Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 62 (8.8.1901)
- Date
- 1901-08-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1369 Schutz gegen die Gewalt des Unwetters geboten hätten; doch achtlos eilte dieser an allen diesen Gebäuden vorüber und zügelte nicht eher seine Eile, als bis er durch die Thore der Festungswerke hindurch war. Hier trieb es ibu mit unwiderstehlicher Macht in die alte Judenstadt,;u dem ihm wohlbekannten Hause, in welchem er so oft bis tief in die Nacht hinein mit seinem hochverehrten Lehrer inmitten der anderen Auserwählten dem Talmudstudium obgelegen. Viele Jahre waren seitdem vergangen, und dennoch mar dem Professor noch Alles so bekannt, daß es ihm schien, als habe er erst gestern das gastliche Haus verlassen, und alles, was inzwischen vorgefallen, wäre ein böser Traum gewesen, aus dem er nun zur Wirklichkeit erwacht sei. Von den widersprechendsten Gedanken und Ge fühlen beseelt, hatte der junge Mann das Haus erreicht, in welchem er den berühmten Gelehrten beim eifrigen Studium, weil Festabend, allein anzutreffen hoffte. Trotz der späten Abendstunde wollte er um eine Unterredung bitten lassen, und sein Anliegen vortragen. Umso überraschter war er, als er in ein festlich beleucht tetes Gemach gelviesen wurde, wo der große Mann den Ehrensitz an einer langen Tafel einnahm, an deren Längsseiten die Vorsteher und Aeltesten der Gemeinde Platz genommen hatten. Der durch jahrelange Nichtbeachtung der jüdischen Gebräuche entfremdete Professor hatte Mühe, sich auf die Ursache der zu dieser späten Abendstunde stattfindeuden Versammlung zu besinnen. Doch endlich fiel sie ihm ein. Alljährlich verbrachte der Rabbi die heilige Nacht, welche den Tag der Gesetzgebung einleitete, inmitten der Schaar seiner Getreuen, seiner Schüler und der Würdigsten der Gemeinde, um sich durch Lernen und Beten auf diesen gesegneten Tag vorzubereiten. Der Rabbi, wie getvöhnlich in einen langen, falti aen Talar gehüllt, ein schwarzes Sammtkäppchen auf dem grauen Haupte, stand auf, um den Neuangekom menen, in dem er einen durch das Unwetter verspäteten «'-last vermutbete. zu begrüßen. Durchnäßt. wie er war, und die Spuren der eben erlebten Erschütterung im Gesichte, ermattet von dem fast im Laufschritte zurückgelegteu lveiteu Wege, loilrdc Rafael nicht sofort erkannt. Wer beschreibt das Erstaunen des Rabbi, als er in dem späten Besuche seinen ihm verlorenen ehemaligen Liebling erkannte. Die Veit und die Umstände ver gessend, welche zwischen damals und heute lagen, rief der Rabbi verwundert aus: ..In Ivelchem Zustande kömmst Du, mein Sohn?" Doch schnell sich fassend, verbesserte er sich: „Entschuldigen Sie, Herr Professor! Ich lvar über Ihr unerwartetes Erscheinen ganz verblüfft." „D bitte, ziehen Sie diese vertrauliche Benennung nicht zurück, ehrwürdiger Herr! Ich bin durch Sturm und Wetter hierhergeeilt, um Ihre Vergebung zu erbitten, um wieder in die Schaar Ihrer Schüler ausgenommen zu werden." „Was denken Sie, Herr Professor, wie wäre dies mit Ihrem Range und Ihrer Stellung vereinbar?" siel der ehrwürdige Greis dem Sprecher in's Wort. „Gerne lverfe ich all' dies von mir, wenn ich mir dadurch die Gnade erwerben kann, wieder meine alte Stelle in Ihrem Lehrsaale, in Ihrem Herzen einzunehmen." Der Rabbi schüttelte das Haupt. „Was würde die Alma mater zum Verluste ihrer größten Zierde sagen? Junger Mann, fuhr der edle Greis in mildem Tone fort, „Sie bedürfen jetzt vor Allem der Ruhe, der körperlichen sowohl, als der geistigen. Begeben Sie sich in mein Studienzimmer nebenan, und wenn Sie sich etwas erholt haben, komme ich hinein zu Ihnen, meine Freunde hier werden mich auf so lange entschuldigen, und Sie werden mir dann kälteren Blutes den Beweg grund Ihres seltsamen Begehrens mittheilen." „Dessen bedarf es nicht. Hier auf der Stelle, in Gegenwart dieser würdigen Männer, will ich mein Bekenntniß ablegen lind durch ein aufrichtiges Geständniß mein schweres Herz erleichtern." Nach diesen Worten stürzte Rafael zu den Füßen des Rabbi nieder, umklammerte dessen Knie mit beiden Händen u. rief mit bebender, von häufigem Schluchzen unterdrückter Stimme: „Ich habe gefrevelt vor dem dreimal Heiligen Gott der Heerschaaren, dem Gotte Abraham's, Jsaak's und Jakob's, ich habe gesündigt gegen seine heilige Thora durch Gedanken, Wort und Schrift und That. Und mehr als das! Ich bin nicht nur selber ein Abtrünniger geworden, sondern habe durch meine Irrlehren und mein böses Beispiel viele, viele andere, gleich dem gottlosen Könige Jerabeam zum Abfalle verleitet. D, ehrwürdiger Herr! Legen Sie mir die schwerste, hör teste Buße auf. ich Null sie freudig auf mich nehmen, nur befreien Sie mich von meiner Seelenpein, welche mirf! hier und dort verderben würde!" „Wieso kam Ihnen gerade heute diese Erkenntniß, Herr Professor?" fragte noch immer milde der Rabbi. „D. auf eine wunderbare Art geschah dies!" Und Rafael fing zu erzählen an. Er verschwieg nichts, keinen seiner geheimsten Gedanken, auch nicht die höhnischen, frevelhaften Worte, mit welchen er die ver meintliche Mosesgestalt begrüßte. Alles erzählte er haarklein. Er schloß seine schauerliche Erzählung mit der Bedingung, welche ihm die scheidende Erscheinung seines Vaters gemacht hatte. Dann übergab er dem während des Anhörens seiner Erzählung immer ernster gewordenen Rabbi die Kette, von der das Amulet abgerissen war. Roch immer schwieg der Rabbi, mit seinen Gedanken kämpfend. Die übrigen Zuhörer saßen alle ganz starr vov