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Der Israelit · 1901-09-05 · Heft 70 (5.9.1901) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 70 (5.9.1901)
Date
1901-09-05
Page
– (sequence 17)
Language
German
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\ 4L. Jahrgang. _ Zweite Meilage zu ß° 70 des „Israelit". Leitender Artikel. lik jDjschcii Miiufoloiticn in 'llrpliiiicii. IV*) Buenos Aircs, Ende Juni. Alles in Allem ist hiernach die Lage der Kolonie Mauricio als eine durchaus günstige zu bezeichnen, wenn auch vielleicht in Moisesville dank der bessern Ergiebigkeit der Luzerne der durchschnittliche Wohlstand der Kolonisten noch etwas größer ist. Mauricio besitzt zwar noch keine eigentliche Synagoge; ihre Stelle vertritt theils die Schule, theils die Privatwohnung der Schochets; dagegen wurde gerade Zur Zeit meines Besuches eine neue Mikwe erbaut und die Gemeinde hat aus eigenen Mitteln auch vor Kurzem einen geräumigen Friedhof mit Todtenhaus neu anlegen lassen. Derselbe befindet sich nicht weit von dem Verwaltungsgebäude auf einem kleinen Hügel, der steil in einen ziemlich großen See abfällt. Dieser strategische Punkt war seinerzeit zur Anlage eines Forts gegen die Indianer benützt worden und ein Theil der Friedhofsmauer wird durch den alten Wall dieses Forts Algarröba gebildet. In seiner Nähe sind auch schon Kanonenkugeln gefunden worden, welche an Die hier noch gar nicht so lange zurückliegende Zeit erinnern, als das Land noch mit Waffengewalt den Wilden streitig gemacht werden mußte. Zur größeren Bequemlichkeit des Arztes ist auch das kleine Spital nur wenige hundert Meter von dem Friedhofe eingerichtet worden. Für den Unterricht der Heranwachsenden Jugend bestehen in Mauricio zwei Schulen, deren Dienst von marokkanischen Lehrern versehen wird. Der eine derselben, Herr Benschimol aus Tanger, führte mir auch drei 10—12jährige, besonders gut veranlagte Kolonistensöhne vor, die er dafür vorbereitet hatte, später in ein Lehrerseminar in Buenos-Aires einzutreten, um nach Absolvirung des Kursus auf den Kolonien als Lehrer verwendet zu werden. Sowohl bei diesen Jungen, welche bereits einige Elemente der Geometrie erlernt hatten, als bei den Schülern im Allgemeinen, war namentlich die gute Veranlagung für das Rechnen bemerkenswerth. Wie auf allen andern Kolonien der Association ist auch auf Mauricio in Verbindung mit »der früher erwähnten skandinavischen Gesellschaft eine Fabrik zur Sahnegewinnung errichtet worden, die den Kolonisten besonders im Sommer einen beträchtlichen Nebenver- *) Fortsetzung aus Nummer 68. dienst ermöglicht. Es werden dort oft bis 10,000 Liter Milch im Tage verarbeitet. Trotz dem in Aussicht genommenen successiven Uebergange zur Viehwirthschast ist bisher die dem Ackerbau gewidmete Fläche in Mauricio nicht unbedeutend geblieben. Im letzten Sommer hatten 5600 Hektar unter Weizen und 3200 Hektar unter Mais gestanden, deren Erträgniß (durchschnittlich 600 Kilo Weizen und 1000 Kilo Mais per Hektar) nicht schlecht gewesen ist. Aus vorerwähnten Gründen wird aber das Getreide immer mehr von der Luzerne ersetzt werden, von welcher jetzt schon einige 3000 Hektar unter Kultur stehen. Bei diesen Erwerbsverhältnissen waren denn auch die Kolonisten schon die letzten drei Jahre über in der Lage, fast durchgängig ihre Jahresabzahlungen an die Association zu leisten. In der letzten Saison sind hierauf von den Kolonisten nicht weniger als 80,000$ an die Verwaltung von Mauricio bezahlt worden, was im Durchschnitt einer Abzahlung von 600 $ per Kontrakt-Kolonist entspricht, von welchen die Kolonie 160 zählt. Im Ganzen besteht die Bevölkerung von Mauricio aus etwa 220 Familien resp. 1600 Seelen. Den einzigen Uebelstand dieser Kolonie bildet, daß das verfügbare Terrain bereits vergeben ist, und der hohe Preis, in welchem heute die umliegenden Estancien stehen, keine Vergrößerung des Koloniebezirks gestattet, um daraus den ganz gegen den Wunsch der Verwaltung stets andauernden spontanen Nachschub aus Rußland, sowie die, wie überall, so auch hier recht zahlreiche junge Heranwachsende Generation in der Nähe unterbringen zu können. Ein besonders charakteristisches Beispiel dieses spontanen Zuzuges mag hier eingeflochten werden: Eines Tages erschien in Mauricio ein hochbetagter Greis und bat um Aufnahme in irgend welcher Beschäftigung. Er war seiner Zeit unter Czar Nikolaus I. zum Militärdienst gepreßt und kurzer Hand zwangsweise zum orthodoxen Christen umgetauft worden. Einige vierzig Jahre diente er, langsam in der Charge aufrückend, im russischen Heere, verheirathete sich, wurde später pensionirt und lebte ruhig, wenn auch mit einem Stachel im Herzen, mit seiner Familie im Kaukasus. Eines Tages hörte er, daß weit unten in der neuen Welt, den bedrückten russischen Juden ein neues kolonisatorisches Kanaan erschlossen worden sei. Da faßte den alten Mann ein ungestümes Sehnen nach der Gemeinschaft mit seiner Väter Glaubensgenossen. Hätte er es sich in Rußland einfallen lassen wollen, zu seinen Landsleuten zurückzukehren, so wäre lebenslängliches Zuchthaus die Strafe für solchen „Abfall" gewesen. So machte er sich denn ganz in der Stille das nothwendigste .Geld zur Ueberfahrt bereit und verschwand lautlos aus

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