Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1901-09-02 · Heft 69 (2.9.1901) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 69 (2.9.1901)
Date
1901-09-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449146-2449213--54128-2504737
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1513 bieten kann, sondern bloß eine vorbereitende Grundlage zum weiteren Lernen. Daß die Eltern unterstützend und ergänzend dem Lehrer zur Seite stehen müssen, daß das Haus dem Kinde jene Lehren in die That umgesetzt zeigen muß, ok es in der Schule in sich ausgenommen, ist mehr als selbstverständlich. Darum . schon ist jener Religionsunterricht, auf den unsere neologen Brüder pochend und lärmend Hinweisen: viel Lärm um nichts. Denn mag das Kind in einer neologen Schule noch so wenig von seiner „Religion" zum Einnehmen bekommen, „zweistündlich (in der Woche) einen Kaffeelöffel", so wird selbst dieses Wenige dem Kinde kein Arznei- und Heilmittel, sondern ein Gift, das in seinem Innern nur zersetzend wirkt, weil der schreiendste Gegensatz zwischen Haus und Schule auf seinen Lebenswandel nur die nachtheiligsten Folgen haben kann. Der Herr Papa muß ja sein unjüdisches Leben vor dem Kinde, um nicht zu erröthen, nicht nur entschuldigen, sondern auch rechtfertigen, was natürlich so geschieht, daß der Vater von der Religion und dem Religionslehrer von oben herab, mit einer Geringschätzung, mitunter mit unverblümter Verachtung spricht, was wieder im Laufe der Zeit auf das Kind nur demoralisirend wirken muß. Dies sollten sich die Eltern doch einmal recht gründlich überlegen und beherzigen. Was wir über den Religionsunterricht in der Volksschule gesagt haben, trifft auch bei der Mittelschule zu. Auch hier ist Schein von Sein streng zu unterscheiden. Auch hier thut uns kein Confirmationslinterricht mit ein paar eingelernten Brocken noth, sondern gründliche Kenntniffe in yai, E’J1“! und im Talmud. Es steht über allen Zweifel, daß hier, ivo der Schüler bereits Begriffe von der antiken und modernen Litteratur hat, ihm ein Einblick in die gewaltige altjüdische Litteratur nur Genuß und Erhebung bieten wird. Natürlich kann hier der Unterricht und wenn er von einem noch so bewährten Pädagogen ertheilt wird, nur dann von Erfolg gekrönt sein, wenn diesem Unterricht bereits in der Volksschule gehörig vorgearbeitet wurde; denn sonst ist alle Mühe vergebens, ebenso wie wenn man ein Haus ohne Fundament aufbauen wollte. — Wahrlich! das Judenthum hat sich seiner Klassiker nicht zu schämen und sie können den Vergleich mit denen der Römer und Hellenen glänzend bestehen. Das Urtheil eines Herder dürfte in dieser Beziehung gewiß maßgebend sein, und er spricht sich über diesen Punkt in seinem Werke: „Geist der ebräischen Poesie" wie folgt aus: „Virgil, Shakespeare und Klaudion mit Moses, Jesaias und David verglichen, heißt den Wassertropfen mit dem Meere vergleichen, und ist es nicht beschämend, sich auf den Wassertropfen zu beschränken, wenn wir vor uns den Ozean voll Größe und Majestät haben?" Auch hat sich das Judenthum vor dem Forum der neuesten Wissenschaft nicht zu verbergen. Zeugen doch neiKre Forschungen, daß schon in den Wurzeln der heiligen Sprache die Ergebnisse der neuesten Wissenschaft mehr als angedeutet sind. (Siehe „Ein Wort über Wissen und speziell über naturwissenschaftliche Anschauungen des Judenthums von Dr. med. Hirsch. „Israelit, Jeschurun" 30. Jahrgang.) Was Rachmanides in der Vorrede seines Bibelkommentars behauptet, daß alle Weisheit in der Thora angedeutet sei, haben neueste Forschungen als unwiderlegbar nachgewiesen. Was wir diesbezüglich vermissen, scheint nur für uns als eine Lücke, da die moderne Wissenschaft nichts weniger als abgeschlossen ist. Die biblisch-talmudische Anschauung, die Thora mit Licht iirprt+ifigirt (Prov. 6, 23. Tr. Megilla 16 b) findet demnach schon hwrdurch auch ihre Begründung. Und je mehr wir für Licht eingenommen sind, desto mehr müssen wir uns in das Studium des jüdischen Gesetzes vertiefen und dem Thorastudium in den Schulen einen je größeren Platz sichern. Die Feinde der Thora sind zugleich Feinde der wirklichen Aufklärung! (Fortsetzung folgt.) Jeitrmgsnachrtchte« und Correspondenze«. Deutschland. Hannover, Ende Aug. Die Landrabbiner von Hannover, Hildesheim und Emden, haben, um den Gefühlen der Trauer über den Heimgang der Kaiserin Friedrich Ausdruck zu verleihen, für den Sabbatgottesdienst in das übliche Gebet für den Landesherrn das folgende Gebet angeordnet: „Herr und Vater! Barmherziger und gnadenreicher Gott! Du hast vor wenigen Tagen in das Reich der Ewigkeit die edle Kaiserin Friedrich abberufen und durch ihren Heimgang unseren geliebten Kaiser und König mit seiner hohen Familie in tiefe Trauer versetzt. Mit dem theuren Herrscherhause weilt auch das ganze deutsche Vaterland trauernd an der Gruft der entschlafenen Fürstin, die drei Jahrzehnte hindurch eine treue Lebensgefährtin des unvergeßlichen ersten Kronprinzen im neuerestandenen deutschen Reiche, des späteren Kaisers Friedrich, gewesen, die dem Vaterlande seinen gegenwärtigen Herrscher geschenkt. Erleuchteten Geistes, warmfühlenden Herzens hienieden wirkend, hat die Verewigte in reinster und edelster Menschenliebe gar segensreich gewaltet inmitten ihrer erlauchten Familie, inmitten des ganzen Volkes, allezeit das Heil und die Wohlfahrt des Vaterlandes gefördert. Nun ist. sie nach Deinem unerforschlichen Rathschlusse heimgegangen in Dein lichtes Reich! Laß ihre Seele beglückende Ruhe finden unter den Fittichen Deiner Herrlichkeit und gedenke ihr all das Gute und Edle, das sie hienieden geübt. Dir, o Gott, sei Lob und Preis für alle Gnade,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.