Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 72 (12.9.1901)
- Date
- 1901-09-12
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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1600 nicht gelernt, und was bewegt Dich so furchtbar, und was hat der Sohn seinem Vater zu verheimlichen?" Ergriffen schaute Jizchak seinen Vater an und sprach: „Ich hätte von selbst mit Dir gesprochen, auch wenn Du mich nicht gefragt hättest, denn schweres Leid erfüllt mein Inneres, und nicht länger kann ich's allein ertragen. So höre denn. Schon als ich noch ein kleines Kind war, begannst Du mit mir zu lernen. Mit hoher Bewunderung erfülltest Du mich für die großen Männer unserer grauen Vorzeit, ihre Worte ließest Du mich als Gottesworte vernehmen, und das ewige, unablässige Studium dieser Gottesworte bezeichnetest Du als meinen sowie aller Juden Lebenszweck. Und Du wußtest gut zu sprechen, und der Knabe folgte Dir gern, denn in allem konntest Du selbst ihm als ein erhabenes Beispiel voranleuchten. Doch ich ivurde älter. Neue Eindrücke empfing mein Geist, neue Gefühle durchzogen mein Herz. Ich wuroe ein anderer. Noch heute erinnere ich mich, und wohl ewig werde ich gedenken jenes Tages, da ich zuerst mir deffen klar bewußt wurde. Es war an einem schönen Frühlingsmorgen, da ging ich einst hinaus in den Wald. Lange streifte ich umher, bis ich schließlich ermüdet in einer schattigen Gegend Halt machte, wo ich mich auf eine Bant legte. Im weiten Wald war ich alleine, von Menschen nirgends eine Spur. Gewaltige Tannen umrauschten mich geheimnißvoll, hoch über mir schlossen sich ihre Zweige zu einem Dom von hehrer Pracht. Nur hie und da vermochte mein Auge oie grüne Decke zu durchdringen, und voll tiefer Ahnung erblickte ich des Himmels märchenhaftes Blau. Mir wurde gar seltsam zu Muthe. Mächtig ergriff mich die Leidenschaft, das alles, was ich trunkenen Auges erschaute und was mich mit seligen Gefühlen erfüllte mir bildlich darzustellen: Ich ergriff Papier und Blei und begann zu zeichnen. Doch bald ließ ich die Hand sinken, noch hatte ich das Vermögen nicht, darzustellen, was ich so lebhaft empfand. — In diesem Augenblick erkannte ich klar, daß meine Neigungen mich dahinzogen, die große Kunst Raphaels auszuüben. Ich weiß auch, und ich täusche mich nicht, daß oie Natur, also Gott, mir große Fähigkeiten gegeben hat, die mich zu einem bedeutenden Maler machen könnten, aber mir fehlte die Ausbildung, ich müßte eine Schule besuchen. Und nun kommt das Schreckliche. Ich bin Jude, ein frommer Jude, und nicht Dir brauche ich zu sagen, was das heißt. Die Menschen, die ich so leidenschaftlich lieben möchte, unter denen und für die zu arbeiten mein heißester Wunsch ist, umgeben mich mit einem starren Wall von teuflischem Haß und schmachvoller Verachtung, wohin ich auch mich wendete, stieß man mich zurück, denn Niemand will sich ja an dem schmutzigen Judenjungen verunreinigen. So ist mir die Welt verschlossen, und jene Flamme, die in mir lodert, muß elend ersticken oder wird mich verzehren. Was ich in den letzten Zeiten gelitten, das weiß nur Gott, zu dem ich betete, wenn in schlaflosen Nächten ich auf meinem Lager mich wälzte. Er hat mich zwiespältig erschaffen: Er ließ als Jude mich geboren werden, ewig zu lernen und ewig zu dulden machte Er also zu meiner Bestimmung, doch gleichzeitig gab Er mir Wünsche und Neigungen, die ich niemals befriedigen kann, gab Er mir Fähigkeiten, die ich verkümmern lassen muß. So bin ich denn zum Unglück geboren und muß unter diesem Zwiespalt zu Grunde gehen. D, wie heiß habe ich zu Gott gefleht, daß Er mir nehme diese verderblichen Neigungen und Fähigkeiten, daß Er mir einhauche jene hohe Seelenruhe, die Du besitzest, mein Vater, aber ich blieb wie ich war. Da bat ich Gott, mich sterben zu lassen, um vor dem Schlimmsten mich zu bewahren: aber ich lebe noch immer." Jizchak schwieg. Die Worte, mit denen er geschlossen, ließen die öde Trostlosigkeit erkennen, die die Brust dieses Jünglings erfüllte. Rabbi Jehofchua hatte ihn stumm angehört; jetzt sank sein Haupt auf die Brust, und lange verharrte er in tiefster Stille. Doch endlich begann er: „Ich habe Dich ruhig ausreden lassen, so höre denn auch mich an. — Du kennst die glorreiche Geschichte unseres Volkes, ich habe Dich ja längst in sie eingeweiht. Vor zwei Jahrtausenden, da lag eine blutende Leiche auf fremdem Boden, ein Raub der Geier. Die Leiche aber war Israel, das fremde Land Egypten, die Geier die Mizrer. Israels Geist war gebrochen durch harten Druck, sein Nacken gekrümmt unter schwerem Joch, seine Hände arbeiteten für rohe Zwingherren, seine Kinder raubte man, warf sie in's Wasser — aber nur Seufzer entfuhren den Lippen, aber nicht regte es sich zur mannhaften That, selbst der Wunsch nur zur Freiheit war ihnen geschwunden: Israel war gestorben. Da streckte der Ewige seine Hand aus, hob auf oie Leiche vom harten Boden, hauchte ihr neues Leben ein, Israel erstand, und durch gewaltige Zeichen und Wunder ward es hinausgeführt von Nacht zum Licht, von Knechtschaft zur Freiheit, von der Willkür zum Gesetz. Ja, zum Gesetz, denn nur es war der Zweck der ganzen Erlösung. Durch sie hat Gott sein Volk sich angeeignet für ewige Zeiten zu unausschließlichem Besitzthum, jeder Jude gehört Gott mit allen seinen Gaben und Fähigkeiten, gehört Gott, das heißt.seinem Gesetz, jeder Wunsch und jede Neigung muß verbannt werden, wenn vor dem Gesetze sie nicht bestehen können: Ein Schwanken zwischen Neigung und Pflicht giebt es für den Juden nicht. Das ewige Gesetz zu tragen und zu vererben zum einstigen Heil der Allmenschheit, das ist die Lebensaufgabe jedes einzelnen Juden. Und es höhnen die Völker, und es hassen die Menschen, sie alle bedrücken, quälen, morden, Israel sieht auf's Gesetz und geht seinen Weg. — Aber zur Erfüllung unserer Lebensaufgabe haben wir keine besonderen Eigenschaften erhalten, durch nichts unterscheiden wir uns