Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 72 (12.9.1901)
- Date
- 1901-09-12
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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für das^-- sÄtthodoxe -WuderrlhumÄ 12 Sept 3 191r. 17 WMLSL Neigung und Wsticht. ^2^ von Isüsr Kreuel Ern jeder Mensch hat seine Geschichte. Mag er auch noch so unbedeutend sein, einmal gab es sicherlich in seinem Leben einen Augenblick, der für sein ganzes Dasein entscheidend war, und in diesem Augenblick hat er gekämpft und gelitten, hat er gesiegt oder ist gefallen wie der größten einer. Aber diese stillen Kämpfe gewöhnlicher Menschen übergeht mit stolzem Schweigen der Genius der Geschichte, welcher sein Buch nur Solchen öffnet, die einen Einfluß ausüben durften aus ihre Umgebung, denen es vergönnt war, im Getriebe der großen Welt eine Rolle zu spielen. Doch was die Weltgeschichte verabsäumt, das nachzuholen ist die göttliche Aufgabe des Dichters. Und gerade Menschen, die für die Geschichte nicht vorhanden sind, wird er mit Vorliebe ergreifen, um sie der Vergeffenheit zu entreißen, wird erzählen von den Thränen, die sie vergossen. von der Freude, die sie empfunden, wie sie gelebt und was sie erstrebt. So wollen auch wir in Folgendem die kurzen Schicksale eines Menschen berichten, deffen Leben ohne Wirkung blieb auf die Mitwelt, der es aber in vollem Maße verdient, die Theilnahme einer fühlenden Nachwelt zu erregen. In der dumpfen Stube eines halb zerfallenen Ghettohauses saß in einer Nacht Rabbi Jehoschua vor seinem großen Folianten und lernte; dabei sang er jene seltsame Melodie, deren Ursprung man nicht kennt, die wohl uralt ist, uralt wie das Judenthum selbst. Ab und zu hob er den Kopf und schaute sinnend in die Höhe: ein schwieriges Problem mochte da seinem gewaltigen Geist sich entgegengestellt haben. Wenn aber dann zufällig sein Blick das kleine Fenster traf, —Frankfurt a. ZTi. so verdüsterten sich plötzlich die milden Züge des Rabbi, und bange Sorge furchte die hohe gedankenvolle Stirne. Denn dort am Fenster stand sein Sohn Jizchat, ein Jüngling von achtzehn Jahren, und starrte hinaus in die kalte Dezembernacht. Ein scharfer Wind fuhr durch die tiefschwarzen Locken, die sein bleiches Haupt in üppigem Wüchse umgaben, und wirbelte sie aus in tollem Spiele; dicke Schneeflocken blieben in dem leichten Schnurrbart, in den buschigen Augenbrauen hängen, aber der Jüngling merkte es nicht, regungslos, wie iraumverloren schaute er hinaus zum wolkenbewegten Himmel. Keine fröhlichen Gedanken konnten es sein, die sein Hirn durchquerten, denn tiefer Gram umflorte sein großes, dunkles Auge, lagerte auf seinem Gesichte, dem zwei Leidensfurchen jenes unsagbar melancholische Gepräge gaben, das wir auf vielen Bildern von Juden aus dem Mittelalter wiedersinden. Gewaltiger Schmerz mußte seine Brust durchtoben, und siehe, jetzt schien Verzweiflung ihn zu übermannen, er reckte beide Arme in die Hohe, und ein schwerer Seufzer entfuhr den zuckenden Lippen. Da schloß der Rabbi hastig sein Buch, stand auf und sprach: „Jizchak, mein Sohn, komme zu mir her." Der wandte sich und trat zu Rabbi Jehoschua, seinem Vater. „Jizchak," fragte dieser, „hast Du schon heute gelernt?" Tief erröthete Jizchak, senkte das Haupt und antwortete leisen, doch festen Tones: „Nein." „Jizchak," sprach der Rabbi, und unendliche Siebe lag in seinen Worten, „warum hast Du heute noch l