Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 70 (5.9.1901)
- Date
- 1901-09-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ungarn. Budapest, im Sept. (Der Antisemitismus i n Ungarn.) Die „Oesterr. Wochenschrift" schreibt: Die Thatsachen sprechen eine zu deutliche Sprache, als daß man sich der Erkenntniß verschließen dürfte: in Ungarn wächst die antisemitische Bewegung von Tag zu Tag kräftiger an. Die kleinen Episoden häufen sich, in denen dieser zur Zeit noch ziemlich verschwiegene und subterrane Antisemitismus an's Tageslicht tritt. Bei den kommenden ungarischen Reichstagswahlen werden einige Mandatsbewerber bereits mit Aussicht auf Erfolg auf ein antisemitisches Programm kandidiren, und heute wird von einem ungarischen Badeort berichtet, den alle jüdischen Kurgäste in Folge des excessiven Antisemitismus der Bevölkerung verließen. Skandalöse Vorgänge in Klausenburg in den jüngsten Tagen haben gezeigt, welchen gewaltthätigen Charakter eine ungarische Volksbewegung annimmt, wenn sie erst ein paar Tage uneingeschränkt wachsen durfte. Und wir glauben, daß der ungarische Antisemitismus, wenn er einmal genug Courage haben wird, sich offen und laut hervorzuwagen, ziemlich — östliche Formen annehmen dürfte. Die Juden in Ungarn sollten dem drohenden Wetterleuchten etwas mehr Beachtung schenken, als sie es derzeit thun. Sie sollten von ihren österreichischen Glaubensgenoffen lernen, wie man den Antisemitismus — nicht bekämpfen darf. Sie sollten bei Zeiten aufhören, sich auf die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze von Gleichheit, Brüderlichkeit u. dgl. zu verlaffen, denn diese Gesetze sind eine schwache Wehr gegen den Impetus einer volksthümlichen Bewegung. Sie sollten bei Zeiten das Gefühl der Sicherheit ein wenig verlieren und nicht gar zu sehr darauf bauen, daß sie ja von der Regierung, dem Gesetze und den Wächtern der Gesetze geschützt werden muffen. Eine Vogel Strauß-Politik, eine Politik des: ..Es kann uns nix g'schehn" ist der antisemitischen Bewegung gegenüber sehr deplaeirt. Ganz besonders in Ungarn. Wenn die Juden in Ungarn ihre Situation richtig verstehen, so müssen sie es zu verhindern trachten, daß der Antisemitismus im Lande eine populäre Bewegung werde, daß er in den breiten Schichten des Volkes Wurzel fasse und sich zum Ausdruck der allgemeinen wirthschaftlichen und politischen Unzufriedenheiten gestalte. Wir können es uns wohl ersparen, w i e wir uns eine solche Prophylaxis gegen den Antisemitismus denken. PrestLurg. An dem Tage, da uns das flammende Zauberwort Jesajas Trost und Hoffnung reichen sollte, am w »w ging uns ein Heiligthum in Trümmer. Und wie bei der Zerstörung des rr»-ipvn n's seben wir trostlos in die Zukunft, denn nrvn xro r«np2 Dem Allmächtigen, in seiner unerforschlichen Schicksalsfügung hat es gefallen, einen Zadik in des Wortes heiligster Bedeutung vom irdischen Erdenwallen abzulösen, um ihn in Seinen lichten Höhen jenes Lohnes theilhaftig werden zu lassen, um den er zeitlebens so mühsam gerungen. Herr Oberrabbiner Leopold Lemberger aus Rozsnyo, Ungarn, ist nicht mehr. Ein treuer Kämpe für Gott und sein heiliges Gut ist mit ihm uns entrissen worden. War er ja immer an erster Stelle, wo es galt, mit Mannesmuth für die Interessen der Orthodoxie einzutreten. Kein Opfer war für ihn zu groß, wenn er seinem Volke dienen konnte und immer führte er das begeisternde Wort für die npnpn min. Elf unmündige Kinder, die er alle im Geiste der Thora erzogen, haben in ihm ihre Krone verloren, und tieftrauernd beweint ihn seine Gemeinde, die führerlos geblieben. Sechs hervorragende S'J'tv gaben der Trauer beredten Ausdruck. Alle rühmten sie seine unvergleichliche Bescheidenheit, die mit so viel Seelengröße und Geistesreichthum unvereinbar schien. Möge der Allmächtige der iiefgetroffenen Familie in Seiner Güte Trost spenden und das Wirken seines würdigen Sohnes, Herrn Isar Lemberg, mit Erfolg begleiten. rrsaun. Kronstadt, im Sept. Die hiesige neologe Gemeinde hat einen im schönsten modernen Stile gehaltenen Tempel erbaut (Platz für Orgel, v-n gebaut u. s. w.). Die Vorbereitung zur Einweihung desselben, welche Ende v. Mts. stattgefunden, erlitt große Störungen, indem böswillige Hetzer abermals das Gerücht verbreiteten, daß zur Einweihung der Synagoge Christenblut verwendet werden müsse. Vor einigen Tagen kamen nämlich zwei Bäuerinnen aus der „rumänischen Vorstadt" zur Stadthauptmannschasi init der Anzeige, daß zu ihnen ein schwarzbärtiger, mit schwarzen Stirnlocken versehener Jude im Alter von 35 bis 40 Jahren gekommen sei, um ihnen ihre zwei kleinen Kinder um den Preis von je 5000 fl. abzukaufen! Der Oberstadthauptmann, ein liberaler Mann von echtem Schrot und Korn, ließ die Aussagen der beiden Weiber zu Protokoll aufnehmen, behielt sie dann im Stadthause und entsandte eine Patrouille, um den von den Bäuerinnen beschriebenen Juden zu suchen. Unser Tempeldiener, der zufällig einen schwarzen Bart und solche Locken hat, dabei auch beiläufig in demselben Alter steht, wurde verbastet und mit den beiden Bäuerinnen konfrontirt. Die Weiber erklärten aber, dies sei nicht der Jude, .der bei ihnen gewesen. Run verbreitete sich die Nachricht, daß am Ende der Vorstadt ein Jude in dem Augenblicke ertavpt wurde, als er einen kleinen rumänischen Knaben rauben wollte. Es wurde auch ein gewisser Sigm. Singer, der mit der Sache in Verbindung stand, zur Stadihauptmannschaft gebracht, vor welcher sich bald eine große Menschenmenge ansammelte. Laut Anklage soll Singer einen sünfeinbalbjährigen Knaben in der oberen Vorstadt von der Straße aufgehoben und fortgeschleppt haben. Daran sei er jedoch von mehreren Weibern, die den Vorfall bemerkt und sich an die Verfolgung des Juden gemacht hatten, gehindert und ihm