Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 67 (26.8.1901)
- Date
- 1901-08-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1472 gesetzt den Fall, die Menschheit wäre durch denkende Betrachtung der Naturwunder zu derselben erhabenen Vorstellung des ewigen, körperlosen, alle Eigenschaften in sich konzentrierenden Gottes gelangt, wie sie uns die Ueberlieserung so deutlich vor Augen stellt; aber hätte sie nicht dem Jrrthum verfallen können, als erachtete dieser Schöpfer sein einmal vollendetes Werk für abgethan und überließe es nun völlig sich selbst. Wie man eine Uhr aufzieht und sie dann unbekümmert ihren Gang gehen läßt, bis das Werk einmal ablaufen wird, so habe der Weltschöpfer sich von uns abgewandt und alles den sinnlos waltenden Naturgesetzen übertragen — „ein Gott, der nur von außen stieße." Würde eine solche Vorstellung sich einnisten, so fällt der Glaube an die Vorsehung und an das Richteramt Gottes fort, und mit ihm stürzt die Verpflichtung zur Moral und zur Selbstvervollkommnung zusammen, die ja doch den Hauvtzweck aller Religion darstellen. Wir sehen also, daß, um ihr Ziel zu erreichen, vie Religion der Offenbarung nicht entrathen konnte. Und demgemäß sind auch die Worte des Propheten aufzufasien: Es rühme sich nicht der Weise seiner Weisheit, sondern damit rühme sich, wer sich rühmen kann, mich ganz zu begreifen, der ich Gnade übe und gerecht richte und daran Gefallen finde. Das will sagen: Nicht der kann sich der Weisheit rühmen, der mein bloßes Dasein erkannt hat, sondern nur der, welcher auch weiß, daß ich die von mir erschaffene Welt weiter leite und regiere, mich mit Liebe und Gnade meiner Geschöpfe annehme, Recht belohne und Unrecht bestrafe. Wem diese Erkenntniß mangelt, wie leicht dünkt sich der trotz seiner Klugheit den Herrn der Schöpfung ohne Richter über sich, übt Unrecht und Gewaltthat gegen Schwächere und wird alsbald ein Spielball seiner Leidenschaften. Wenn wir jetzt noch vorausschicken, was oer Rambam im c'ria: me ausführt, daß unter „Engeln" häufig Naturkräfte und Naturerscheinungen verstanden werden, wie es ja auch des Psalmisten Worte bezeugen: Er macht die Winde zu seinen Boten, flamende Feuer zu seinen Dienern —, so können wir an die Erklärung unserer eingangs citirten Hagadah schreiten. Die Engel versinnbildlichen dort die Natur und ihre Kräfte und in dem dort wiedergegebenen Zwiegespräch zwischen ihnen und Moses haben unsere Weisen in poetischer Form das Problem behandelt: Offenbarung durch die Wunder der Natur oder Offenbarung durch die Thora? „Was brauchst Du ihnen die Thora zu geben," fragten die Engel, „werden nicht die Einsichtigen unter ihnen schon aus unserem, der Naturkräfte Walten Dich erkennen?" ^32 -jcb> thx ne c'strn Sy ^mn hjd ,pxn Und dagegen macht Moses in treffendster Weise geltend: anm erstes B1S2. „Gibt es denn in euch irgend ein Anzeichen für eine Welt l e i t u n g? Habt ihr etwas aufzuweisen, was so schlagend das Walten einer Vorsehung beweist, wie der Auszug aus Aegypten?" Und ferner: E2\ra L" ynn “a“ aiSz. „Habt ihr ein Mittel gegen die bösen Leidenschaften, die so leicht des Menschen Herr werden? Die kann er nur überwinden, wenn er durch eine direkte Offenbarung auf eine moralische Weltordnung hingewiesen wird." Diesen Gründen gegenüber gaben sich die Engel überwunden und riefen nunmehr aus: S22 -et? mx na 2713 xS awn by “in n:r ibxi pxn Ja, wie der Talmud weiter erzählt, wurden sie jetzt seine besten Freunde und machten ihm Geschenke. Das soll heißen: Neben der Offenbarung dürfen und sollen wir auch zur Begründung unserer Lehren die Natur mit ihren Kräften, Gesetzen und Wundern herbeiziehen, um so bestärkt und bekräftigt zu werden iin Glauben an die uns überlieferten Wahrheiten. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, im Aug. Ein hiesiger Arzt schreibt der „Voss. Zeitung": Gestatten Sie mir, Ihnen ein Reiseerlebniß mitzutheilen, durch dessen Veröffentlichung Sie manchen jüdischen Lesern Ihres geschätzten Blattes peinliche Erfahrungen ersparen werden. In V 0 l d e r - b a d bei Hall (Tirol), wohin ich mich, veranlaßt durch das hübsche Kinzel'sche Reisebuch, mit den Meinigen zur Sommerfrische begeben hatte, wurde mir durch zwei reichsdeutsche, protestantische Herren, mit denen ich freundschaftlich verkehrte (einen Oberbürgermeister und einen Rektor), am fünften Tage unseres Dortseins mitgetheilt, daß die überwiegend katholische und antisemitische Gesellschaft Demonstrationen und Insulte gegen uns plane, wenn wir nicht freiwillig das Felo räumten. Jene Clique hatte der Wirthin zugleich gedroht, sie würden sämmtlich ihr Haus verlassen, falls sie die Juden länger bei sich beherbergte. Thränenden Auges bestätigte mir die freundliche Wirthin, bei der wir sehr gut aufgehoben waren, die Zwangslage, in lvelche sie durch die antisemitisch-ultramontanen Hetzereien versetzt war. Ihr zu Liebe und der Uebermacht weichend, verließen wir das anmuthige, aber uns durch diese widerwärtige Agitation verleitete Volderbad. Als Haupthetzer wurden uns ein Doktor aus Regensburg und ein angeblicher „Prinzenerzieher" (!) aus Wien genannt. Die feige Gesellschaft hütete sich, mir mit ihren Provokationen persönlich, Auge in Auge, gegenüber zu treten: ich wäre ohne Iveiteres bereit gewesen, oen Haupt-Agitatoren einen bleibenden Denkzettel mitzugeben. Allein die Riicksicht auf die daraus sich entwickelnden, meine Ferienerholung störenden Folgen und die Rücksicht auf meine Damen hielt mich von solchen Schritten zurück. Ich beschloß also, einen Ort, in welchem Personen von so niederem Bildungsgrad und