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Der Israelit · 1901-09-02 · Heft 69 (2.9.1901) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 69 (2.9.1901)
Date
1901-09-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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4L. Jahrgang. Aeikage zu M 69 des „Israelit" Leitender Artikel. Vor Vernsteinsucher. Ri a i n z , 1. September. Am 25. August ist der Begründer und frühere Eigeuthümer der Bernsteinwerke von Palmniken, Geh. >rommerzienrath M oritz Becker in Heringsdorf gestorben. Es dürfte unsere Leser intereffiren, Einiges iiDer den Lebensgang dieses merkwürdigen Mannes zu erfahren. Das Kurifche Haff, welches hinter der 90 Klinlr. langen turischen Nehrung liegt, ist .1661,6 Quadrattilometer groß und nimmt die Memel oder den Niemeu in zlvei Armen, Ruß und Gilge, sowie die Deine, einen nördlichen Arm des Pregel, auf und mündet bei Memel durch das Memeler Tief in die Ostsee. Geringe Tiefe und bei heftigem Winde sehr gefährliche Wellenbewegungen behindern die Schifffahrt auf diesen Gewassern für große Seeschiffe außerordentlich und die preußische Regierung muß dort anhaltend im größten Al aß stabe baggern lasten. Mit einem, königlich preußischen Baggermerster war der arine jüdische Hausirer Moritz Becker zu Beginn der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts befreundet. In einem der elenden Fischerdörfer am Haff trank der Baggermeister, wahrscheinlich in Ermangelung einer anderen passenden Gesellschaft, allabendlich seinen Fusel gemeinsam mit Becker. Nun ist bekanntlich die norddeutsche Tiefebene und namentlich Die preußische Ostsee vorzugsweise der Fundort für jenes schon bei Homer unter dem Namen Elektron bekannte versteinerte Harz, das wir Bernstein nennen, und das t durch Strandfischerei, Tancherei und Gräbereien ge-! Wonnen wird. Eines Abends hatte der Baggermeister! seinem Freunde Becker eine interestante Mittheilung zu j machen. Er erzählte ihm nämlich, daß er heute an einer j Stelle gebaggert habe, wo so viel Bernstein lagere, daß : die Eimer der Vaggermaschine nicht durchdrangen, viel-! mehr an der Menge des edlen Steines abgebrochen! feien. Den Fundort indesten näher zu bezeichnen, hielt l der Meister in seiner Eigenschaft als preußischer Be- , amter nicht für zuläffig. Bei Becker stand sofort der : Entschluß fest, diese Gelegenheit, sich aus der Niederung eniporzuarbeiten, nicht unbenutzt vorübergehen zu lasten und den Schatz unter allen Umständen zu heben. Aber wie sollte er die Sache anfangen? Für die Borarbeiten allein waren einige hundert Thaler erforderlich und er war vollständig mittellos. Auch war er so klugseine Geheimnis; nicht Jedem anzuvertrauen, denn er wußte nur zu gut, wie leicht er durch die durchtriebenen Memeler Geschäftsleute um seine ganze Hoffnungen gebracht werden könne. Ein Mann war es, zu dem er das größte Zutrauen hatte und von dem er, wenn er auch nicht zu seinen Glaubensgenossen zählte, überzeugt war, daß er ihm vertraute, und das war der Schiffer Stantien. Aber dieser Mann hatte keine Baarmittel. Wohl hatte er in Memel ein Häuschen, hatte auch ein schönes Schiff, damit konnte man aber die Arbeiter nicht bezahlen. Trotzdem wandte sich Becker au den Freund und brachte es durch seine überzeugende Rede mit ihm fertig, daß er mit ihm zusammen zu dein Bankier Meyer fielet) in Memel ging, wo sie einen Kredit von 500 Thalern nachsuchten. Lewy iveigerte sich Anfangs, die gewünschte Summe zu leihen, rieth dem Stantien dringend ab, sich mit dem „Schwindler und Abenteurer" einzulassen. Stantien ließ aber nicht nach, verbürgte sich mit Haus und Schiff und erhielt die 500 Thaler. Er hatte eben zu Becker Vertrauen und übergab ihm noch auf dem Eomptoir von Lewy das ganze Geld. Nun begab sich Becker zu einem Handbaggervermiether, miethete sich Bagger und Leiter und begann im Haff nach der ihm ' von dem Baggermeister angedenteten Stelle zu suchen. ' Allein alle Mühe war vergebens. Die Stelle war nicht anfzufinden u. die paar Hundert Thaler waren bis auf einen kleinen Rest verbaggert. Als Becker schon der Verzweiflung nahe war, kam die Hilfe. Für einen Tag hatte Becker noch die Arbeitslöhne. An diesem Tage gegen Mittag wurde die Arbeit besonders schwer. Als die Arbeiter ihrer Verwunderung darüber Ausdruck verlieben, daß heute die Arbeit gar so schwer sei, be-' merkte Becker kleine und große gelbe Steine; er ließ so-" fort mit der Arbeit einhalten und eine Untersuchung ergab den schönsten Bernstein. Damit war Beckers Glück gemacht. An demselben Tage fanden die Arbeiter an derselben Stelle vier große Zweischeffelsäcke Bernstein, die durch die von Cranz nach Memel kursirenden Dampfer nach der letzteren Stadt befördert wurden. Man kann stch die freudige Erregung Stantiens denken, als sein Freund Becker mit dem großen Fund zu ihm kam. Auch Bankier Lewy hörte davon, er ließ Becker in seiner Equipage abholen und stellte ihm zeden Kredit, den er - wünschte, zur Ver-S fügnng. Die Firma Stantien und Becker'wurde ge- ■ gründet und das Geschäft bald im. größten Maßstabe betrieben. An der.Glücksstelle Schwarzort wurde eine ■ Dampfbaggerei errichtet, während in dem nahen Palm-' niken ein Bergwerk für die Firma angelegt wurden Die beiden Einrichtungen bringen alljährlich hunderttausende von Kilogramm Bernstein und die Zahl der Fa-

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