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Der Israelit · 1901-09-09 · Heft 71 (9.9.1901) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 71 (9.9.1901)
Date
1901-09-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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42. Jahrgang. M 71 Der Israelit. Ein Gentrat-Hrgan für das orlHodo-ee IudenLHurn. Begründet von vr. &e5mftu*f in Montag, den 9. September 5661 (1901). Leitender Artikel. Der Tag der Erinnerung. Wenn ein Jahr im Buche des Lebens vollendet ist und ein Stück des Daseins in das Meer der Zeit sich hinabgesenkt hat, dann tritt alljährlich das Rosch Haschono-Fest in unsere Mitte, welches auch p*cn ev, lag der Erinnerung genannt wird. Aus welchem Grunde? Erinnert es uns etwa an weltgeschichtliche Ereignisse? Entrollt es herrliche Bilder der Vergangenheit vor unserem Geistesauge? Keineswegs. Während uns die sonstigen Jahresfeste aus dem engen Raume unseres in gleichmäßigem Wellenschläge dahinfließenden Lebens an die mächtigen, rauschenden Fluthen der Geschichte führen, knüpft sich an den {nan on keine nationale Begebenheit, kein geschichtliches Ereigniß. Und dennoch wird Rosch Haschono Tag der Einnerung genannt! An Rosch Haschono sollen wir in dem geräuschvollen und verwirrenden Treiben des Jahres inne halten, einen Rückblick aus unsere Thätigkeit im vergangenen Jahres werfen, das Bild, welches diese uns bietet, mit dem Hochbilde vergleichen, welches in heiligen Momenten uns vorschwebt, und dadurch zum Bewußtsein unseres Selbst gelangend, an unsere höhere Bestimmung erinnert werden, pimn cv bedeutet ein Tag der Selbsterinnerung, Selbstbestimmung und Selbstprüfung. Am Rosch Haschono tritt Gott, der die zartesten und innigsten Wünsche seiner Treuen liebevoll erfüllt, in unseren Kreis und ruft uns zu: „O, haltet doch in Eurem stürmischen Laufe durch das Leben einen Moment inne; fürchtet nicht, ich werde nicht bittere Vorwürfe wegen Eurer Lieblosigkeit gegen Euch erheben, ich werde nicht in entflammtem Zorn wegen Eurer Undankbarkeit zu Euch reden, ich werde Euch überhaupt nicht ermahnen. Stehet stille und überdenket, erwäget und prüft selbst Eure Thätigkeit im Vorjahre. Einem liebenden Vater gleich, dem ein einziger Lichtpunkt im düstern Lebensbilde seiner Kinder genügt, damit alle Erwartungen, die er emst an sie geknüpft hat, mit verjüngter Kraft aufleben, bin ich so sehr vom Adel Eurer sittlichen Natur überzeugt, daß ich die Beurtheilung Eures Lebenswandels Euch selbst überlaste. Sollt Ihr aber nüchtern, unbefangen und von Eurer Sinnlichkeit und vom Gewühle des Lebens unbeeinflußt urtheilen können, so müsset Ihr Euch zurückziehen in die stille Einsamkeit Eures Herzens, in die heiligen Gemächer Eures Innern, wie es heißt rrrasix *mwD bv Tinrby rpx nai na jtx-i1? mann bv rnrora „Auf meiner Warte will ich ruhig stehen, will st i l l e stehen auf der Feste, will harren, zusehen, was Er in m i r reden wird, und was ich erwiedern könnte auf meine eigene Zurechtweisung." In diesem Geiste und zu diesem Zwecke wurde Rosch Haschono vom Gesammtisrael Jahrhunderte hindurch gefeiert. Die Worte des Propheten *iez> ypn’n mn’ xb cyi tjd ist aus der lebensvollen Wirklichkeit geschöpft. Nicht erst am Rosch Haschono, schon mit dem Beginn des Monats Elul, sobald die Schofarstimmen ertönten, zog eine bange Stimmung durch alle Herzen. So verschieden sie auch an Rang und Stand waren, in den höheren Schichten, in den Niederungen des Lebens, im Reichthum, im Elende, in der Jugend, im Alter, sie Alle erfüllte der eine Gedanke: Es naht der (Ton ai’ Es war nicht die kleinliche Furcht wegen der Ungewißheit der Zukunft, wegen des njru sjpm, denn ihnen galt das Irdische nicht als das höchste Gut. Es war die Sorge, man habe vielleicht ein ganzes Jahr verlebt, ohne in der Veredlung fortgeschritten zu sein, oder man habe vielleicht an sittlichem Gehalte, an religiösem Eifer abgenommen und man könnte nun auf der Wage Gottes als zu leicht befunden werden. Diese edle Sorge beunruhigte die Gemüther, füllte die Herzen mit Zagen und Bangen. Da-

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