürger mit gutem Beispiel vorangehen. Aber im vollen Ernst, gnädiges Fräulein —" „Bitte, bitte Herr Doktor, lassen Sie doch das „gnädiges" weg. Mich ärgert es schon genug, daß Juanita sich das nicht abgewöhnen will. Aber von Ihnen — Sie glauben doch nicht, daß —" „Nichts glaube ich, mein Fräulein, gar nichts glaube ich, als daß Sie sich ruhig verhalten müssen, unbedingt ruhig. Ihr Puls ist etwas erregt, das hat, vorausgesetzt, daß Sie sich ruhig verhalten, durchaus nichts zu sagen. Wenn Sie aber beständig grübeln und sich ansregen, so können gar leicht mehrere Tage vergehen, bevor Sie sich wieder wohl fühlen. Also wollen Sie mir den Gefallen thun und sich vollständig ruhig verhalten?" „Um Ihnen, Herr Doktor, einen Gefallen zu thun, ivürde ich Alles thun." „Ah, das ist schön von Ihnen, mein gnädiges — pardon! mein Fräulein. Dann werden Sie mir wohl auch gestatten, Ihre Frau Juanita mit hinüber zu lahmen. Frau Holm hat sich erboten, Ihnen Gesellschaft zu leisten, jedoch ohne Sie zu unterhalten. Sie ivürde ein Buch nehmen und sich dort zum Fenster setzen, damit Sie nicht ganz allein sind, aber Unterhaltung gebrauchen Sie setzt nicht. Mir wäre es am liebsten, wenn Sie eine Stunde lang schlafen würden, dadurch würden sich Ihre Nerven am raschesten beruhigen." „Ich werde schlafen," versicherte sie, mit ihren großen, dunkelstrahlenden Augen zu ihm aufblickend, „ganz gewiß, ich iverde gleich schlafen." „Dann will ich mich empfehlen. Und Frau Juanita darf ich mit mir nehmen?" „Wenn es Ihnen recht ist, gnädiges Fräulein, könnte ich in den Kaiserhof gehen und unsere Effekten hierherbringen lassen -—" „Ja, ja, gehe nur, ich will jetzt schlafen, um dem Herrn Doktor den Gefallen zu thun." „Bravo, bravissimo! Ich habe die Ehre, dem gnädigen Fräulein angenehme Ruhe zu wünschen und werde mir erlauben, mich morgen in den Frühstunden wieder nach Ihrem Befinden zu erkundigen." Er verneigte sich grüßend und verließ das Zimmer, begleitet von Juanita, an deren Stelle gleich darauf Frau Holm eintrat. Dieselbe ließ sich in einiger Entfernung von dem Bette nieder, jedoch so, daß sie die in demselben Ruhende beobachten konnte. Das junge Mädchen schien zu schlummern, wenigstens hatte sie die Augen geschlossen und ihre langen, dunkeln Wimpern lagen regungslos auf ihren alabastergleichen Wangen. Denn sie war noch sehr bleich, hätte man sie nicht athmen sehen, man hätte sie für leblos halten können. Frau Holm blickte mit aufrichtigem Interesse auf die reizvollen Züge der jugendlichen Schläferin, aber auch aus den funkelnden Brillantring an ihrem Finger. Allmählich, ganz allmählich verlor sich die geister-