Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 69 (2.9.1901)
- Date
- 1901-09-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1515 aufgeführt und gaben Zeugniß, mit welchem Fleiße und mit welcher Pflichttreue er den Chor, welchem auch Männer angehörten, vorbereitete. Aus Mähren, 26. Aug. Betreffs der Besetzung des Brunner Rabbinerpostens scheint es ganz eigenthümlich vorzugehen. Dr. Platschet ist nicht in Pension gegangen und dennoch will man einen Nachfolger annehmen und die Konkurrenzausschreibung ist schon ain allerwenigsten geeignet, Licht über die dunkle Situation zu verbreiten. Da wird ein Mann verlangt, der zu gewissen Zeilen zu predigen und auch einige Casualien zu versehen hat. Cs scheint, daß zufolge dieser Ausschreibung Dr. Platschet als Landes- und Lokalrabbiner bleibt und daß der neu zu Ernennende gewissermaßen die Stelle eines Ablatus bei ihm in der Weise zu versehen habe, daß ersterer zu gewissen Zeiten zu predigen und ferner in jenen Fällen zu fnngiren habe, die ihm von dem gegenwärtigen Rabbiner bestimmt werden. Sagen wir es offen: Bei Hochzeiten und Leichenbegängnissen Bemittelter und Bornehmer will Dr. Platschet, bei anderen Fällen soll dessen Stellvertreter fnngiren. Daß eine solche Stellung nicht sehr verlockend ist, wird wohl Jedermann zugeben. Aber auch die gegenwärtige Situation in dem Brünner Tempel ist nicht geeignet, gesinnungstüchtigen Nabbinen diese Stelle als begehrenswerth erscheinen zu lassen. Das Svielen der Orgel, selbst am Versöhnungstag, und noch dazu von einem Juden, das Singen deutscher Lieder, Mädchenchor, das Auslassen vieler Gebetstüele, darunter das seit urdentlichen Zeiten in Ehren gehaltene Kol-Nidre, sind Momente, die jeden Rabbiner, meint er auch nur einen Funken jüdischen Gefühles besitzt, abschrecken muß, aber nicht gbschrecken soll. Wir betonen nicht umsonst das „Soll", obschon wir nickt voraussetzen, daß ein konservativer Rabbiner sich um diese Stelle bewerben werde, so kann es doch nicht gleichgültig sein, wenn der zu ernennende Stellvertreter und präsumtive Nachfolger Dr. Platschek's wieder Reformer ist. Es kann dies speziell dort in Brünn nicht gleichgültig sein, welches mehr als ein Fünftel der gesammten jüdischen Bevölkerung Mährens in seinen Mauern be.herbergt und täglich noch immer weiteren Zuwachs aus den alten Gemeinden erhält. Die konservativen Kreise müssen ihr Augenmerk daraus richten, daß Brünn einen Rabbiner erhält, dessen Richtung eine derartige ist, daß sie in der Mitte zwischen orthodor und neolog gelegen ist. Ein konservativer Rabbiner wird nicht aeeeptiren und würde auch nicht aeceptirt werden, ein Reformer würde zu den bereits angerichteten Berheerungen auf dem Gebiete des Kultus nur noch neue hinzufügen, weßhalb die Anstellung eines Rabbiners, der die Mittelstraße geht, nicht genug empfohlen werden kann. Dessen Aufgabe wäre es nun. die eingerissenen Uebelstände im Gottesdienste zu beseitigen, strenge aus die Regelung der im Argen liegenden Schechita zu dringen und darauf zu sehen, daß dem Religionsunterricht eine intensivere Pflege durch Vermehrung der Stundenzahl und durch Ertheilung des Unterrichts von wackeren Jehudim zu Thcil werde. Frankreich. Paris. 28. Aug. Ganz Frankreich bereiiet sich jetzt zum Empfange „seines treuen Freundes und Bundesgenossen," oes russischen Kaisers, vor. Die Zeitungen veröffentlichen spaltenlange Artikel, in denen der Zweibund in überschwenglichen Phrasen als die treueste und sicherste Garantie des Weltfriedens gefeiert u?ird. Wenn alle diese Vorbereitungen und ZeitUNgsatiitd auf die niedrigsten Instinkte, nämlich Chauvinismus und Bnzantinismus, spekuliren, so suchen die französischen Nationalisten und Antisemiten sich des bevorstehenden Czarenbesuches zu bedienen, um die gegenwärtige Regierung zu einer Handlung zu bewegen, gegen welche die frei und republikanisch denkenden Männer, und vor allen Dingen auch die französischen Juden, zu protestiren ein lebhaftes Interesse haben. Der Figaro, der auch im Auslande viel gelesen wird, ein Blatt, das jetzt immerzu mit der Rechten liebäugelt und in letzter Zeit sehr viel von seiner früheren Bedeutung eingebüßt bat, hatte vor einigen Tagen einen offenen Brief an den Präsidenten der Republick veröffentlicht, lvvrin Herr Loubet aufgefordert wird, aus Anlaß des Czarenbesuches Deroulede und Habert zu begnadigen und ihnen dadurch die Rückkehr nach Frankreich zu ermöglichen. Die Freude über den Czarenbesuch, meinte der „Figaro," wäre nicht vollständig, ivenn zwei so glühende Patrioten, die den französischrnssiicken Bund gewünscht und in gewisser Beziehung vorbereitet haben, in der Fremde schmachten müß- Die gan-e nationalistisch-antisemitische Presse bat diesen Begnadigungsvorschlag mit Enthusiasmus ausgenommen. Wir wollen hoffen, daß die Regierung and diesen Bor schlag nicht eingehen und die Anstrengungen der Antisemiten verlorene Liebesmüh bleiben werden. Für die französischen Juden wäre die Rückkehr eines so gewissenlosen Demagogen, wie Deroulede, der in der Dremusasfairc eine so unselige Rolle gespielt bat, mehr ats unangenehm. Im politischen Kampfe, wo man. sehr oft von schmutzigen Gegnern mit noch schmutzigeren Waffen angegriffen wird, kann man sich nicht immer von hochherzigen Gefühlen leiten lassen, und darum müssen wir uns auch einer etwaigen Begnadigung Deronledes mit aller Kraft widersetzen. Nickt etwa, als ob die französischen Juden oder die Republik von diesem einen Manne große Gefahren zu befürchten hätten. Aber Frankreich steht jetzt vor den Wablen zur Deputirtenkammer, und um durch diese Wablen nicht unangenehm überrascht zu werden, muß die Hauptsorge der gegenwärtigen Regierung die Aufrechtcrhaltung des sozialen und religiösen Friedens sein. Die Rückkehr Deronledes, dieses wüthenden Antisemiten, könnte am Vorabend der Wahlen diesen