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Der Israelit · 1901-09-09 · Heft 71 (9.9.1901) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 71 (9.9.1901)
Date
1901-09-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1556 rum prüfte man am Rvsch Haschono den eigenen Lebenswandel im vergangenen Jahre, darum untersuchte man s e l b st die eigenen Thaten, Gedanken und Gefühle. Und wenn man gefunden, daß das Verhältniß zu Gott oder zu den Nebenmenschen ein getrübtes, die Begeisterung für Gott erkaltet war und man in der t h ä t i g e n Menschenliebe nachgelassen batte, so ruhte man nicht, rastete nicht, bis der Einklang zwischen dem Leben und dem Gottesgesetze hergestellt war. Wie nach den Stürmen des Winters die Natur aus ihrer starren Unthätigkeit mit neuen Kräften ausgestattet, erwacht, so verjüngten sich die Seelen Israels am Rosch Haschono, der ihnen zum Frühling geworden war, zur Zeit der Kräftigung und Veredelung. Die Keime des Guten, die das ganze Jahr in der Tiefe des Herzens schlummerten, regten sich am Rosch Haschono mächtig, und die Gottesstimme, die vom Getöse des Lebens überlärmt wurde, machte am Rosch Haschono ihre Rechte geltend, und wirkte läuternd, bessernd und veredelnd. Die Selbsterinnerung, Selbstbesinnung und Selbstprüfung am Rosch Haschono ist so sehr in unserer Nation begründet, daß, hätte Gott den fnstn dv nicht eingesetzt, wir selbst im Interesse unserer Vervollkommnung ihn einsetzen müßten. Wenn der Mensch immer nur irren und fehlen, nie aber sich besinnen sollte, daß er geirrt und gefehlt habe, wäre dann ein Fortschritt denkbar? Wie sollen die Schwingen unseres Geistes uns immer höher tragen, wenn die Bleigewichte der Fehler uns zur Erde ziehen? Wie sollte die Seele mit immer größerer Sehnsucht nach Edlem streben, wenn sie durch das stete Irren die Empfänglichkeit für Höheres einbützt? Wie soll die Seele in heil'ger Begeisterung für alles Gute aufflammen, wenn der Gottesfunke, der in ihr schlummert, unter Schutt und Gerölle begraben liegt? Am Rosch Haschono soll die Seele ihre ursprüngliche Reinheit wieder erlangen, damit sie in der Vervollkommnung und Veredelung sortschreiten kann. Der dv erinnert uns wohl nicht an geschichtliche Ereignisse, die glanzvollsten Epochen unserer Geschichte wurzeln dennoch in ihm. Der beispiellose Heroismus, die opferfreudige Hingebung an Gott, die selbstlose Nächstenliebe, die herrliche Gesittung, die unsere Vorfahren auszeichneten und sie befähigte, das Banner des Judenthums aus den düstersten Zeiten in unsere Zeit herüber zu retten, sie waren die edlen Früchte der Selbsterinnerung und Selbstprllfung am fron v''. Und wenn der Jammer unserer Zeit, die, weil in ihr alles gährt, besonders für große Schöpfungen geeignet ist, darin liegt, daß sie keine Männer hat, in welchen reiner Idealismus mit selbstloser, freudiger Thatkraft harmonisch vereint ist, so ist dies zum Theil darauf zurürkzuführen, daß unsere Zeit die hohe ethische Bedeutung des Rosch Haschono nicht kennt, und daß ihr in ihrer athemlosen Hast nach dem Irdischen der „Tag der Erinnerung" fehli. Nirgends zeigt es sich in solch' trauriger Weise, wie am Rosch Haschono-Feste, daß häufig die edelsten Institutionen durch den Unverstand der Menschen ihres ursprünglichen Charakters entkleidet werden. Eingesetzt zur Förderung unseres Seelenlebens, hat unsere Zeit, die alle Sorgfalt der Form, dem Aeußerlichen weiht, den Kern, das Wesen aber verkümmern läßt, den Jom Hasikoron zur Tiefe jener Neujahrsfeste hinabgedrückt, die man bei munterem Gelage um Mitternacht jubelnd begrüßt. Hat unsere Zeit den pi»n dv> nicht nöthig? Hat sie keine Schwächen, keine Jrrthümer? Steht sie sittlich so hoch, daß ihr Seelenadel nicht gesteigert, ihre Thatkraft nicht erhöht werden könnte? Wer wollte dies behaupten? Weßhalb also die Mißachtung des prn di» als Tag der Selbstprüfung? Unsere Vorfahren sündigten, hatten aber auch das Bewußtsein, daß sie gefehlt haben, sie suchten daher mit aller Kraft aus der Tiefe sich emporzuringen und ihre ursprüngliche Seelenreinheit wieder zu erlangen. Unsere Zeit hingegen sündigt, ist sich aber nicht bewußt, daß sie gefehlt hat. Oede sind die Fluten der Religion, aus dem dürren Boden der Gemüther blüht nicht die liebliche Pflanze des Glaubens, keimt nicht die goldene Saat höherer Empfindungen; öde sind die Gefilde des rein Menschlichen; wir können sie zählen, die Züge edler Großmuth, freudiger Selbstverleugnung, uneigennützigen Wirkens, wahrer Nächstenliebe. Die sittliche Kraft, die zu großen Thaten aneifert, ist in uns gelähmt, und denoch fehlt uns das Bewußtsein unserer Nichtigkeit. Im Gegentheil! Bei aller Unfähigkeit unserer sittlichen Kraft, bei aller Ohnmacht, für unser Leben einen höheren als den gewöhnlichen Standpunkt zu wählen, wollen wir noch unser kleinliches, nichtiges, geist- und idealloses Leben als die Frucht tiefer Erleuchtung und gereister Einsicht hinstellen! Wir stehen in der Tiefe und glauben, wir weilten auf ragender Beraesspitze, wir sind kaum Menschen und wähnen I u d e n zu sein, ganze Juden,Volljuden! Je weniger unsere Zeit das Bedürfniß nach dem p-on ar> hat, desto dringender ruft uns Gott zu: Stehet stille, beurtheilt Euer Thun und Lassen, saget selbst, ist Eure Thätigkeit eine solche, daß sie der Würde des im Ebenbilde Gottes geschaffenen Menschen entspricht? Wird sie von Eurer Vernunft, wenn diese von Eurer Sinnlichkeit nicht bethört wird, gebilligt? Leuchtet es Eurem Verstände ein, daß das Streben nach Irdischem Eure einzige Bestimmung sei? Sind dem Adler deßhalb solch' mächtige Schwingen verliehen worden, damit er in den Sümpfen Wade oder um die ungemessenc Luft zu durchfliegen? Hat der Löwe deßhalb Stärke und Majestät erhalten, damit er mit Mücken kämpfe? Und Euch, den vorzüglichsten Geschöpfen, wäre der kühne Flug des Geistes, der die Schranken von Raum und Zeit durchbricht, deßhalb zu Theil geworden, damit Ihr ihn im Dienste der Scholle verwerthet? Hat Gott Euch deßhalb sittliche Widerstandskraft verliehen, damit Ihr Euch dem Sinnlichen

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