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Der Israelit · 1901-08-22 · Heft 66 (22.8.1901) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 66 (22.8.1901)
Date
1901-08-22
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1464 Der Lehrer stellt sich vor David hin: „Na, Du bist also zu spät gekommen? Daß sich; doch diese Juden nicht an Pünktlichkeit gewöhnen! können!" Ein Gefühl der Befriedigung geht durch die Klaffe, j Mit den Bemerkungen gegen die Juden macht der! Lehrer Glück bei seinen Schülern.! Heute ist David in der Schule so unaufmerksam,! daß noch oft vom Katheder herab hämische Bemerkungen j gegen die Juden fallen. j „Was kann denn Arthur haben," fragt sich David immer wieder. Daß die Klasse ihn haßte, weiß er, er! hat sich daran gewöhnt, er hat ja die Liebe, die er j brauchte, auch bei Arthur gesunden. Was mochte denn! nun da vorgefallen sein? Er sinnt und her und konnte! zu keinem Resultate kommen. Kaum ist die Stunde beendet, so eilt er auf Arthurs Platz, findet ihn aber leer — der Freund ist fort. David eilt hinaus auf den Schulhof, sucht überall, läuft von einem Ende zum andern, fragt — er findet ihn nicht. Endlich sieht er ihn, hinter der Thüre steht er , und sieht auf den Hof hinaus, und als David näher! lammt, wird er feuerroth. j David ruft ihn an: „Arthur!" — da erst sieht er, * daß Thränen in seinen Augen stehen. Er kommt näher: j ..Warum weinst Du denn?" i Eine lange Pause entsteht, dann erst sagt Arthur! schüchtern: j „Ich-ich darf nicht mehr mit Dir! gehen!" „Was? — Warum denn nicht?" „Vater hat es mir verboten!" David schwimmt alles vor den Augen. Arthur ist der Einzige gewesen, der mit ihm, dem „Judenjungen", noch Freundschaft gehalten hat. Und so hat j er auch stets an dem kleinen Kameraden, dem einzigen > Freunde, gehangen mit jener reichen Fülle von Liebe j und Zärtlichkeit, deren häufig Kinder fähig sind. Und! was soll jetzt sein?- j Nur mit Mühe kann er fragen: „Warum will denn! Dein Vater nicht, daß Du mit mir gehst?" j „Weil Du jüdisch bist — und Ihr braucht doch zu j Eurem Feste immer Christenblut." j „Das ist ja nicht wahr, das ist ja eine Lüge!" j „Nein, nein, ich habe es jetzt auch gelesen. Ich habe j zu meinem Vater gesagt, ich glaube es nicht, da hat er mir es aber in der Zeitung gezeigt. Und überhaupt! sagen es doch Alle! Auch in der ganzen Klasse wissen sie es. Und mein Bruder, der ist doch schon in Ober-! sekunda, der sagt es auch."! David sieht ganz scheu den Freund an. j „Aber Du weißt doch, wir haben doch auch die! Zehn Gebote, wie Ihr, und da steht doch: Du sollst nicht! tödten!" Arthur schüttelte den Kopf.! „Und dann hat Baumeister neulich erzählt, da Hai ein Pastor gesagt, daß Ihr Menschenblut braucht — und ein Pastor kann doch nicht lügen, die sind doch alle so fromm. Bis jetzt habe ich es auch immer nicht geglaubt — und wie früher einmal Baumeister mir davon erzählte, da habe ich ihn mächtig verhauen, daß er mich zuerst sogar anzeigen wollte. Aber wo es doch auch der Pastor sagt und mein Vater Jetzt brach ein Thränenstrom aus David's Augen. „Nein, es ist nicht wahr! Wirklich — ich will Dir die rechte Hand drauf geben — es ist nicht wahr." Aber Baumeister hat das Gespräch der beiden, wenigstens den Schluß, belauscht und stürmte nun hinauf in die Klaffe. „Wißt Ihr, was der David gesagt hat?" schrie er vom Katheder in's Zimmer. „Er hat gesagt, der Pastor hätte geschwindelt!" „So 'ne Frechheit —." „Was hat er gesagt?" Die Jtiden werden immer frecher," tönt es durcheinander. »Wißt Ihr überhaupt, wir wollen gegen den David einen „antisemitischen Volksbund" gründen." „Erst wollen wir ihn überhaupt mal wieder verhauen. Der hat schon lange nichts gekriegt!" „Los!" David wankte betrübt die Treppe hinauf — allein. Auch Arthur hat er verloren. Das ist sein einziger Gedanke. Dieser quält ihn mehr als alle Schmähungen und nagt in seinem kindlichen Herzen. Oben empfing ihn die tobende Rotte. Er wird überwältigt. „Du, hat der Pastor geschwindelt? — Braucht Ihr Christenblut zu Euren Paffakuchen? Zu Euren Mazzes?" Und während dieser Rufe regnen die Püffe. Der Lärm hat den Direktor angelockt, der gerade den Korridor entlang geht. Er tritt in die Klasse. — Aber die Schüler sind durch Aufpasser vorbereitet und der Direktor sieht nichts von der aufgeregten Szene. Nur den kleinen David sieht er abgesondert stehen und so geht er hin — und blickt in ein todtenblaffes Gesicht. „Bist Du krank, mein Sohn?" Der Kleine schüttelte den Kopf. „Wie heißt Du denn?" „David Frank." „Warum hast Du denn geweint; bist Du nicht krank?" „Ja," sagte David; da der Direktor zweimal gefragt bat, muß es doch wohl so sein. Noch immer schwindelt ihn, ihm ist, als. ob die ganze Klaffe, die gelbliche Wand und die schwarze Tafel wie der hellbraune Schrank in eins zusammenfließen, plötzlich dreht sich Alles ganz schnell — immer schneller — und ohnmächtig sinkt er um. Ganz still ist cs in der Klaffe geworden, nur Arthur weint leise und Baumeister flüstert seinem

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