Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 68 (29.8.1901)
- Date
- 1901-08-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1491 Frankreich. Pari^, 25. Aug. Ein Mann, der in diesem Augenblicke von seinen Gegnern auf der Rechten und auch auf der Linken heftig angegriffen wird, und der ey reichlich verdient, daß inan in einem jüdischen Blatte seiner mit den Gefühlen größter Hochachtung und aufrichtigster Verehrung gedenkt, feiert am 3. Septemebr d. I. seinen 42. Geburtstag. In seiner „Sendung an Hans Sachs" sagt Goethe so wundervoll: Jrlls Froschpfuhl all das Volk verbannt, Das seinen Meister je verkannt. Wir wollen uns den Vorwurf, undankbar zu sein, nicht machen lassen und richten an Jean Jaures in bent Augenblicke, wo witzige Köpfe sich bemühen, ihn zu verkleinern, zu seinem Geburtstage unser besten und herzlichsten Glückwünsche. Zwar hat die französische Revolution die Gleichheit aller Bürger ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses protlamirt. Die alten Vorurtheile gegen die Juden sind aber in aller Kraft geblieben, man hat immer den Juden als etwas Minderwertiges betrachtet. Diese Vorurtheile, die sich unter anderem auch in der akademischen Jugend breit machten, hat Jaures gleich bei seinem Eintritt in's öffentliche Leben auszurotten gesucht. Er hat das Wort Windthorst's zu seiner Devise gemacht: „Wer die Jugend hat, der bat die Welt." Und die Jugend, die instinktiv weiß,, wer ihre Freunde und wer ihre Feinde sind, ist schaarenweise zu Jaures gekommen und hat ihre ganze Denkungsart und Lebensauffassung von ihm beeinfluffen kaffen. Eine ganz großartige Rolle hat Jaures in der Drepfusassaire gespielt. Während Jules Guesde sagte: „Was kümmert es die Arbeiter, ob dieser reiche jüdische Dffiffer schuldig ist oder nicht, wir haben uns mit viel wichtigeren Angelegenheiten zu beschäftigen," während W'l- Helm Liebknecht, der für die Sache der Freiheit viel gekämpft und gelitten hatte, sogar behauptete, daß Dreh rus schuldig sei, sagte Jaures: „Die absoluteste Gerechtigkeit ist die einzige Basis jedes geordneten Staatswesens; ob ein Christ oder ein Jude, ein Bourgois oder ein Arbeiter unter der Ungerechtigkeit leidet, ist ganz egal; er leidet ungerecht, also müssen wir ihn vertbeid' gen, denn nur aus der Basis der Gerechtigkeit kann west ter gebaut werden." lind da hat er seinen berühmten Kampf begonnen, durch den er seinen Ramen geradezu unsterblich gemacht bat und sich auch unschätzbare Verdienste um das Judeuthum erworben bat. In Folge dieses beroiseben Kampfes bat er bei d«m letzten Wahlen seinen Wahlkreis verloren, den er aber nächstes Jabr ohne Zweitel wiedergewinnen wird. Ein neuerer Schriftsteller hat Jaures mit Gambetta verglichen. Ich finde diesen Vergleich ausgezeichnet. Was diese beiden großen Männer gemeinsam haben, ist ibre grenzenlose Begeisterung, ihr nnerschütterlicher Glambe an" ihre Sache, und ihr großer Einfluß auf die Volksmaffen. Man könnte sich wundern, daß Jaures trotz seines verhältnißmäßig so jugendlichen Alters schon so viel zu leisten und sich schon eine Weltberühmtheit zu erwerben vermochte. Darauf könnte Jaures mit vollem Rechte mit jenen schönen und stolzen Worten von Cid antworten: .In suis jeune, il est vrai, mais aux ämes bien pees. La valeur n attend pas Ie nombre des amiees Pi. Tprechsaal. Bode,»selbe, 25. Aug. Bezüglich der Ausführungen des Rechtsanwaltes Dr. Hanauer, den Linger Fall betreffend, möchte ich Folgendes bemerken: Ich glaube, daß die Synagogen-Gemeinde Lingen einen Rechtsanspruch auf eine Beihülfe der Königl. Regierung in Dsnabrück geltend machen kann, und daß es daher angebracht gewesen wäre, den Anspruch zu erheben bezw. durchzufechteu, bevor sie den Beschluß gefaßt bat, ihre Elementarschule aufzuheben. Die Verhältnisse in der Synagogen-Gemeinde B. des Regierungs-Bezirks H., auf die als einen analogen Fall hingeiviewn Ivorden ist, find mir sehr wohl bekannt. Wenn in dieser Gemeinde die Zahl der Schul- :i»:dcr neunzehn betragen würde, so bin ich überzeugt, daß es der Genieinde niemals eingefallerr wäre, ihre Sckmte einychen zu lassen. Sie bekommt aber auch von der 5tgl. Regierung eine gesetzliche Beihülfe in der Höhe von 500 Ml., und noch eine widerrufliche im Betrage von 150 Ml. Es fällt der Gemeinde gar nicht ein, zu Gunsten der Kgl. Regierung auf diese Beihülfe zu verzichten. Ich meine, die Gemeinde Lingen hätte wenigsten^ alles Mögliche versuchen müssen, diesen namhaften Zuschuß zu erhalten. Allerdings ist in B. der Lehrer bereits etwa fünfzehn Jahre definitiv angestellt, während in Lingen der Ausvruch auf Beihilfe erhoben worden ist, bevor die desinitive Anstellung stattgefunden. Allein nachdem letztere erfolgt ist, glaube ich kaum, daß sich die Regier"na lveigern darf, den Zuschuß zu zahlen. Der Beschluß des dortigen Vorstandes, die Schule aufzubeben. der sehr zu bedauern, hat der Kgl. Regierung st.ueu Schein von Recht gegeben. Der Lehrer braucht übrigens meines Wissens l'b.i'u Deut von seinen Ansprüchen fallen zu lassen. Ein Glück für ibn, daß die Schule nicht vor seiner deKnistueu Anstellnna ausgehoben worden ist, sonst roöiv er jew auf's Trockne gesetzt. Welcher Zukunft *L kleineren Gemeinden, die sich durch Aussterben und 5-r;;"' der Mitglieder nach den Großstädten immer mRr vermindern, entgegeugeben, und wie sehr den iiin'iifit'iT Eimmu'.tarlehreru jede Aussicht abgeschnitten ist. da die Graßgemeinden über Elementarschulen erbaben sind und es varzieben, ihre Kinder in höhere Sckmlen. kie.'.-abert'M r.ffrbrübH ckre sein '-dürfen, zu schicken, diese Erwägung drängt sich jedem auf und brau.cht nicht besonders auseinandergesetzt zu werden. L. Weinberg, Lehrer.