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Der Israelit · 1901-09-02 · Heft 69 (2.9.1901) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 69 (2.9.1901)
Date
1901-09-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1517 angekommen, ruft uns das zu; verschmähet doch die alte Mutter nicht." Ehe der Rabbi noch in seinen Worten sortfahren tonnte, ward aus dem Nebenzimmer ein dumpfer Schlag vernommen und auf einen Entsetzensschrei der Hausfrau eilten Dr. Schapiro und der Hausherr in's Nebenzimmer und sahen, daß Helene Baumann wie leblos auf der Erde lag, in der einen Hand einen Gegenstand fest umschließend, während sie die andere weit von sich gestreckt hatte. Der Arzt kniete neben der anscheinend Leblosen nieder, gab aber nach einigen Minuten lautloser Stille den Umstehenden die Versicherung, daß es pur eine sehr tiefe Ohnmacht sei, von der die Gesellschafterin befallen, und bemühte sich eifrig, die Ohnmächtige in's Leben zurückzurusen. Rabbi Wols, der seinen Bortrag unterbrochen hatte, wartete, als er von dem Borgesallenen durch den Hausherrn unterrichtet wurde, aus das Wiedercrscheinen des Sohnes, doch als es länger dauerte, wie er geglaubt, da fürchtete er doch einen bedeutenderen Unfall, verließ seinen Platz und ging in das Nebenzimmer. Als er diesen Raum unbemerkt betrat —- die dicken Teppiche machten seine Schritte unhörbar, die Anwesenden aber tvaren mit der Ohnmächtigen zu sehr beschäftigt —- da fiel das volle Licht auf Helenens Antlitz. Wie gebannt blieb er stehen. Da begann die Ohnmächtige, vernehmbar zu athmen, die festgeballte Hand öffnete sich und ein runder, glänzender Gegenstand rollte lautlos bis zu des Rabbi's Füßen. Kaum aber, daß der Rabbi des Medaillons ansichtig wurde, — das war der Gegenstand, den Helene Baumann so fest umfangen hielt —• da stürzte er sich auf dasselbe, drückte auf die Feder, besah sich dessen Inhalt und rief zitternd vor Erregung: „Judith, geliebte Schwester Judith, Du kannst es nicht sein, weilest Du doch schon lange in den Gefilden der Ewigkeit; doch, da Du es nicht bist, so muß es Deine Leah sein." Da schlug die Ohnmächtige, die bereits des Rabbi Worte gehört, die Augen auf und flüsterte leise; „Judith, sa, das!var der Name meiner Mutter, doch nimmer kann sie Ihre Schwester gewesen sein, weiser Rabbi, — ich bin eine Nichtjüdin." Fragend blickte der Vater den Sohn an, und der Arzt verstand, daß der fragende Blick des Vaters bedeute, ob er zu der aus einer tiefen Ohnmacht erwachten weiter sprechen könne. Der Sohn nickte ihm bejahend zu. „Du bist keine Jüdin," antwortete der Rabbi, „dann scheinst Du die Lebensgeschichte Deiner Mutter nicht zu kennen, so vernimm diese aus meinem Munde." Alle Anwesende sahen den Rabbi erwartungsvoll an.- Dieser begann also: „In der nahen Kreisstadt zu H. habe ich das Licht der Welt erblickt; neun Jahre später wurde meine Schwester Judith geboren. An diesem Kinde hing das ganze Haus mit besonderer Liebe; das blondlockige Mädchen hatte es Allen angethan. Ich war ihr Spielgenoste und Lehrer und zu mir hatte sie eine ganz besondere Zuneigung. Ich mußte frühzeitig in die Fremde, die Wochen aber, die ich alljährlich im Haufe der Eltern verlebte, waren Festtage. Ich kannte keine größere Freude, als mit Judith zusammen zu fein, ihr helles Lachen zu hören — und für Judith gab es kein größeres Glück, als mich froh und zufrieden zu sehen. Als ich nach Abschluß meiner Studien in's Elternhaus zurückkehrte, war Judith sechzehn Jahre alt und zur herrlichen Jungfrau erblüht. Die Freude dieser letzten Wochen, die ich im Elternhause verbrachte — denn ich sollte in zwei Monaten schon meinen Rabbinatssitz in hiesiger Gemeinde beziehen — wurde getrübt, nach kurzem Kranksein wurde uns der Vater in der Blüthe der Jahre entrissen. Das Scheiden vom Elternhause, besonders aber von der Schwester, wurde mir dadurch um so schwerer, dennoch konnte ich den Plan, die Schwester, wie es bei Lebzeiten des Vaters bestimmt war, zur Führung des Haushaltes mitzunehmen, nicht ausführen, denn ich konnte die Mutter, die seit der Geburt der Schwester kränklich war und den Tod des Gatten sich sehr zu Herzen gehen ließ, mit der alten schwerhörigen Magd Hannah nicht allein lassen. Auch Judith war untröstlich, wenn vom Abfchiednehmen die Rede war, und machte sich erst mit dem Gedanken vertraut, als ich ihr mein wohlgelungenes Bild übergab, welches sie in einem Medaillon verwahrte und niemals abzulegen mir versprach. Ein Jahr später führte ich die Tochter rneines Amtsvorgängers heim, Mutter und Schwester waren Zeuge meines Glückes. An allen freudigen Ereignissen in meiner Familie nahmen Mutter und Schwester den innigsten Antheil; das Verhältniß zu diesen blieb ungetrübt. Als ich fünf Jahre im Amte war, da trat jenes Ereigniß ein, welches auch für Dich von größtem Interesse; ein Vierteljahrhundert ist seitdem verfloffen, doch ich erinnere mich noch der geringfügigsten Details, als wäre es erst gestern geschehen. Es war kurz vor dem Wochenseste, als ich durch unfern Hausarzt an das Krankenlager der Mutter berufen wurde. Ich erschrak heftig bei Empfang dieser Nachricht; der Umstand aber, daß diese Hiobsbotschaft nicht von Judith ausying, vermehrte noch meine Bestürzung. Ich benutzte den nächsten Zug und kam spät am Abend in H. an. Der Hausarzt, der mich an der Hausthüre erwartete, gab mir die Versicherung, daß eine momentane Lebensgefahr nicht zu befürchten, doch sei die seelische Depression eine solch' starke, daß hie? Kranke den ganzen Lebensmuth eingebüßt hak«,-und - der ohnehin stecke Leib diesen Einwirkungen nichts lange Widerstand leisten könne.' Ohne den ÄrAME' nur nach der Ursache dieses Zustandes zu fragen, lief ich in's Haus. Wo ist Judith?, so dachte ich, als ich in's

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