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Der Israelit · 1901-08-22 · Heft 66 (22.8.1901) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 66 (22.8.1901)
Date
1901-08-22
Page
– (sequence 19)
Language
German
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1465 WMWWWWMWWWWWWW Nachbar zu: ,/Jiii sieh blas mal, wie der Judenjunge sich verstellen kann." Der Direktor, der den Ohnmächtigen aufgesangen bat, ruft einen jungen Hilfslehrer an, der gerade an der blasse vorüberging, und bittet ihn, mit dem Knaben in dessen Wohnung zu fahren. Der junge Lehrer sieht im Wagen in das bleiche, seingeschnittene Kindergesichtchen; lange betrachtet er es, dann seufzt er unwillkürlich. Der Knabe liegt noch immer mit geschlossenen Augen. Nur leine Livpen bewegen sich hin und wieder lind flüstern: „Es ist doch nicht wahr!" Nach einer Weile öffnen sich die Augen, David blickt sich scheu um, er weiß nicht, wo er ist. „Herr Doktor, wo fahren wir denn hin?" Jetzt fällt es ihm erst ein, wie neulich Baumeister zu ihm sagte: „nächstens werden alle Juden in's Zuchthaus gesperrt, dann werden wir Euch schon Mores lehren, die arinen Christenkinder zu schlachten!" Jetzt dachte David an diese Worte und fügte gleich hinzu: „Herr Doktor, Sie wollen mich doch nicht einsperren? Es ill ja Alles nicht wahr!" „Was ist denn nicht wahr, mein Junge?" „Daß wir Ehristenkinder todtschlagen. Es ist wirklich nicht wahr! Der Baumeister schwindelt blos." „So — und da ist er wohl ungezogen gegen Dich geivesen?" Der Kleine sieht dem Lehrer stumm in's Gesicht, ohne eine Miene zu verziehen. „Hat er Dich vielleicht beschimpft?" „Ja, er schimpft immer so, Herr Doktor." „Was sagt er denn da zum Beispiel?" „Er sagt immer: „Verfluchter Judenjunge." „So. — Und hast Du denn nun gar keinen Jreund?" Da bricht plößlich der Kleine in ein krankhaftes Schluchzen aus. Er denkt an den einzigen, an den gelebten Jreund. den er hellte verloren hat. Dann fährt der Wagen vor dem Hause vor. Schon mehrere Tage liegt David im Lieber zu Hause und die Mutter sitzt von morgens bis abends an seinem Lager. Aber täglich kommt auch der junge Kittslehrer in das Haus, um sich nach dem Befinden des Kleinen zu erkundigen. Und eines Tages, als er wieder mit der Mutter om Krankenbette sitzt, da sagte er: ..Erlauben Sie mir einmal eine kleine Offenheit, anädige Iwan. Ihr Junge ist mir schon oft in der l^chosanfaefallen, trotzdem ich ihn eigentlich noch nie unterrichtet habe, ltrtb ich habe ihn wirklich lieb gewonnen. Ich weiß eigentlich nicht genau zu erklären, weßbalb: denn ich kenne ibn ziemlich wenig. Vielleicht siüelr allerdings dabei der Umstand mit. daß — auch ich einmal Jude gewesen bin!" „Wie, Herr Doktor, auch Sie — und — Sie haben sich taufen lassen?" „Ja. Und in den Leiden Ihres Knaben sah ich ein Stück meiner Jugend. — Ich habe zum ersten Male diesen Theil meiner Vergangenheit enthüllt und füge, indenl ich für das Gesagte um Diskretion bitte, hinzu, daß ich all' dies nicht ohne Absicht gethan habe. Ich sagte Ihnen, daß ich Ihren Sohn liebgewonnen habe, verzeihen Sie mir daher eine offene Bitte: Wollen Sie nicht vielleicht Ihren Sohn auch taufen lasten." „Nein! Und fragen Sie nicht nach meinen Gründen. Die verstehen Sie nicht. Sie würden ihm das Heiligste rauben, was wir haben. Und — ganz nebenbei gesagt: Sie sagten, Sie sprächen zum ersten Male über Ihre Vergangenheit. Also Ihre Kollegen wissen nichts davon?" „Kein Mort. Denn sehen Sie, soweit ist heute glücklich der Antisemitismus. Selbst wenn man das Opfer gebracht hat und ist zum Christenthum übergetreten, selbst dann verfolgt einem der Judenhaß und man wird ausgeschlossen, wo man sich sehen läßt!" „Und trotzdem preisen Sie die Taufe als Allheilmittel?" „Ja doch. Man kann ja schließlich fortziehen, wie ich. Wer fragt denn da nach der Vorgeschichte." „Und so rathen Sie mir also, nicht nur den Glauben abzulegen, an dem wir — auch das Kind — hangen mit unserem ganzen Empfinden, sondern auch unsere Eltern und Großeltern und die würdigen Vorfahren alle, zu beschimpfen, indem wir sie verleugnen? Wir bleiben, was wir sind, so lange wir leben." „Ich muß sagen, Ihr Stolz imponirt mir, und ich bewundere Ihre Geistesgröße. Aber das Leben mißt anders und duckt einen. Und dann — der Druck und Haß wirkt nicht nur auf den einzelnen Juden, sondern auch auf das Judenthum als Ganzes. Sehen Sie nicht, daß das Judenthum zu Grabe schleicht, trotz des Heroismus mancher Einzelnen? Die Verbannung . . ." „Die Verbannung wird nur so lange dauern, bis es Gott gefällt, uns zu erlösen. Dann wird das Volk zurückkehren zur einstigen Herrlichkeit nach Zion, von wo die Lehre ausgegangen ist." Und als der Lehrer fort war, sagte David leise: „Mamachen, ich habe gehört, was Du zu dem Lehrer gesagt hast, und das war so schön! . . . Mamachen, nicht wahr, der liebe Gott führt uns bald zurück?" „Das hoffen wir, mein Liebling." „Ja, nicht wahr. Und da wird es schön werden. Und Baumeister darf doch da nicht mit hin und . . ." .Und er schläft wieder sanft ein und in seinem Traume steht die einstige Heimath vor ihm, leuchtend und klar, von der er so oft und gern gehört hat, wo alle Noth zu Ende ist. Die Cedern des Libanon stehen da und da rauscht auch der Jordan — und Mutter Zion sitzt an seinem Lager und streckte ihre Hand schützend und schirmend über sein Haupt aus und zieht ihn dann liebevoll an ihr mütterliches Herz.

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