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Der Israelit · 1901-09-05 · Heft 70 (5.9.1901) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 70 (5.9.1901)
Date
1901-09-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1533 Schwester die Mittheilung machen lassen, daß die Mutter an gebrochenem Herzen gestorben. Zwei Jahre hörte ich von der Schwester nichts; sie war eine Verschollene. Da erhielt ich eines Tages aus einer Stadt im fernen Norden ein Schreiben von derselben; es war der Brief einer Sterbenden — ihr letzter Wille. Sie schrieb mir: „Ich fühle mein Ende nahen und ich bin bereit. Ich habe den Fehler, den Jrrthum meines Lebens, daß ich die Liebe über die heilige Ueberzeugung stellte, schwer gebüßt. Gesühnt und geläutert werde ich vor den Richterstuhl des Höchsten treten. Die Mutter ließ mir nach meiner Trauung mittheilen: „Aus der Höhe des Lebens angekommen, meine Tochter, wie ich es bin, sehen wir deutlich, wie von der Spitze eines Berges, das Ziel unserer Reise! Es gibt kein anderes Ziel als das, was Gott uns gezeigt hat: Ausharren im Glauben. Die Menschen, sie jagen nach werthlosen Dingen, um dadurch glücklich zu werden. Auch Du glaubst, die Gluth des lodernden Feuers wird Deinem Glücke Nahrung gewähren. Nur die wahre Menschenliebe vermag das zu vollbringen und diese findet man nur im Glauben, durch die Religion. Du bast Dein Glück gesucht und glaubst es gefunden zu haben, doch es ist ein Geheimniß, daß wir dann erst unser Glück finden, wenn wir es nicht mehr suchen, sondern als Juden es im Herzen tragen. Ich kann Dir meinen Segen nicht geben, doch auch mein Fluch begleitet Dich nicht. Ich wünsche Dir aber, daß Du cs nie bereuen mögest, die alte Mutter verschmäht zu haben." Lieber Bruder! Ach, wie tief bereue ich es, daß ich die alte Mutter verschmähte und mich von der Leidenschaft leiten ließ. Die Honigwochen vergingen ungetrübt. Mein Gatte lebte nach unseren Satzungen. Doch merkte ich, daß nur die Liebe dieses Opfer erwirkte, allein ich dachte, auch die Ueberzeugung wird kommen. Doch es kam anders. Mein Gatte ließ sich meinen Glauben nur so lange gefallen, als die Leidenschaft anhielt, mit deren Schwinden verlor er auch die äußere Achtung vor dem Glauben, dessen innerstes Wesen ihm stets fremd geblieben. Er schmähte meine Religion, verspottete meine heiligste Ueberzeugung, doch ich wagte es nicht, ihm osfen entgegenzutreten, denn ich wollte meinem Kinde, das ich erwartete, den jüdischen Vater, trotzdem er es nur dem Namen nach war, erhalten. Das war der zweite Fehler meines Lebens und auch diesen mußte ick schwer büßen. Mein Gatte merkte, daß mir der Muth fehlte, ihm entgegenzutreten. Er sank von Stufe zu Stufe, trieb sich oft tagelang in leichtsinniaer Gesellschaft herum und vergeudete das Erbe, welches die liebe Mutter beim Kreisgerichte unserer .sseimathsstadt für mich hinterlegte. Dies alles ließ ich über mich ergehen, auch die Mißhandlungen des Betrunkenen ertrug ich ohne Murren, als wohlverdiente Strafe, .nur um-mein Kind, dem ich den Namen der Mutter ..Leah" beilegte, dem Glauben der Väter zu erhalten. Nun bin ich am Ende meiner Kraft, fühle, daß ich vielleicht nur noch Stunden zu leben habe, — und einen Wunsch nur habe ich, es ist der Wunsch einer Sterbenden, den Dein frommer Sinn erfüllen wird, selbst wenn alle geschwisterliche Liebe aus Deinem Herzen geschwunden. Dieser Wunsch heißt: „Leah." Rette mein Kind vor dem Verderben. Mein Gatte wird den Glauben an den Gott Israels, der ihm stets fremd geblieben, gewisser Northeiler nunmehr wieder ganz von sich weisen. Ihm, dem nichts heilig war, selbst der Glaube nicht, in dem er geboren, auch meine Ueberzeugung, der Glaube meines Kindes wird es ihm nicht sein, und er wird ihm die Pforten seiner Kirche öffnen, bewahre es davor! Mir war der Glaube stets heilig, einmal nur unterstellte ich ihn der Leidenschaft, und ich mußte dieses Vergehen mit meinem Lebensglücke, mit meinem Herzblute bezahlen. Davor soll mein Kind bewahrt bleiben. Darum lege ich seine Zukunft in Deine Hände, Deine wahre Frömmigkeit wird meine Leah vor solchem Unheil schützen. Gott mit Dir. theurer Bruder!" Ich war tief erschüttert beim Lesen dieser Zeilen, faßte mich aber bald so weit, daß ich für die weite Reise nach dem Domizile meiner Schwester die nöthigen Vorbereitungen treffen konnte. Als ich nach fünf Tagen das Ziel meiner Reise erreichte — zu jener Zeit gab es noch nicht so viele Eisenbahnen, als heute — fand ich nur deren Grab. Gatte und Kind waren seit zwei Tagen schon, gleich nach dem Begräbniß, verzogen und deren Aufenthaltsort war unbekannt. Und so mußte ich nach Abhaltung der Trauertage wieder die Rückreise antreten, ohne den letzten Wunsch der theuren Schwester erfüllen zu können. Oft dachte ich an das Kind derselben, die Hoffnung des Wiederfindens aber wurde immer schwächer. Als ich in dieses Zimmer trat, fiel mir die große Ähnlichkeit der Ohnmächtigen mit meiner Schwester auf; doch erst das Medaillon mit meinem Bilde, sowie der kleine Streifen Papier mit dem Anfangssatze des Brieses der theuren Mutter an Judith, gaben mir die Gewißheit, daß Du meiner Schwester Kind und zu mir gehörst, weil es der letzte Wunsch Deiner sterbenden Mutter war."- Lautlose Stille herrschte, als der Rabbi die Lebensgeschichte seiner Schwester erzählte, unterbrochen wurde sie nur durch das Aufschluchzen Helenens. Al? der Rabbi geendet, trocknete sie ihre Thronen und svrach: „Nun weiß ich, daß ich im jüdischen Glauben geboren. Ich habe meine Mutter nicht gekannt. Mein Vater ließ mich in seinem wieder angenommenen Glauben erziehen. Wohl fühlte ich dafür niemals tiefer. Doch die Verwandten meines Vaters, denen ich zur Erziehung übergeben wurde, sagten mir immer wieder, wie fest und unerschütterlich meine Mutter am Glauben gehaftet, daß meine Mutter glaubenstreue Jüdin war, verschwiegen sie mir. Mein Vater surrte e!n'' ruheloses Dasein und überließ meine Erziehung seinen Verwandten, auch nachdem er eine zweite Ehe einge-

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