Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 63 (12.8.1901)
- Date
- 1901-08-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1369 unter den Juristen einem antisemitischen Agitator, Rechtsanwalt Müller in Bremen; unter den Medizinern einem antisemitischen Schrifsteller Dr. Stille; als Philologe sigurirt ein Anonymus, wie überhaupt eine Reihe von Anonymen in dem Verzeichniß sich finten; eine Thatsache, die allein schon ausreicht, um dem Unternehmen den Stempel unfreiwilliger Komik und antisemitischer Un—genirtheit aufzudrücken. Es kam darauf an, möglichst viele Stände und Berufe an der Diskussion über das Ritualmordproblem theilnehmen Zu lassen. So konstruirte man sich die Rubrik „Techniker." Und wen finden wir da? Die beiden antisemitischen Agitatoren Memminger und Theodor Fritsch, die ja früher einmal Techniker gewesen sind!! Als Schriftsteller sind u. a. aufgeführt: die Herren Baaskel von der „Staatsbürgerzeitung," Abg. Böckel und der Herausgeber der antisemitischen Jahrbücher, Giese! Das Künstlerthum vertritt der Maler Abg. Bindewald! Auch zwei Gutsbesitzer marschiren auf: neben einem Anonymus der antisemitische Agitator Dr. Hentschel zu Mittel-Seyffersdorf.... Kein poffitives, sicheres, öffentliches Urtheil abgeben zu können, glaubten u. a. Stöcker und der antisemitische Agitator Dr. Lindström- Hannover. Die Betheiligung an der Sache abgelehnt haben Prof Schumacher zu Stettin und Prof. Paul Förster, also einer der Führer des „Germanischen Volksbundes"!. Bei aller Prahlerei kommt aber doch der Aerger zum Vorschein, daß man sich manchen Korb geholt hat. So schreibt die „Staatsbüger-Zeitnng": „Es soll aber auch nicht verschwiegen werden, daß es heute noch „Gelehrte" gibt, und sie gehören überraschender Weise fast ausschließlich der Philologenwelt an, die zu einer Frage sich nicht äußern können, zu der, wie Dr. Hentschel sich sarkastisch ausdrückt, nachgerade die Fleischergesellen schon Stellung nehmen." Dann halten wir es für recht undankbar, daß man nicht auch einige Fleischergesellen unter die „hervorragenden" Männer eingereiht hat. Dürftiger konnte die von dem „Germanischen Bolksbund" veranstaltete Umfrage nicht ausfallen. Wenn die Herren trotzdem kein Bedenken tragen, das Resultat derselben zu veröffentlichen, so zeugt das von der Genügsamkeit des Publikums, welchem man eine derartige Speise vorzusetzen wagen darf." Berlin, 8. Aug. Am Dienstag, 23. Juli, beging der „Verein Jüdischer Studenten" (im V. I. C.) an der Universität Berlin die Schlußkneipe seines 13. Semesters, in welchem er eine reiche Thätigkeit entfaltet hat. Rach den erfolgreich überstandenen Kämpfen bei der Lesehallenwahl, an der sich der Verein im vergangenen Winter zum ersten Male betheiligte, äußerte sich das Leben innerhalb des Vereins um so frischer und mannigfaltiger: Jede Woche wurde ein größerer Vortrag gehalten, und zw. hatten außer Bundesbrütern oder Alten Herren des „V. I. St." mehrere in der jüdischen Welt wohlbekannte Männer in temkenswerther Weise ihre Kraft in den Dienst der Sache gestellt. Es sprachen: Prof. M. P. Philippson über den „Judentag," Dr. S. Bernfeld „Die hebr. Sprache in der Diaspora," Redakteur M. A. Klausner „Die Aufgaben der Jüdischen Gemeinden," Dr. Michael Cohn „Die jüdische Bevölkerung Preußens," Dr. R. L o e w e (A. H. d. V. I. St.) „Byrons hebr. Melodiien," Dr. Theodor Z l o c i st i (A. H. d. V. I. St.) „Jüdische deutsche Volkslieder," stud. Grünberg (V. I. St.) „Die Grausamkeiten der Kosaken unter Chmilnicki," stud. Blau (V. I. St.) „Die wirthschaftlichen und politischen Ursachen des Antisemitismus." Den Vorträgen, welche reiche Anregung boten und dem Prinzipe des „Vereins jüdischer Studenten" gemäß den verschiedensten Richtungen innerhalb des Judenthums gerecht wurden, folgten eifrige Diskuffionen. Außerdem hielten Bundesbrüder und Alte Herren kurze, mit Variationen verbundene Referate aus dem Gebiete der jüdischen Litteratur, so Dr. Z l o c i st i „Ueber moderne jüdische Romane," Dr. B i r a m „Amos und Hosea," stud. Emil Cohn „Jesaja," stud. Z l o c i st i „Spruchweisheit," stud. Weil „Ethische Hagadah." Es fand ferner zum erstenmale ein Geschichtskurs statt, der zur systematischen Durchbildung der Mitglieder in der jüdischen Geschichte eingeführt wurde. Herr Dr. M. Joseph hatte in liebenswürdigster Weise die Leitung übernommen; er las wöchentlich eine Stunde über die Geschichte der Judenemancipation. Zum Zwecke der körperlichen Ausbildung der Mitglieder wurde fleißig geturnt und zwar in der dem Verein bereitwilligst zur Verfügung gestellten Turnhalle des Reichenheim'schen Waisenhauses; außerdem wurde eifrig gefochten. Zur Pflege der Geselligkeit fanden außer der wöchentlichen feuchtfröhlichen Kneipe regelmäßige Ausflüge und Familienabende außerhalb Berlins statt, welche viel Anklang fanden trotz Sommer u. Hitze. Auch sonst war der Verkehr zwischen den Bundesbrüdern ein reger und intimer. Im Wintersemester wird sich an der technischen Hochschule zu Charlottenburg nach längerer Vorbereitung ebenfalls ein „Verein Jüdischer Studenten" aufthun, der fünfte im „Bunde Jüdischer Korporationen." dem außer dem Berliner die „V. I. St." zu Leipzig, Breslau und München angehören, — ein neues Bollwerk der jüdischen Sache an den deutschen Hochschulen! Frankfurt a. O. Einen Einbruch in die Leichenhalle des jüdischen Friedhofes haben zwei Spitzbuben in der Nacht vom Freitag zum Sabbat (26—27. Juli) verübt, die jedenfalls große Schätze in der Halle vermutheten. Die Einbrecher sind nach den aufgefundenen Fußspuren von der Chaussee über die Friedhofmauer