Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 71 (9.9.1901)
- Date
- 1901-09-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1561 „Großer Gott!" rief die alte Dame, an die er sich gewandt hatte, aufspringend, „da müssen wir rasch den Hausherrn rufen und wer sonst noch rudern kann —" Sie war zur Thüre geeilt, doch der Knabe War ihr zuvor gekommen, war schon aus der Stiege. „Der Papa ist da!" jubelte Selma, die auf dem Balkon geblieben war, „jetzt wird es schon gut gehen." In der That war soeben eine Droschke vor der Villa vorgefahrerk, die den Erwarteten heimgeführt hatte. Als Viktor über die letzte Stufe der Stiege gesprungen war, wäre er beinahe gegen seinen Vater angerannt. „Ho, ho, Bürschchen, warum willst Du mich denn umrennen?" rief dieser lachend, indem er den schlanken Knaben emporhob und küßte. Viktor aber berichtete hastig: „Ein Boot ist draußen auf der See, man sieht es von hier ganz deutlich, der Sturm will es umwersen — und die Menschen, die darin sind, strecken die Hände in die Höhe." Rasch eilte der Angekommene mit seinem Knaben hinaus vor die Villa und da kam auch schon die alte Dame mit zwei andern Herren nach. „Leo!" rief sie, „Gott sei Dank, daß Du da bist!" „Ja, Gott sei Dank, daß der Herr Doktor da ist!" stinlmte der Besitzer der Villa bei, „im Rudern nimmt's keiner von uns mit dem Herrn Doktor auf." „Kommen Sie!" rief dieser, „rasch! rasch! das Boot dort an dem Pfeiler ist das nächste, lasten Sie uns den armen Bedrängten helfen, sie scheinen den Kopf verloren zu haben, vielleicht auch die Ruder —" Die Männer eilten zu dem bezeichnten Boot und hatten dasselbe rasch losgekoppelt, nachdem sie sich hineingeschwungen. Viktor war bis zum Boot an der Seite des Vaters geblieben und hatte nicht übel Lust, sich an der Rettungsaktion zu betheiligen, aber er ward nicht zugelasten. „Du bleibst bei der Großmama, hier könntest Du nur stören." Gehorsam wandte sich der Knabe und eilte zurück zu der Villa, vor der die alte Dame unter einem Schutzdache auf ihn zu warten schien. „Laß uns hinauf gehen," rief sie ihm zu, „vom Balkon aus haben wir einen bessern Ausblick, als von hier aus." Beide eilten hinauf und befanden sich gleich darauf an der Seite der kleinen Selma, die ihren Standpunkt nicht verlassen hatte. „Großmama," rief sie, „sieh' nur, sieh', wie schnell der Papa mit dem Boot dahin fährt, es sieht so aus, als würde es fliegen, jetzt ist es ganz oben auf den Wellen — gleich ist es wieder unten und gleich wieder oben —" Die Großmutter hielt das Fernglas vor die Augen. „Ja, der Papa versteht zu rudern, in wenigen Minuten werden sie bei dem andern Boot sein. — Die armen Bedauernswerten, wie sie ihnen mit Händen und Tüchern winken." — Das Rettungsboot flog in der That pfeilschnell über die Wogen dahin und kam dem gefährdeten Fahrzeuge näher und näher. Die drei Männer arbeiteten, daß ihnen der Schweiß von der Stirne rann — jetzt waren sie dem andern Boot so nahe gekommen, daß sie die Insassen desselben deutlich unterscheiden konnten. Es waren ein elegant gekleideter Herr und ein junger Matrose, die zwei Damen, eine ältere und eine junge, gerudert zu haben schienen. „Die Leutchen hätten auch was Gescheidteres thun können, als in diesem Unwetter Kahn fahren," bemerkte der Besitzer der Strandvilla. „Freilich hätten sie Gescheidteres thun können," stimmte der andere bei, „wenn der Herr Doktor Müller nicht dazugekommen wäre, hätten mich keine zehn Pferde auf die See gebracht bei solchem Hundewetter. Und ich glaube, Herr Holm, Sie wären auch daheim geblieben, nicht?"- „Wer wird so inquisitorisch sein," rief der Doktor lachend, „aber Acht geben, meine Herren! gleich sind wir am Ziel, es ist die höchste Zeit, das Boot scheint nahezu voll Wasser, die Damen stehen auf den Bänken, — Vorsicht! Vorsicht!" Die letzten Worte hatte der Doktor laut hinübergerufen, doch seine Warnung kam zu spät. Eine sich hoch thürmende Woge hatte das Fahrzeug 'emporgehoben, jetzt glitt es pfeilschnell in die Tiefe. Die ältere Dame gerieth in's Schwanken, taumelte gegen die jüngere, die hierdurch das Gleichgewicht verlor und über Bord stürzte. — Aus beiden Booten erschollen Schreckensrufe. Doktor Müller aber war sofort in's Wasser gesprungen. Doch die See war wild bewegt und in diesem Toben der Elemente war Rettung überaus schwer. — Die ältere Dame, die den Sturz der jüngeren, wenn auch absichtslos, verschuldet hatte, war der Verzweiflung nahe, sie geberdete sich wie wahnsinnig, wollte durchaus dem jungen Mädchen nachspringen und nur der vereinten Anstrenung ihrer männlichen Gefährten gelang es, sie zurückzuhalten. Die beiden Boote lagen jetzt dicht nebeneinander; mit Gewalt beförderten die beiden Männer in dem gefährdeten Boot die sich wild Sträubende in das andere, dann schwangen sich beide hinüber in demselben Moment, als es dem kühnen Schwimmer endlich gelungen war, die langen, schweren Zöpfe des jungen Mädchens zu erfassen. Jetzt war es ihm nicht allzuschwer, einen Arm um sie zu schlingen und wenigstens ihren Kovf über Wasser zu halten. Aber er befand sich mehrere Meter von dem Boot entfernt und fühlte sich außer Stande, mit seiner Last im Arme gegen den Wogenandrang zu schwimmen, um das Fahrzeug zu erreichen. Aber sie waren bereits bemerkt worden, die Dame hatte ihren Liebling erblickt.