Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 70 (5.9.1901)
- Date
- 1901-09-05
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449214--54168-2504778- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1544p der ihm aufgedruugenen U:ngebung, von dem einzigen Wunsche beseelt, wie er selber sagte, „unter Juden sterben zu können." Der Wunsch wurde ihm denn auch in Maurieio ersüllt, nachdem er noch die letzten Jahre über als Wärter in dem kleinen Spital sich nützlich gemacht hatte. 'Nachdem im Vorstehenden die beiden, zu normalen und blühenden Verhältnissen herausentwickelten Kolonieen Moisesville und Maurieio geschildert wurden, verlangt es nicht nur die Unparteilichkeit, sondern auch das Interesse an diesem großartigen Unternehmen selbst, auch noch des durch rein äußerliche Umstände, nämlich eine Reihe von Mißernten, bedingten geringen Erfolgs zu gedenken, den die in der Provinz E n t r e 'Rios belegenen Kolonien der Association bisher auf zuweisen gehabt haben. (Line solche Besprechung der Verhältnisse in dieser letzteren Provinz ist um so nothwendiger, als sowohl der Fläche nach das dort von der Association zur Kolonisation erworbene Land, wie auch die hierauf bisher aufgesetzte Zahl von Kolonisten diejenige der beiden ersterwähnten Kolonien, sogar beide zusammen genommen, noch erheblich übertrifft. Denn von den 310,000 Hektaren Land, welche die Astociation bisher in 'Argentinien zu Kolonisationszwecken erworben hat, enrfallen leider nicht weniger als 176,000 Hektare aus dic Provinz Entre Rios, und auf den hiervon dort bisher besiedelten 93,400 Hektaren sitzt eine Bevölkerung von etwa 45OO Seelen. Hatten wir schon zwischen Moisesville und Mauricio gewisse Unterschiede in den Wirthschaftsbedingungen hervorheben müssen, so ist dies noch viel mehr bei den entrerianischen Kolonien im Gegensatz zu den beiden ersteren der Fall. Entre Rias, das spanische Wort Aequivalent von Mesopotamien, d. h. Zwischenstromland, bildet die südliche Hälfte der großen, von dem Parana und Uruguay begrenzten Landzunge, wie man in dem vorliegenden Fall sich wohl ausdrücken dürfte. Der größere Landkomplex der Association liegt auf 32 Grad südl. Breite, nahe dem Städtchen Billaguay, in dem geographisch dem Flußgebiete des Uruguaystromes, wenn gleich topographisch dem Flußgebiete des Gualeguay, eines Zuflusses des Parana, zugehörig. Jedenfalls in Folge einer früheren Seen- oder Sunipfbedeckung ist in jener Gegend dem auch dort den Untergrund bildenden kalkhaltigen Löß eine mehrere Meter dicke Schicht sehr fetter, Humusaber auch lehmreicher Erde übergelagert. Der untere Uruguay bildet bis zu dem Knie, wo auf hohem Steilufer in den damvfenden Essen von Fray Bentos der berühmte Liebig'sche Fleischextrakt gekocht wird, gewissermaßen eine Fortsetzung des Aestuariums des Rio de la Plata; in einer inselfreien, majestätischen Breite von zehn Kilometer wälzt sich der Uruguaystrome dort dem Ozeane entgegen, und erst oberhalb Fray Bentos verengt sich sein Bett auf zunächst fünf Kilometer, die ihrerseits tvieder in diesem mittleren Laufe durch ein Jnselgewirr in kleinere Arme von Rheingröße abgetheilt werden. Durch dieses wie das analoge westliche Parana-Thal wird von dem aus dem südatlantischen Ozean Heraustommenden Südost der ganze Regenschwall in erster Linie über Entre Rios Heraufgetrieben und aufgepreßt, dessen Regenhöhe deßhalb mit 1100 bis 1200 Millinieter (also um ein Drittel) und noch mehr höher ist, als in den gleichweit von der Küste abliegenden Gegenden der Pampa von Buenos Aires und Santa Fee. Tie eben skizzirten geographischen Momente erklären Vieles von dem Mißerfolge der im östlichen Entre Rios angelegten Ackerbau-Kolonien, ein Mißerfolg, der ganz derselbe auf den nicht jüdischen Kolonien dieser Zone war. Der fette Boden gestattet zunächst nicht den Luzernenbau im Großen; dies Futtergras gedeiht dort nur bei besonders sorgfältiger Pflege, nlit Düngung und häufiger Auslüftung des Bodens durch Eggen oder Neupflügen, wie sie in der extensiven amerikanischen Wirthschaft für ein Massenprodukt im Großen nicht aufgewendet werden kann. In einigermaßen regnerischen Jahren erstickt auch das Getreide in dem schwer durchlässigen Boden, der zudem noch, in weitgedehntem, sanftem Dünenzuge gewellt, in seinen Mulden doppelt schwer trocknet. In trocknen Jahren endlich sind die subtropischen Wälder des Chaco und von Corcientes nahe genug, um auch hier die Plage der Heuschrecken in vollem Maße verspüren zu lassen. Thatsächlich brachten denn auch die letzten Jahre für Entre Rios eine trostlose Reihe verlorener Ernten, in Folge deren auch auf den Kolonien der Association eine große Muthlosigteit Platz gegriffen hat. Leider erreichte diese Demoralisirung nach dem neuen Fehlschlag der letzten Ernte, die manchem Bauern noch nicht die Kosten der Dreschmaschine bezahlte, einen solchen Grad, daß eine Anzahl gerade der besten jüdischen Kolonisten Entre Rios verließen, um im Süden der Provinz Buenos Aires, von den hohen, aber nicht lange vorhaltenden Erträgnissen des dortigen wilden Champs angelockt, ihr Glück auf eigene Faust zu versuchen. Zu diesen äußeren Gründen traten noch einige interne Mängel der lokalen Verwaltung der Kolonie, welche der Reorganisation und bei ihrem großen, auf eine Zone von über 100 Kilometer Längenachse vertheilten Landbesitz namentlich auch der Dezentralisirung dieser Verwaltung bedarf. Die Kolonien von Entre Rios machen gegenwärtig eine Krisisperiode durch, wie sie auch Maurieio und Moisesville seiner Zeit nicht erspart geblieben ist, aber dort vor nunmehr schon seit mehreren Jahren glücklich u. endgiltig.überwunden werden konnte. Die Grundlage des Prosperirens der erstgenannten Kolonien bildete, wie wir gesehen haben, die konsequente Einführung einer gemischten Vieh- und Ackerbau-Wirthschaft, eine Entwickelung, die in Entre Rios sich leider verzögert