Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 62 (8.8.1901)
- Date
- 1901-08-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1368 genden der Verblichenen in ergreifender Weise schilderten. Möge der Allmächtige dem trauernden Gatten lindernden Trost spenden und ihm die Kraft verleihen, die schwere Prüfung zu überstehen. -i- Feuilleton. a s M m u l e t. Von Babette Fried. 21 Der sprachgewandte Professor, der vielbewunderte Redner, der seine Zuhörer im Hörsaale zu staunender Bewunderung hinzureißen gewohnt war, er fand keine Worte der Erwiederung auf die Anklage des zürnenden Vaters. Nervös spielten seine zitternden Hände mit der goldenen Uhrkettc. „Was hast Du da?" frug der Greis und tastete nach einem an der Kette befestigten Anhängsel. „Ei," sagte Rafael, sich fassend, „das ist noch ein Ueberbleibsel alten Aberglaubens. Es ist dies die kleine Mesuse, die Du mir beim Abschiede mitgegeben. Ich habe jedes Vorurtheil abgelegt, welches mich von früher her umfangen hielt, doch von dem Ding da konnte ich mich nicht trennen; es scheint mir so, daß ein Stück meiner selbst mir damit gleichzeitig abhanden käme. Ich trage es als Amulet, ein Mittel gegen aller Art von Unglücksfällen." „Aberglauben nennst Du es, Vorurtheil, das Blatt, worauf unser Glaubensbekenntnitz, das „Höre Israel, der Ewige unser Gott, ist ein einzig ewiges Wesen," niedergeschrieben ist? Als Amulet also dienen Dir diese Worte, gleich einer Zauberformel, wie sie götzendienerische Menschen an ihrem Körper tragen?" Wehmüthig schüttelte der Greis das edle, von weißen Locken umrahmte Haupt. „Ein solcher Mißbrauch lag damals nicht in meiner Absicht, als ich Dir diese Mesusa gegeben, nicht als ein abergläubischen Zwecken dienendes „Amulet", wie Du Gottloser es nennst, sondern als Symbol der reinen, echt jüdischen Gottesidee. — Ich bin heute ge kommen, Dich zu segnen, Dir zu vergeben. Deine jetzt gesprochenen Worte aber haben mir bewiesen, daß Du meiner Verzeihung und meines väterlichen Segens unwürdig geworden bist. Unwürdig ebenso, wie Du Dich erwiesen hast, der Träger dieser Gottesidee und ihres Symbols zu werden." Bei diesen Worten langte die schmale dürre Hand des Vaters nach dem Anhängsel. Mit einem raschen Ruck war es abgerissen und in der zur Faust geballten Hand verschwunden.-Verschwunden war auch die Gestalt des alten Bernstein. Rafael wußte nicht recht, wie ihm geschehen. Schwindelnd griff er nach seinem Kopfe — der stand noch fest auf seinem Platze, zagend wollte er das Amulet fassen, das aber war nicht mehr an seinem vorigen Platze; es war mit der Erscheinung des Vaters verschwunden. Voller Entsetzen rief der Unglückliche: „Vater, Vater, vergib mir! Ich will ein Anderer, Besserer werden." Und wieder tauchte der ehrwürdige Kopf des Vaters aus dem gespenstigen Zwielichte aus, welches das noch immer lodernde Gestrüppe des Berges in die eingetretene Dunkelheit warf, und Rafael hörte ihn die Worte sprechen: „Dir zu vergeben, steht nicht mehr in meiner Macht. Doch wenn Du noch vor Thorschluß die Mauern Prags erreichst, und noch heute von Deinem schnöde verlassenen Lehrer, dem großen Schlomeh Hakohen Rappoport wieder unter seine Schüler aufge nommen wirst, dann wird auch Dir, ein so großer Sünder Du auch bist, der Weg zur Buße und Gnade angebahnt werden." Rafael war, nachdem die Erscheinung des Vaters — und diesesmal für immer — verschwunden war, nur des einen Gedankens mächtig, daß er zurück müsse nach Prag, um sich zu Füßen des großen Rabbi nieder zuwerfen und um Aufnahme zu bitten. Dem Skeptiker, dessen alles zerfetzenden: Hohne nichts heilig gewesen lvar, fiel es keinen Moment ein, daß die Erscheinung des Vater und seine strafenden Worte ein Gebilde seiner erregten Fantasie sein tonnte, welches er durch seine vor dem Entschlummern gepsloge neu Erinnerungen an seine Heimath und Jugendzeit wachgerufen habe. ES kam ihm auch nicht für einen A.ugenblick der Gedanke, daß es ein ganz vulgärer Blitz strahl gewesen sein tonnte, welcher die Bäume des in seiner Fantasie dein Horeb gleichenden Berges in Flammen setzte, und daß er endlich sein Amulet ganz einfach verloren haben könne, nachdem er in seiner Verlegenheit unablässig daran gezerrt hatte. Rein, nichts von alledem! Durchdrungen von der Wahrhaftigkeit des soeben Gesehenen, Gehörten und Erlebten führte er sich das Verdammenswerthe seines Abfalles vom Glauben seiner Väter vor Augen und seine zagende Seele ward von dem einen heißen, inten siven Gefühle erfüllt, Verzeihung siir sein begangenes Verbrechen zu erlangen, Alles von sich zu werfen, was er noch jüngst so heiß erstrebt hatte, Namen und Ruhm, Existenz und Zukunft. Der Bann, welcher soeben noch den jungen Mann an dieser Stelle gefesselt hatte, löste sich, und im Sturmesschritte, trotz des strömenden Regens, der dem mit elementarer Gewalt ausgebrochenen Gewitter gefolgt war, eilte der junge Mann den Thoren der Hauptstadt zu. Wohl ging der Weg an einzelnen Häusern und Gehöften vorüber, welche dem durchnäßten Wanderer