Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 62 (8.8.1901)
- Date
- 1901-08-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1365 zur Befriedigung der religiösen Bedürfnisse des Einzelnen wie der ganzen Gemeinde nöthig sind. Wir zählen hierzu die Anstalten der Gemeinde zur Verbreitung der Thorakenntniß und zur Ausübung der Abodah, des Gottesdienstes im weitesten Sinne. Für Thora sorgt die Gemeinde durch Anstellung eines gesetzeskundigen und gesetzestreuen Gelehrten oder Rabbiners und durch Aufrechterhaltung einer Religionsschule (Talmud Thora) mit der ausgesprochenen Bestimmung, daß Niemand in der Gemeinde als Ignorant, als Amhaarez, ohne die für das gewöhnliche Leben allernöthigsten Kenntnisse der Religions- Vorschriften aufwachsen dürfe. Wir wissen wohl, daß diese Forderung im ersten Moment ein schwer, fast unmöglich zu erreichendes Ideal zu sein scheint, wir können aber aus voller Ueberzeugung und mit völliger Gelvißheit behaupten, daß wenn alle berufenen Faktoren innerhalb der jüdischen Gemeinde von den reinsten Motiven geleitet, ihre Kraft in edlem Wetteifer d i e - s e m Ziele zuwenden und ihre Pflicht erfüllen, vereinzelte Ausnahmen abgerechnet: 211 "i '-iwb -pn ""pi alle Söhne Israels Gottes Lehrlinge sein werden und groß wird dann der F r i e d e in seiner Mitte sein. (Jes. 54, 13.) Als ob der Prophet aus den traurigen Zuständen unserer Zeit heraus gesprochen hätte! Unwissenheit ist und war von jeher der größte Feind des Glaubens. Mit tiefster Wehmuth müssen wir es sagen: Der Glaubensstreit in Israel, den die unmotivirte Reformsucht mit Gewalt herbeigezerrt, hätte niminer solche Dimensionen annehmen und solche große Verheerungen anrichten können, wenn nicht die krasseste Unwissenheit zu ihrem Gevatter gestanden, wenn zu der Gewissenlosigkeit der Führer sich nicht auch die große Ignoranz der Geführten und Verführten gepaart hätte. Sagen >vir es nur offen: Die vielen Streitigkeiten innerhalb der jüdischen Gemeinden, die nur die Schadenfreude unserer Feinde erwecken und nach innen und außen die jiidische Religion herabwürdigen, hätten nie und nimmer solche Ausdehnung gewonnen und den Frieden in der Gemeinde untergraben, lvenn nicht Männer an ihrer Spitze stünden, deren Unwissenheit in Punkto jüdischer Religion nur noch von ihrer Unbescheidenheit und Herrschsucht und ihrem Hochmuthe übertroffen wird. Während es keinem Juristen in den Sinn kommt, in einer medizinischen Frage, keinem Mediziner in den Sinn kommt, in einer juridischen Frage, ein fachmännisches Gutachten abzugeben, ohne Gefahr zu lausen, sich recht gründlich zu blamiren und recht tüchtig ausgelacht zu werden, maßen sich diese Herren und andere Amhaarez an, ohne jede Gewissensscrupel bei den vitalsten Interessen des Judenthums ein entscheidendes Wort zu sprechen. Und da ist es wieder die große Unwissenheit, wir könnten auch sagen die Leichtgläubigkeit und mitunter die Dummheit des „großen Publikums," aus die gerechnet wird, das einem gefügigen, zarten Lämmchen gleich dies alles ohne Widerspruch, ohne sich gegen eine solche unqualifizirbare Anmaßung aufzulehnen, geduldig über sich ergehen läßt. Doch aus dem Prophetenwort bricht auch für uns ein Strahl der Hoffnung und des Trostes hervor, npyo 'iH x’ncp bnz -nn^n, „groß und wichtig ist das Lernen, denn es führt zur That," und eben deßhalb: wenn die Söhne Israels Lehrlinge Gottes sein werden, wird schon der Friede in seiner Mitte hergestellt und dauernd sein. So erklärt auch der Talmud (Tr. Sanhedrin 99 a) die freudige Erscheinung der allgemeinen Rückkehr zur Religion in den Zeiten des Königs Chiskijahu, deren Blüthe der Sieg über Sancherib war, mit dem Umstande, daß unter seiner Regierung kein Amhaarez war. — Für Ab 0 dah sorgt die Gemeinde durch Gründung und Erhaltung aller Anstalten, die zur religiösen That, zur Uebung und Erfüllung der Thorapflichten erforderlich sind. Zu diesen gehören: Mikwah (rituelles Bad), Schechita, Fleischbänke unter genügender Aufsicht und Controle, Synagoge etc. Diesbezüglich muß der Grundsatz vorherrschend sein: Eine jüdische Gemeinde hat dafür Sorge zu tragen, daß jedem einzelnen ihrer Mitglieder die Gelegenheit geboten werde, die Gemeindeinstitutionen in einer Weise benutzen zu können, daß hierdurch sein religiöses Gewissen und Gefühl nicht beschwert und verletzt werde. Wenn die jüdische Gemeinde allen diesen Anforderungen mit peinlichster Gewissenhaftigkeit nachkommt, nicht alles beim „guten Willen" bewenden läßt und sich nicht mit der fortwährenden Klage beruhigt: die Gemeinde sei arm o;y im px, lautet der Erfahrungssatz unserer Weisen: eine Gemeinde ist nicht arm!), während ihre Mitglieder in Ueppigkeit schwelgen: dann, aber nur dann steht sie auf der Höhe ihrer Aufgabe, dann ist sie eine „Heilige Gemeinde" npnp nSvip und verdient auch diesen Ehrennamen. Doch muß noch ein Moment hinzukoinmen, auf daß sie eine pp' ms, eine Gemeinde Jeschuruns sei und einen Ehrenplatz in Israel behaupte. Außer den erwähnten zwei Säulen, der Thora und Abodah nämlich, muß das jüdische Gemeindeleben noch auf einer dritten Säule ruhen, und diese heißt in unserer heiligen Sprache: n’-Dn dP-oj. Dieses jüdische rr: ist bei weitem nicht das, was wir in der deutschen Sprache unter Wohlthätigkeit" zu verstehen gewohnt sind. Dieses m ist: werkthätige Menschenliebe, und erstreckt sich nicht bloß auf den Armen, beschränkt sich nicht blos auf den Lebenden und wird nickst nur mit dem Gelde allein geübt. Sie wird mit dem Reichen, wie mit dem Armen, mit dem Todten, wie mit dem Lebenden, mit dem Vermögen, wie mit der eigenen Persönlichkeit bethätigt. Wiewohl innerhalb der jüdischen Gemeinden Vereine bestehen, welche dieses m in wahrhaft erhebender und jüdischer Weise pflegen; wiewohl in jeder „Heiligen Gemeinde" eine „Heilige Genossenschaft" (Chewra Kadischa) be-