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Der Israelit · 1901-09-09 · Heft 71 (9.9.1901) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 71 (9.9.1901)
Date
1901-09-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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4L. Jahrgang. Erste Aeilage zu M 71 des „Israelit." Leite nv er Artikel. Nosch Laschono am Labbat. Von Bezirksrabb. Dr. Ghrmaun, Baden (Schweiz.) (Schluß.) Mit dem Schofarruf an Rosch Haschono vollzieht sicki alljährlich ein großes Wunder in den Reihen der jüdischen Zerstreuten. So fern und fremd sie sich auch joust gegenüberstehen, soweit ihre Ansichten, Standpunkte und Prinzipien über die Verbindlichkeit der göttlichen Gesetze auch auseinandergehen mögen, an der Schwelle des Jahres lauschen sie Alle, die Alten und die Aeuen, die Reichen und Armen, die Hohen und die Niederen, die Gebildeten und die Ungebildeten, dem alten Nnfe ihres himmlischen Vaters, dem Schofar. Diejenigen, welchen die prophetische Verheißung, daß einst der Schofar die Zerstreuten Israels sammeln wird, wunderbar und unmöglich dünkt, vergessen, daß sich, im Grunde genommen, dieses Wunder alljährlich vollzieht, wenn sich Alle versammeln, um den Schofar zu hören, und auch diejenigen nicht fehlen, welche sonst kein Ohr für den Ruf ihres Gottes haben. Es liegt eine wunderbare Kraft in diesen schlichten, geraden, gebrochenen und schwellenden Tönen des alten Gottessignals. Was tief in das Leben und Wirken der Zerstreuten eingreifende Ereignisse, harte Schicksalsschläge, der ganzen Gesammtheit drohende Gefahren nicht vermögen, sie nämlich friedlich zu einigen und den Zwist und Hader auch nur vorübergehend vergessen zu lasten, dem Schofar an der Schwelle des Jahres gelingt es. Die ergreifende Gotteshuldigung, die in den bloßen Thatsachen liegt, daß Alle ausnahmslos sich einnnden, um dem Schofarruf zu lauschen und den Theruatag in der von Gott vorgeschriebenen Weise zu begehen, wird vielleicht nur durch eine einzige andere iibertroffen, indem nämlich, wenn Rosch Haschono mit dem Sabbat zusammenfällt, der Schofarruf nicht ertönt! Daß sich Alle dem Rufe beugen, der einst die Gottesstimme am Sinai begleitete, als sich der Vater der Menschheit zu uns herniederlietz, um uns sein Wort anzuvertrauen, dem Rufe, der einst Israel aus seiner Verbannung rufen und die Gräber sprengen wird, um alle im Tode Entschlafenen zum Leben zu erwecken, das läßt sich wohl erklären und begreifen. Aber noch bedeutsamer als das gemeinsame Begehen des ar> "nn, des Teruahtags auf weitem Erdenrund, ist das Gedächtniß der Teruah, njmn p"OT. wenn Rosch- Haschono, wie dieses Jahr, mit dem Sabbat zusammenfällt. In Paris und in London, in Newyork und Melbourne, überall, wo jüdische Herzen bangend dem Beginn des neuen Jahres entgegenschlagen, verstummt der Schofarruf vor der Heiligkeit des Sabbat! Ist dieses Verstummen des Schofarrufes nicht noch eine lautere Gotteshuldigung? Sie erscheint noch bedeutsamer, wenn man sich die Ursachen vergegenwärtigt, warum in Wirklichkeit Tekiath Schofar der Heiligkeit des Sabbat weichen muß. Das Blasen des Schofar zählt nicht unter die am Sabbat verbotenen Arbeiten. Wenn Jemand. außer an Rosch Haschono, am Sabbat auf dem Schofar blasen würde, so hätte er sich damit keiner Entweihung des Sabbat schuldig gemacht. Das Verbot, auf dem Schofar zu blasen, wenn Rosch Haschono mit dem Sabbat zusammenfällt, beruht lediglich auf einer Anordnung unserer Weisen. Im heiligen Drange, die Mizwa des Teruah-Tages erfüllen zu wollen, könnte Jemand aus Vergeßlichkeit das Verbot des Tragens am Sabbat außer Acht lassen und den Schofar aus dem Einzelbesitz in den öffentlichen Besitzkreis bringen oder dasselbe vier Ellen weit auf offener Straße tragen! Welche Fluth von Gedanken und Erwägungen regt doch diese eine Anordnung an! Ein ausgesprochenes Gottesgesetz tritt zurück wegen einer von den Weisen erlassenen Anordnung, ja wegen der bloßen Möglichkeit, es könnte vielleicht ein. Sabbatgesetz möglicherweise übertreten werden. Und es gäbe doch so viele Mittel, um derartige Möglichkeiten von vornherein auszuschließen. Oeffentlich und unter Zeugen könnte man doch an Erew Rosch Haschono den Schofar in die Synagoge tragen und so jeden Jrrthum nach dieser Seite hin ausschließen! Indem aber die Weisheit unserer Weisen Tekiat Schofar aus diesem einzigen Grunde am Sabbat untersagt, so hat sie uns damit gelehrt: D i e bloße Möglichkeit einer Awera wiegt aus der Wage der jüdischen Lebensanschauung schwerer, als die Erfüllung einer Mizwa. Man hat noch niemals gehört, daß je irgend eine Gemeinde der jüdischen Diaspora sich über diese rabbinische Anordnung hinweggesetzt und auch am Sabbat Schofar geblasen hätte! Und dennoch steht die Rücksichtnahme aus die rabbinische Anordnung in grellem Widerspruch mit dem Thun und Lassen der großen Mehrzahl vieler, die sich ihr fügen. Mit welchem Schein von Recht könnte man auch Mizwas Tekiat Schofar am Sabbat deßhalb zurücktreten lassen, damit man nicht möglichen Falles dazu kommt, am Sabbat zu tragen, wenn man das Verbot

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