Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 70 (5.9.1901)
- Date
- 1901-09-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1531 das Kind entrissen worden. Auf den durch die Weiber, sowie eine Anzahl zusammengelaufener Kinder erhobenen Lärm erschienen auch mehrere Männer, und nun hagelte es von allen Seiten Hiebe auf den Juden Singer, welcher sicherlich gelyncht worden wäre, wenn nicht ein zufällig vorbeifahrender Arzt, sowie ein Wachmann den arg Bedrängten in Schutz genommen hätten. Die Polizei führte den Juden inmitten, der johlenden Menge nicht ohne Mühe auf die Stadthauptmannschaft. Unser Tempeldiener, welcher um diese Zeit genannte Straße passirte, wurde mit Gejohle empfangen und mußte sich schleunigst in's nächste Haus flüchten. Unter der rumänischen Bevölkerung der Vorstadt war das tollste Gerede im Umlauf; man erzählte sich allen Ernstes, dem Jungen sei mittelst einer Maschine Blut abgezapst worden. Andere erzählten sogar, das Kind sei todt. Die Ausregung wurde noch dadurch gesteigert, weil man diese Schreckensgeschichten mit der geplanten Temepeleinweihung in Zusammenhang brachte. Den Juden entlastende Zeugen sagten indessen aus, der Mann habe den Weg nach der „Pojano" gesucht und dem Jungen fürFührerdienste eine Krone angeboten. Es wußte auch Jedermann, daß der in Rede stehende fremde ein braver Jude aus dem benachbarten Plojefti (Rumänien) und zum Sommeraufenthalt hierhergelommen war. Die Verhetzung des Pöbels hat den Höhepunkt erreicht. Der neuerbaute Tempel mußte Tag und Nacht bewacht werden. Die Hauptschuld wird mit Recht einem hiesigen czechischen Wochenblättchen zugeschrieben, welches mit dem Aufrufe: „Bewahret Eure Kinder" die Gemütber ansstachelte. Auch ein Pope soll qeprediat haben, daß man die Kinder beschütze, denn die Juden brauchten Blut zur Tempeleinweihung. Die strengste Untersuchung ist nach dieser Richtung noch im Zuge. Die Tempeleinweihung ging indessen am festgesetzien Tage zur anberaumten Stunde (4 Uhr Nachmittags) vor sich. Schon früher durchzogen zwei Compagnien Honvcd, unter Vorantritt der 60. Jnfanterie- Regimentskapelle die Straße, in welcher der Tempel stellt. Die Kapelle postirte sich im geräumigen Tempelhofe. Weißgekleidete Mädchen, mit Blumensträußen, bildeten Spalier. Der Tempelhof füllte sich mit Herren und Damen. Unter einem Baldachin standen der Rabbi sammt Kantor im vollen geistlichen Ornate. Die Spitzen der Behörden und des Militärs waren vertreten. Präzis 4 Uhr erschien der hiesige Obergespan, Graf Stefan Lazar, welchem der Gemeindepräses einen vergoldeten Schlüssel übergab, mit welchem der Graf die Pforten des neuen Tempels öffnete, worauf man unter dem Baldachin die Sefer Thora hereinbrachte. Nachdem der Kantor einige Psalmen rezitirt hatte, bestieg Rabbiner Dr. Nosenbaum die Kanzel und hielt die Einweihungsrede in ungarischer Sprache. Nach Absingung einiger ungarischer Lieder seitens des ungarischen nichtjüdischen (!) Gesangvereins war die Festlichkeit zu Ende. Nicht unbemerkt will ich lassen, daß das neue rer.d mit einer ungarischen Aufschrift geschmückt ist. 0 tempora! o mores! M. Schachner. Rußland. Petersburg, Ende Aug. (Offizielle Hemmung der jüdischen Bildung.) In der Behandlung der russischen Juden entwickelt die Negierung eine Art macckiiavellistisches Princip. Es ist wiederholt, selbst in den Spalten des Regierungsanzeigers, darauf hingewiesen worden, daß Schritte gethan werden müßten, um die Unbildung der jüdischen Bevölkerung zu beseitigen und diese dem Russenthum mehr zu assimiliren. Entgegen dieser Theorie weist aber jeder praktische Schritt der Regierung darauf hin, daß sie alle Mittel anwendet, um das Bildungsniveau der Juden möglichst niedrig zu erhalten. Es ist allgemein bekannt, daß für die mittleren Lehranstalten, Gymnasien, Realschulen, technischen Schulen. Universitäten und anderen höheren Spezial- Lehranstalten der Prozentsatz der jüdischen Schüler ein streng beschränkter ist, von 5—10 pCt., und nur in einzelnen wenigen Schulen (besonders in Kommerzschulen, die im jüdischen Ansiedlungsrayon liegen und notabene zu einem großen Tlleil durch jüdische Geldspenden ermöglicht sind) mit besonderer ministerieller Ermächtigung ein höherer sein darf. Der neue Minister der Bolksaufkläruna. Generaladjutant Wannowski, hatte sogar geplant, den Prozentsatz der jüdischen Schüler auf 2—3 pCt. zu reduzieren. Als diese Nachricht unter den etwa fünf Millionen Juden, die Rußland hat, eine ungeheure Erregung bervorrief. beeilte sich die Regierung, zu erklären, das Gerücht sei — unbegründet, es solle alles beim alten bleiben. Daß es sich aber keineswegs um ein ..Gerücht" gehandelt hat. sondern um sebr ernst verfolgte Pläne Wannowski's, die nur zeitweise zurückaestellt sind, beweist am besten der Umstand, daß fortgesetzt Eirkulare des Ministeriums der Bolksaufklärung erfolgen, welche die Aufnahme von jüdischen Schülern immer mehr erschweren. Bislana hatte z. B.. weniastens in der Praxis der Gvmnasten. die bumane Auffassung gewaltet, daß auch einem südischen Schüler, der einmal den Eintritt in eine Gvmnastalklaffe erlangt habe, die Möglichkeit geboten werden müsse, den Gvmnasialkursus zu beenden. Es bestehen nämlich in Rußland viele Progymnasten, welche nur vier oder füns Klassen haben, nach deren Absolviruna bisher auch jüdische Schüler anstandslos in ein Noll-Gvmnastum übernommen wurden. Dies aber bat das arößte Mißfallen des Herrn Wannowski erreat. Die Gvmnastaldirektoren sind streng angewiesen worden, jüdische Schüler, die ein Progymnastum absolvirt haben, nur dann zum Beziehen des Boll- Gymnasiums zuzulassen, wenn damit der gesetzmäßige