Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 65 (19.8.1901)
- Date
- 1901-08-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1440 Laach," die wirksam den sog. erwiesenen Thatsachen darwinistischer Forschungen gegenübertraten und mit wissenschaftlicher Schärfe das Hypothetische der eine zeitlang dominirenden destruktiven Ratur-„Wissenschaft" nachwiesen. Leider sind sich jüdische Kreise und speziell rabbinische, immer noch nicht der schweren Verantwortung bewußt, die das völlige Jgnoriren zeitgenössischer Wissenschaft nach sich zieht. Man wettert auf Kanzel und Lehrstuhl wohl gegen eine „Afterwissenschasl", aber meistens ohne eine Ahnung von dieser zu besitzen, lächelt über „Philosophistereien" und „Phan tastereien" ernster Gelehrten, ohne nur den Schatten einer Widerlegung zu bringen. Das ist nicht der rechte Weg. Soll es wirklich keine Kluft zwischen religiöser Gesinnung und Wissen geben, dann heißt es Wissenschaft treiben, lehren — ohne Rast. Haben wir mehr Wissen — dann wird man auch nicht zu klagen haben über Rückgang auf der ganzen Linie. Der Uebersetzer unseres Geschichtswerkes ist auch Theologe. So sehr wir ihn zu den eben erwähnten tüchtigen religionsgesinnten Gelehrten zählen können, so hat sein Beruf den Geistlichen in ihm, der befangen und voreingenommen gegen Andersgläubige urtheilt, doch nicht ganz verläugnen lassen. Wenn Kohout z. B. bei der Zerstörung Jerusalems den bis in den Tod sich wacker vertheidigenden Juden den Charakter des Patriotismus „als zu edel" abspricht und sie gar „blutrünstige Gestalten" nennt (P. VIII), wenn er Josephus geringschätzig beurtheilt, weil er in der damals entstehenden Tochterreligion nicht den messianischen Gedanken verwirklicht sieht und nicht in deren Lager übergegangen ist — so sind das Urtheile, für die wir gerade von einem Manne religiösen Empfindens mehr Respekt und Verständniß erwartet hätten, selbst auf die Gefahr hin, daß die persönliche Ansicht des katholischen Geistlichen aus leicht begreiflichen Gründen sich nicht mit der des Juden decken kann. Und nun noch eins! Pag. 637, Anmerkung 97 lesen wir: „An unserer Stelle haben wir das erste Beispiel, daß ein jüdischer Fürst seine Landsleute kreuzigen läßt. Wie bedeutungsvoll das Hineinragen des .Kreuzesschattens in Israels Geschichte beim Rahen der Zeitensülle sei, braucht keine besondere Erwähnung." Sollten wir in der That Kohout erst belehren müssen, daß die Kreuzigung durch Juden eine lügnerische Erfindung ist? Der dunkle Hinweis Kohout's auf die Kreuzigung des Stifters der christlichen Religion durch Juden ist eine frivole Verdächtigung. Hoffen wir, daß endlich damit aufgeräumt wird. Sollte Kohout jedoch aus Unwissenheit diese Worte niedergeschrieben haben, dann empfehlen wir ihm zur Lektüre die soeben in der zweiten Auflage erschienene Schrift Philipp sohn's: „Haben die Juden wirklich I. gekreuzigt?" - Sevfrus. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, im Aug. (Die I u den i n C h i n a.) In seinem Werke „Das Wesen des Antisemitismus" schreibt Dr. Heinrich Graf Co u den Hove: Ueber die Stellung der Juden in nicytmonothKsln scherc, also in den sogenannten heidnischen Ländern, haben wir nur spärliche Nachrichten. Es ist jedoch unzweifelhaft, daß sie nirgends weniger verfolgt worden find, als gerade in heidnischen Ländern. Der persische König Jesdegerd ili., der vom Jahre 44) 467 regierte, verfolgte in gleicher Weise die Manichäer, Christen und Juden; ebenso König Firuz, welcher die Hälfte der jüdischen Einwohner von Jspahan tövteu und die jüdischen Kinder im Tempel von Horvan gewaltsam für den Feuer-Kultus erziehen ließ. Da es den alten Persern Jahrhunderte hindurch niemals eingefallen war, anderen ihre metaphysischen Privatansichten aufzudisputiren, und sie den ersten Versuch in dieser 'Richtung erst dann unternahmen, nachdem sie mit den ztvei „monotheistischen" Religionen nähere Bekanntschaft geinacht hatten, so liegt der Gedanke ganz besonders nahe, daß die Zoroasterianer das religiöse Verfolgen zuerst den Christen und Juden abgeguat haben. In jene Zeit fällt wahrscheinlich die Auswanderung eines TheileS der babylonischen Judenschaft nach In dien, tvo es bis heute noch ztvei .Klassen von Juden gibt, die sich in Hautfarbe, Gesichtszügen und Sitten unter scheiden: die tveißen und die schtvarzen Juden. Nichts belltet darauf, daß dieselben jemals Verfolgungen aus gesetzt tvorden sind. Ebenso habe ich nirgends eine Notiz über Judenverfolgungen in China auffinden können. Auch in China existirt seit uralten Zeiten eine jüdische Gemeinde. Wann dieselbe dorthin eingewandert ist, läßt sich nicht bestimmen, ebensoivenig wie bei den Juden im Kaukasus, Buchara, Jemen und Indien. Es ist jedoch aus getviffen Anzeichen wahrscheinlich, daß be reits nach der Eroberung Samaria'S durch die Assyrier und Jerusalems dllrch die Babylonier Schaaren von Ili den in die genannten Gegenden verpflanzt worden sind. Die chinesischen Juden residiren in Kai-feng-fll und sind heute auf ein geringes Häuflein zusammenge schmolzen. Die erste Nachricht über diese Gemeinde stammt von Trigaltius, welcher 16)7 berichtet, daß ein Jude aus jener Stadt zu Pater Ricci nach Peking ge kommen ist, um, wie er vermuthete, die Bekanntschaft einer seiner Glaubensgenossen zu machen. Das interessante Gespräch dieses chinesischen Juden mit Pater- Ricci ist uns durch Trigaltius aufbewahrt. Auf die Frage: „Bist Du ein Jehudi?" antwortete er: „Ich bin ein Israeli." Er glaubte, daß die Nazarener das mosaische Gesetz beobachteten, und hatte von der Existenz eines neuen Testamentes nie etwas gehört.