Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 70 (5.9.1901)
- Date
- 1901-09-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449214--54159-2504769- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
42. Jahrgang. Krste Aeitage zu M 70 des „Israelit." Lctiender Artikel. „Neue Aufgaben". Von Dr. L. Roth. Frankfurt a. M., im Elul. In Nr. 63 dieser Zeitschrift ist unter diesem Titel ein neues Arbeitsgebiet dem gesetzestreuen Judenthum gezeigt worden. Verfasser jenes Aufsatzes hat in klarer Weise zu zeigen vermocht, wie bedeutende litterarische Arbeit unser wartet. In lebensvollen Werken, in Darstellungen der jüdischen Gedanken muffe sich nur eine Generation versuchen, um so den Aufgaben, die unser als gesetzestreue Jehudim harren, und den Gedanken, die wir im Leben verwirklichen, die Formen schriftlicher Prägungen aufzudrücken. Gleichsam das „zweite Gesetzesbuch," das der kämpfende Jude mitnehmen solle, müsse geschrieben werden. Die Summe jüdischen Denkens und Lebens solle ihre Darstellung erhalten — von Kräften, die selbst im Judenthum stehen und das Juden durchleben, seine Gedanken nicht ,nit den Augengläsern gelahrter Hochschulprofessoren sehen und anatomische Secirungen vornehmen. Und hierin hat der Verfasser vollkommen Recht. Nur die Innigkeit des Gemüthes und die feste Ueberzeugung von der Wahrheit der Gedanken und Anschauungen vermag eine wirklich treue und wahre Darstellung des Inhaltes jüdischen Denkens und Lebens zu geben. Denn wie sollte Jemand die Windungen und Verästelungen eines Gedankenlebens, wie es das Juden,- khum in seiner Geschichte darstellt, psychologisch würdigen können, wenn ihm die inneren, treibenden Kräfte so ganz und gar ferne sind. Vermag jemand deutsche Geschichte zu schreiben, der nicht deutsche Art, Sitte, Anschauung und die ganze Tiefe und Breite des kulturellen und politischen Lebens kennt. Wer nicht hinabgestiegen ist bis zu den innigsten Tiefen der deuts ch e n V o l k s s e e l e? Die Agentien des Handelns und die Motivquellen, aus denen heraus das Volk, oder eine wegweisende historische Persönlichkeit, Geschichte inachen, müssen in ihrer ganzen Anlage und im vollen Umfange verstanden und nachempfunden sein, so wir den Folgen und Entwickelungen dieser Anlagen und Motive nachgehen wollen. Der Historiker eines Zeitabschnittes oder einer gedanklichen Entwickelung muss-einen tiefen, inneren Zusammenhang fühlen mit dem Stoff, den er darstellt, er muß gleichsam der große Virtuose sein, der die Composition des historischen Stoffes zu durchleben versteht. Er muß so eins mit den Quellen seines Stoffes sein, daß seine Subjektivität den fortlaufenden Zusammenhang mit der Geschichte fühle. Es darf für den wirklichen Historiker kein Abgestorbenes schlechtweg geben; in jeder Epoche muß für ihn ein Körnchen der Idee leben, auf die das Ganze des Geschehens hinausläuft und für die es in ihrem Absterben den Tribut alles historischen und zeitlich Gewordenen abträgt. Diese Anforderung innersten Vertrautseins mit dein historischen Stoffe, oder dem vollen Bewußtsein des darzustellenden Gedankens, sind unerläßlich für jede Darstellung. Wenn Mommsen römische Geschichte schreibt, so ist er unter den Eindrücken der Beschäftigung mit seinem Stoffe zum Römer geworden. Ein feinsinniger Kenner des klassischen Alterthums, der die Geschichte Hellas' und feiner Kultur schrieb, war so sehr in seinen Stoff versunken, daß er sich auf attischem Boden stets als Grieche fühlte. Daher ist es wohl auch der klassischen Forschung des letzten Jahrhunderts gelungen, dem Klassicismus in all' seinen Verzweigungen nachzuspüren und ihm in den solidesten Arbeiten schriftliche Denkmale zu setzen. Und der Klassizismus ist doch nun einmal eine historische Erscheinung, deren Gedanken zeitlich abgeschlossen vor uns liegen. So viel der Politischen, kulturellen, philosophischen Gedanken unsere moderne Gesellschaft dem Alterthum verdankt, so sehr die Moderne in Kunst und Wissenschaft kaum über die Mittagshöhe antiken Lebens hinausgekommen ist — stellt die klassische Zeit dem modernen Forscher dennoch nur das Problem von h i st o r i s ch e r Seite. Anders steht die Aufgabe des jüdischen Forschers. Ist die Intimität des -Forschers mit seinem Stoffe unerläßliche Bedingung für jede Arbeit, das liebevolle Sichversenken in die Seele des Volkes und in dessen treibende Kräfte nöthig. dann wird der jüdische Forscher die Wahrheit des Judenthums nicht nur kennen, sondern a n e r kennen müssen, um ihren Werdegang zu verstehen. Er muß die ewigen Wahrheiten der Geschichte sich gleichsam im Leben erobern, sie müssen sein geistiges Gut werden, will er deren Entwickelung verstehen. Denn diese Wahrheiten bilden den Boden, auf dem sich die jüdische Geschichte abspielt. Sie geben das Relief für die Handlungen der Individuen und der Massen ab, und die Geschichte des Judenthums wird vorzüglich die Entwickelung der jüdischen Weltanschauung innerhalb der Träger derselben darzustellen haben. Das, was für den politischen Historiker Boden, Klima, wirtschaftliche Verhältnisse u. s. w. sind, müsse dem jüdischen Historiker die psychische Struktur der jüdischen Weltanschauung sein. In diesem Sinne ist das tiefsinnige Wort S. R. Hirsch's zu fassen, wenn er sagt: „als