Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 64 (14.8.1901)
- Date
- 1901-08-14
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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1429 Backsteingebäude ist bas religiöse Bad, und daneben das stattlichste Haus in ganz Moisesville: die Hauptschule der Kolonie, neben welcher noch zwei weitere Sektionsschulen bestehen. Auch die Hauptschule, in welcher bereits in drei Klaffen gleichzeitig unterrichtet wird, hat eine baldige Erweiterung nöthig, denn wie mir der erste Lehrer L e v y, ein junger Mann aus Konstantinopel und, gleich allen Lehrern der verschiedenen Kolonien, von der Alliance Jsraelite ausgebildet und herausgeschickt, erzählte, erreicht die schulpflichtige Jugend von Moisesville bereits etwa 200 Köpfe. Da die Kinder von den ersten Unterrichtsjahren an ein korrektes Spanisch zu lernen haben und zu Hause nur Jargon hören, so wurden die Lehrer aus den in der Türkei und Marokko ansässigen spanisch sprechenden Juden ausgewählt, unter welchen bei der dem Juden eigenthümlichen conservativen Pietät bis heute die Sprache des Landes sich erhalten hat, das ihre Vorfahren so schnöde vertrieben, soweit sie nicht den Greueln der Inquisition zum Opfer gefallen waren. Auf der Kolonie Mauricio werden wir später marokkanische Lehrer finden. Abgesehen von den eben erwähnten öffentlichen und Verwaltungsgebäuden, zu denen noch das Hans des Arztes, des Apothekers und ein großer Lagerschuppen aus Wellblech hinzuzurechnen ist, zählt das Heranwachsende Städtchen noch etwa ein Dutzend Fassadenhäuser; der Rest der centralen Ansiedlung besteht aus den je nach dem Familienzuwachs er- >veiterten, ursprünglich mit zwei Wohnräumen ausgestatteten, in gebrannten Ziegeln erstellten Kolonistenhäuschen, welche, gewöhnlich von der Straße durch einen Vorgarten getrennt, unter Bäumen halb versteckt rings herum verstreut sind. Noch einige weitere Sektionen der Kolonie sind nach diesem Dorfsystem angelegt; für die neuen Distrikte derselben ist aber dieses System aufgegeben worden, und es werden jetzt an dem .Kreuzweg zwischen je vier zusammenstoßenden Kolonisten-Loosen die Häuser für die betreffenden vier Familien angelegt, so daß jeder Bauer den Acker direkt an sein Gehöft anliegen hat, und keine Zeit verliert, um zum Arbeitsplätze zu gelangen. Wir kommen an einem alten Weizenfeld vorüber, welches soeben für die neue Aussaat wieder hergerichtet wird. Ein lOjähriger Knabe lenkt den Sitzpflug, denn schon von klein auf werden die Kinder zur Arbeit auf dem Acker angehalten. Der Kindersegen ist hier von einer großen wirthschaftlichen Bedeutung; denn das Fortkommen einer Familie richtet sich nach der Zahl der arbeitsfähigen Söhne und Schwiegersöhne, welche in der Eoncession des Vaters Mitarbeiten. Alleinstehende Männer oder kinderlose Ehepaare sind von so ausgedehntem Betriebe, wie ihn die hiesige Verhältnisse verlangen, ausgeschlossen, und können höchstens im Tagelohn arbeiten. Es werden denn auch sehr frühe und fast stets sehr fruchtbare Ehen geschlossen. Unser Fuhrmann Wölfle steuert auf zwei große Futterschober los, in deren Nähe eine Lokomobile qualmt und pustet. Sie treibt die Maschine zum Ballenpressen der trockenen Luzerne. Wir sehen eine Weile zu, wie die amerikanische Maschine, deren Motor, beiläufig bemerkt, mit dem Heu selber geheizt wird, das lose Futter wurstartig zu den kleinen, mit Draht zusammengeschnürten 60 Kilo schweren Ballen zusammenpackt, wie sie für den Export, besonders nach Brasilien und dem Capland verlangt werden. Das Trockenfutter von Moisesville ist auf dem hiesigen Platze bereits eine bevorzugte Marke geworden, und da die Luzerne- Felder, solveit sie nicht zur Viehtveide dienen, fünf bis sechs Mal im Jahre geschnitten werden können und unter Zufälligkeiten, wie Trockenheit, Heuschrecken rc. viel weniger als Getreide zu leiden haben, so ist die Luzernekultur in sietem Wachsthum begriffen und die Verwaltung hält darauf, daß die neuen Kolonien von Anfang an einen Theil des frisch bestellten Landes der Luzerne widmen. Im letzten Jahre betrug die Ausfuhr von trockener Luzerne aus Moisesville an 6000 Tonnen. Hand in Hand mit der Ausdehnung des Luzerneanbaues ist auch die Viehzucht eine Haupteinnahmequelle der Kolonie geworden, und nachdem es in den ersten Jahren der Verwaltung ziemlich schwer geworden war, um die Kolonisten von der Wichtigkeit einer Rassenverbesserung des gewöhnlichen Campviehes zu überzeugen, sind dieselben jetzt zum größeren Theile selber schon Eigenthümer von feiner Kreuzzucht zur Blutsverbesserung. Neben etwa 1600 Pferden und 1600 Arbeitsochsen besitzt die Kolonie bereits über 2600 Milchkühe, von denen etwa ein Fünftel Halbblut sind, zu deren weiterer Veredlung 118 Zuchtstiere und 76 Hengste, zum größeren Theile Privatbesitz der Kolonisten, gehalten werden. Die Mehrzahl der Aecker liegt bereits zur Aussaat fertig da, und endlos dehnt sich die schwarze, glatt geeggte Fläche. Nur vereinzelt ist noch ein Bauer, die alten gewöhnlich noch in den langen Kaftan, gekleidet, mit Ackern beschäftigt. Auf dem Drahtzaun, der fast alle Felder einfriedigt, sitzt da und dort ein bunt gefleckter Carancho, eine Geierart von Adlergröße, welche bei unserm Nahen mit schwerfälligem Fluge sich davonmachen. Sie werden, wie die weißen Möven, gern geduldet, da sie Ungeziefer des Bodens vertilgen, und man sieht sie in ganzen Schwärmen hinter dem Pfluge in die frischen Ackerfurchen sich stürzen. Die glatten, zugerichteten Aecker und die jetzt im Winter meist abgeweideten Luzernefelder lassen die ungeheure Ebene, wenn für dieselbe ein Comperativ noch zulässig sein sollte, wo möglich noch flacher als sonst erscheinen. An dem klaren, von einem wolkenlosen Himmel überspannten Horizont, der nur ganz im Osten, in der Richtung nach dem dort verlaufenden Thale des Paranaslusses an einem Dunstfireifen ein von der