Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 66 (22.8.1901)
- Date
- 1901-08-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449210--54059-2504665- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4% Jahrgang. Erste Anlage zu M 66 des „Israelit." Leitender Artikel. Kabbiiin M. i. Kiigclv j in otMcrftiiiiiprni. Heute habe ich in eigenartiger Weise meinen Bericht avzuiasseu. Wenn wir sonst über die Bedeutung eines Mannes schreiben, dann feiern wir gewöhnlich das Fest eine* Buches. Die Berichterstattung geschieht dann von : a Bibliothek her, wir schlagen an solchen Tagen auf's Jicuc in Büchern nach und holen uns da unfern Stofs iht. Es gilt dann die gewöhnliche Arbeit des Excerxicrens, Eollationirens u. s. f., mit einem Worte, es .cerden Bibliotheksreminiscenzen wache, sie werden, so gut es angeht, festgehalten, in einem der üblichen Veruüelinisse aller lebenden Schriftsteller und Denker wer-' den die kümmerlichen Daten der Geburt, der Studien, der Lehr- und Lernjahre nachgeschlagen und im Nu siebt vor uns die Würdigung eines Mannes, den wir leiern. Aber die Würdigung des Mannes im uneigentlidk'it Sinne des Wortes, denn das Bild, das so entbebt, ist mehr die Kopie seiner Bücher — und nur zu oft gebt bei solchen Schilderungen der Reiz der Persönlichlei; verloren. Unsere heutige Aufgabe besteht in der Schilderung einer Persönlichkeit. Denn Bücher hat dieser Mann, effcn Namen an der Spitze meiner Zeilen steht, noch leine veröffentlicht. Und dennoch, vielleicht deßhalb, Airften einige Züge eines stillen, bescheidenen Denkerl>.dens auch weiteren Kreisen gewisses Interesse bieten, os gibt ja so Wenige jener guten alten Zeit, wo man gedacht und gearbeitet hatte, ohne auf die sofortigen Werthungen des Tages Anspruch zu erheben. In frühereu Zeiten waren sie ja im Judenthume nicht selten, die Männer der stillen Größe. Ohne ihre Arbeiten litterarisch zu veröffentlichen, haben sie ihr Leben lang gearbeitet. Ganz aufgegangen in ihrem Berufe als Verirrter ewiger Wahrheiten der jüdischen Weltanschauung. waren sie die Lehrer und Erzieher ihrer Gemeinden, und fanden ihr Genüge darin, die Früchte ihrer Forschungen einem Kreise lernbegieriger Jünglinge mitzutheilen. Sie selbst lernten dabei unaufhörlich, und das Lehren und Lernen floß in einander. Hatten ne einen schwierigen Punkt der reichen, heiligen Litteratur erhellt, einen „herben Rambam," oder einen stbwiengen M'herscha erklärt, dann theilten sie ihn Greu Schülern mit, und wenn einer der Jünglinge Empfänglichkeit zeigte für die Worte der Alten, dann galt dies dem Lehrer als Avprobation und er empfand das Wonnegefühl, das zünftige Litteraten nur dann haben, wenn irgend eine gelehrte Anstalt ihre Schrift subventionirt. — Im geistigen Leben eines Volkes gibt es, wie in der Natur, Kräfte, die weniger sichtbar, aber umso tiefer und nachhaltiger wirken. Die inneren Kräfte, für die unser Begriffsvermögen nur unzureichende Namen hat, tvirkeu unsichtbar in unserem individuellen und sozialen Leben mit. Vollends die geistigen und noch mehr die sittlichen Triebkräfte liegen so tief nach Innen gewandt, daß wir sie nur selten aufzeigen und darstellen können. Zu diesen gehört die Wirksamkeit jener stillen Großen unseres Volksthums, die örtlich beschränkt bleibt, aber in ihren Verhältnissen zu den ewigen Idealen des Judenthums oft viel inniger sind, als die sichtbaren und weitragenden. — Im Leben des Mannes, dem diese Zeilen zum 60. Jubeljahre seiner Amtsthätigkeit gewidmet seien, sind es vornehmlich diese Dimensionen, die mir sein Denken und Wirken innerhalb der Ideale des Judenthums so angenehn; und werthvoll dünken. Er war langjähriger Schüler S. R. Hirsch's s. A., als dieser in Nikolsburg als Landesrabbiner einen Kreis von Jüngern in die heiligen Studien einführte. Und sein lebenlang blieb er unter dem mannigfachen Wechsel der Zeiten und der Strömungen im ungarischen Judenthum ein treuer Schüler seines großen Meisters. Mit der großen Trias Hirsch, Hildesheimer und Lehmann s. A. hat er immer in innigem Verkehr gestanden. In den verschiedensten Phasen der Entwickelung der ungarischjüdischen Verhältnisse blieb er den Anschauungen dieser herrlichen Männer treu. Als Schüler Hirsch's mit diesem in jahrelangem Briefwechsel; mit Hildesheimer während besten Thätigkeit in Ungarn und mit Lehmann verband ihn die Innigkeit des Strebens nach Verherrlichung unserer Vergangenheit — für unsere Zukunft. Die stärkste Seite seines Denkens aber bleibt sein immenses talmudisches Wissen: davon haben nur einige Fachgenossen Kenntniß, die mit ihm im brieflichen Verkehr stehen. Neben seinen Talmudstudien — er lernt noch heute Nächte durch — bleibt seine Hauptbeschäftigung der Ausbau Hirsch'scher Gedanken und ihre Anwendung auf die Erklärung der heiligen Schrift. Ich glaube kaum, daß es seit diesen 60 Jahren, die er in seinem Geburtsorte als Rabbiner wirkt, auch nur einen Tag gab, an dem er nicht Hirsch erwähnt und seine Gedanken in irgend einer Richtung fortentwickelt hätte. So intensiv und fruchtbar seine Gedankenarbeit, ebenso bescheiden und einfach ist sein äußeres Leben. Er war nicht der Mann, der feiner Carriere zu Liebe auch nur ein Jota seiner lleberzeugungen aufgegeben hätte. Geboren in Schoßberg, in der Nähe von Preßburg, bezog er die Preßburger Hochschule, um nach einigen