Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 65 (19.8.1901)
- Date
- 1901-08-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449209--54027-2504632- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1432 jüdisch geschichtlichen Lebens beruht. Der Eine schreibt Geschichte, der Andere macht Geschichte. Rabbiner und Lehrer sollen jüd. Geschichte machen, nicht bloß schreiben! Alle noch so schöne Worte zum Ruhm der Vergangenheit, selbst wenn diese in ihrer Wahrheit aufgefaßt und ohne irrthümliche oder tendenziöse Entstellung bearbeitet wird, können das religiöse Leben, das Leben im Geiste und in den Formen dieser Vergangenheit nur unterstützen, aber nicht ersetzen. Es genügt nicht, von den reichen Schätzen in den Goldminen unserer Vergangenheit Kunde zu geben: das Gold muß gehoben, ausgeprägt und in's Leben eingeführt werden. Jenes ist die Aufgabe der Geschichtsschreiber, dieses Sache der Führer und Lehrer der Gegenwart. Wer aber diese Schätze nur als Schätze für die Vergangenheit betrachtet und ihren Werth für die Gegenwart und Zukunft verneint oder auch nur in Zweifel stellt: Der gehe in sein Kämmerlein, allenfalls an seinen Schreibtisch, aber stelle sich nie und nimmer auf eine Kanzel, noch weniger auf ein Katheder, und am allerwenigsten auf ein Katheder für Kanzel-Redner und Religions-Lehrer. Das jüdische Leben kann zur Roth die Geschichtsforschung in gewissem Sinne entbehren, wie die zahllosen Märtyrer des Judenthums, besonders die Frauen und Kinder, wohl wenig geschichtliche Gelehrsamkeit besaßen. Wenn die Vergangenheit die „Mutter" der Gegenwart und der Zukunft ist, so kann man in gewissem Sinne hier die Worte des Wochenabschnittes anwenden: rpn c':-n rx* cxn rx -ftvn rbv, „die Mutter kannst du wegschicken, aber die Kinder mußt du dir aneignen!" Die Vergangenheit muß in der Gegenwart wieder a u f l e b e n , sie darf nicht kalte historische Erkenntniß, sondern muß frisches, fruchtbares Leben, sie muß gleichsam wieder „Jugend" werden: prir ny N2v>2! Das Alte, Uralte, muß ewig frische Speise und Nahrung der Gegenwart sein: fw: crt^rx'! Mit dieser Einschränkung muß man den Werth der Geschichte für alle Gegenwart, also noch mehr für das religiöse Leben bemessen! Josephus war ein großer Geschichtsschreiber; aber er war von der Ueberlegenheit Rom's und von dem endlichen Siege der römischen Weltherrschaft über Israel durchdrungen. Trotzdem nahm er die Stelle als Heerführer im Kampfe gegen die Römer an: das war sein Verhängniß und das Verhängniß des damaligen jüdischen Staates. In der Gegenwart sollten sich die Josephusse sagen: x *vos c'tronrc rate '2 px „Eine Krone kann nicht zwei Königen dienen" und x *7x^0 px *vrvbw '2 ntny „Selbst ein Engel kann nicht zwei Sendungen erfüllen!" (Fortsetzung folgt.) Zetturrgsnachrrchten und Korrespondenzen. Deutschland. Main.;, 15. Aug. Die Statistik der Betheiligung der Juden am höheren Schulwesen in Preußen weist nach dem Kalender für das höhere Schulwesen Preußens von 1901 und nach dem Stande vom 1. November 1900 und des Ergänzungsheftes des Centralblattes für die gesammte Unterrichtsverwaltung Preußens 73 Oberlehrer jüdischer Konfession auf. Da die Gesammtzahl aller an den höheren Lehranstalten Preußens gezählten etatsmäßigen Oberlehrerstellen sich auf 6624 beläuft, von welcher 118 vakant waren, so entspricht die Zahl von 73 jüdischen Oberlehrern einem Prozentsatz von 1,102. Rechnet man die 18 Lehrpersonen ab, welche an den beiden jüdischen Realschulen zu Frankfurt a. Nt. thätig sind, so entspricht die dann verbleibende Zahl einem Prozentsatz von etwa 0,83. Unter den 2507 Oberlehrern der staatlichen und der vom Staate verwalteten Anstalten sind nur 8 Juden, das ist gleich 0,319 pCt. Die 73 Oberlehrerstellen vertheilen sich auf die einzelnen Provinzen wie folgt: Westpreußen 3, Posen 5, Schlesien 8, Brandenburg 1, Berlin 32, Sachsen 1 und Hessen-Nassau 23. S. Berlin, 15. Aug. Die antisemitische „Staatsbürgerzeitung" macht sich, wie wir bereits berichtet, seit einigen Wochen das Vergnügen, Urtheile von Personen, die in den weitesten Kreisen unbekannt sind, über „jüdischen Ritualmord" und die Mittel zu seiner Bekämpfung und dergl. zu veröffentlichen. Nunmehr ließ sich der antisemitische Reichstagsabgeordnete Kunstinaler Bindewald vernehmen. Die groteske Leistung dieses Volksvertreters verdient niedriger gehängt zu werden. Der Herr schreibt nämlich: „Um eine Ansicht kann es sich bei dieser Sache nur insofern handeln, als die Frage in Betracht kommt, wozu verwenden die Juden das abgezapfte Menschenblut? Diese Frage ist offen, lvenigstens nicht so geklärt, daß eine vollkommen ausreichende Antwort gegeben werden kann. Was den Blutmord (Ritualmord) anlangt, so ist derselbe in ca. 200 Fällen geschichtlich nachgewiesen und in der jüngsten Zeit erst wieder neu beglaubigt, 1) durch Geständnisse schuldiger Juden, 2) durch unanfechtbare Zeugenaussagen u. sonstige Beweise, 3) durch gerichtliche Erkenntnisse. Die erwiesenen Thatsachen berechtigen vollkommen, die Blutbeschuldigung gegen die Juden zu erheben. Unsere Kinder müssen vor diesen Mördern geschützt werden. ES geht nicht an, daß Juden Mordfreiheit genießen. Mörder müssen unschädlich gemacht werden. Da das geeignete Radikalmittel bei unserer heutigen Verziehung zur Menschlichkeit nicht gutgeheißen wiirde, so ist auf Grund der erwiesenen Verbrechen von Juden und ihrer überall bethätigten Solidarität nach dem Sprichwort „Mitgegangen, mitge-