Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1901-08-22 · Heft 66 (22.8.1901) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 66 (22.8.1901)
Date
1901-08-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449146-2449210--54057-2504663
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WW> «WWWMWWWMWWWWWMMWWWWWWWWW 1453 WNWWSWWWW — hier steht eine wehrlose Jungsrau, tödtet sie auch noch, damit Eure Waffenehre noch glänzender werde." Der Graf sah Plötzlich den am Boden liegenden Esra vor sich, — ein jähes Erschrecken — eine Veränderung ging plötzlich in seinen Zügen vor. Er wandte sein Pferd und sprengte davon. Bauern erzählten später, er sei wie wahnsinnig über Felder und Wiesen und dann in den Wald hineingesprengt. Auch als später die Gräfin selbst vorfuhr, um die Geschwister auf das Schloß zu holen, als sie denselben alle ihre Habe zur Verfügung stellte und die liebevollste Pflege für Esra versprach, fand sie die gleiche ablehnende, stolze Haltung bei Sara. „Vater und Mutter habt Ihr mir genommen; der Bruder aber gehört mir allein. Ich selbst weiß ihn zu pflegen." „Glückliches Völkchen das," sprach die Gräfin, als sie wegfuhr, „glücklicher im Unglück, als dieser Pöbel in Zeiten vermeinten Glückes, wo er seinen Leidenschaften freies Spiel lassen darf." Die Gemeinde hatte die Nacht auf dem Friedhofe verbracht, wohin sie die sterblichen Reste der beiden Märtnrer geholt hatten. Die Drohung des Grafen vom Abend vorher hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Sie blieben unbehelligt. Niemand schlief. Alle fasteten. So lange sie diesen beiden Entseelten nicht die letzte Ehre erwiesen, wollte Niemand an sich denken. Man wartete auf Esra.- Als auch auf dem Friedhofe die Kunde von dem neuen Ereignisse eingetroffen war, und die Nachricht von Esra's Erkrankung zu ihnen gelangte, verdoppelte sich das Wehklagen — das für die ganze Gemeinde so Freudige der Auffindung des Kindes kam ihnen nicht zum Bewußtsein. Und als Wagen voll Lebensmitteln durch Vermittelung der Gräfin angefahren wurden, war auch nicht Einer unter ihnen, der Gebrauch davon gemacht hätte. Vor Eintritt des Festes waren die beiden Märtyrer der Erde übergeben. Auch dieser Tag sollte nicht ohne ein schauervolles Ereigniß abschließen. Fast 24 Stunden nach den gestrigen Gräuelseenen stieg eine Helle Feuergarbe vom Schlosse himmelwärts. Der Graf selbst hatte im Wahnsinn den Brand entfacht und sich selbst in die Flammen gestürzt. Vorher hatte er seinen Sohn erschossen. — Die unglückliche Gräfin war arm, elend und hilflos. Sie war gebrochen, Gram, Reue und Schuldbewusstsein verzehrten sie, nach vierzehn Tagen gab sie ihren Geist auf in den Armen — Sara's. Die jüdische Gemeinde hatte sich der beklagenswerthen Gräfin angenommen, allen voran Sara, und ihr die beste Pflege angedeihen lassen. Es hatte nichts genützt. Auf dem Sterbebette hatte sie in Gegenwart des Pfarrers ihr Kind, die kleine Else, Sara in die Arme gedrückt und sie gebeten, Rache zu nehmen an der gräflichen Familie, indem sie Mutterstelle an Else vertrete. — Weinend versprach es Sara. „Doch nicht aus Rache, sondern aus Liebe zu dem Kinde und zu Euch, denn Ihr habt meinen Eltern in besseren Tagen auch viel Gutes gethan."- Die Stimmung gegen die Juden war auch bei dem Volke völlig umgeschlagen. Man wetteiferte, um ihnen behilflich zu sein, bis die Häuser wieder aufgebaut oder ausgebessert waren. Reb Jokef, der Rav, nahm sich liebevoll der beiden Geschwister an. Nach einer Woche trat die Krisis in Esra's Fieber ein, er überstand sie glücklich. Seine Jugendkraft trug den Sieg davon. Langsam erholte er sich, aber es dauerte doch noch einige Wochen, bis man es wagen konnte, unbeschadet seiner Gesundheit, ihm Aufklärung zu geben über das Vorgefallene. Er ertrug es standhafter, als man erwartete. Allmählich auch war die Erinnerung an die entsetzlichen Erlebnisse jenes verhängnißvollen Tages in ihm erwacht. ■— Nach zwei Monaten konnte er nach herzzerreißendem Abschiede von seiner Schwester wieder die Jeschiba besuchen. Auch Sara fand sich allmählich mit den neuen Verhältnissen ab, so schwer und so gut es ging. Hatte sie doch eine neue Lebensaufgabe erhalten, die Erziehung der Schloßelse. Mit peinlichster Gewissenhaftigkeit kam sie ihrer Verpflichtung nach. Else hing mit kindlicher Liebe an Sara; diese Liebe >vurde zur schwärmerischen Verehrung, als sie von ihren Mitschülerinnen und Spielgefährten allmählich Aufklärung erhielt über die schrecklichen Szenen, deren Mittelpunkt sie gewesen. Else kam nämlich durch Sara's Vermittelung bald in die Schule, wo sie insbesondere auch den Unterricht des Pfarrers genoß. In einer christlichen Familie war sie auf Sara's .Kosten in Pflege gekommen. Sara hatte nämlich aus ausstehenden Kapitalien des Vaters noch eine ansehnliche Summe zusammengebracht; für sich selbst bedurfte sie wenig. Reb Jokef bestritt Alles. Nach drei Jahren war Sara Reb Jokef's Schwiegertochter. Sie wurde Mutter eines Mädchens. Nichtsdestoweniger ließ sie es an nichts in der Fürsorge für Else fehlen. Else war nun zehn Jahre alt. Wenn sie keine Schule hatte, war sie bei Sara. Ihre geistigen Kräfte erwachten allmählich, und da vermochte sie fast gar nicht zu fassen, daß Sara, was sie bis jetzt in kindlicher Einfalt ohne Nachdenken hingenommen, ihr, der mittelbaren Anstifterin all' des über die Familie des R. Jsak gekommenen Unheils, so viel Gutes erwies. Daß man den Feinden Gutes erweisen soll, hatte sie wohl im Unterricht gelernt, hier aber war ein Fall, wo diese Lehre

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.