Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 62 (8.8.1901)
- Date
- 1901-08-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1364 Leitender Artikel. Das orthodoxe Äudenihum. Von Wilh. Löwy in Sarbogard, Ungarn?) VI. Die jüdische Gemeinde. Von dem einzelnen Juden schreiten wir zur jüdischen Gemeinschaft, und was wir vom Individuum sagten, können wir im Wesen von der Gemeinde wiederholen. Wie das Individuum zunächst nicht durch seine Abstammung und Nationalität zum echten Juden gestempelt wird, sondern durch die gewissenhafte Lösung und Erfüllung seiner seit Jahrtausenden von Gott, vom Vater der Menschheit gezeichneten Aufgaben und Pflichten, so kann und ist auch das eigentliche Merkmal einer jüdischen Gemeinde nicht die gemeinsame Abstammung, sondern das einheitliche stete Zusammenwirken ihrer Glieder zur Erhaltung und Hebung der jüdischen Religion, zur Förderung jüdisch-religiöser Zwecke. — Hiermit ist aber schon gesagt, daß die Einzelnen nicht deßhalb zu einer jüdischen Gemeinschaft zusammentreten, um große und kleinere Aemter und Aemtchen zu vertheilen, um dem Ehrgeize und der Eitelkeit Vorschub zu leisten, um ehr- und herrschsüchtigen Parnaffim oder Vorständen Gelegenheit zu bieten, ihrer Ehr- und Herrschsucht Befriedigung zu gewähren, sondern umgekehrt, die Herren Kultusvorstände sind dafür da und werden dazu gewählt, daß sie ihre etwaigen Fähigkeiten in den Dienst der jüdischen Gemeinde stellen und ihr Ehrenamt ausschließlich dazu benutzen, daß sie im Aufträge der ganzen Gemeinde, aber immer nach Anweisung des Gesetzeskundigen, oder des Rabbiners, ihres Lehrers, über desien Thätigkeit und Wirkungskreis wir noch ausführlich zu sprechen haben werden, die jüdisch-religiösen Zwecke mit aller Kraft und Energie fördern: und dies auch nicht deßhalb, um bei jeder vasienden und unpasienden Gelegenheit sich Weihrauch streuen zu lasten und an seinem Dufte sich gemüthlich zu weiden, sondern rein v'-vv» üth in der lautersten Absicht, um auch hierdurch Gott zu dienen. Indem wir uns nun über den Zweck und die Aufgabe einer jüdischen Gemeinde des Näheren verständigen wollen, glauben wir dies am besten thun zu können, wenn wir die überlieferten Namen einer jüdischen Gemeinde in's Auge fasten und an dieselben unsere Erörterungen anknüpfen. ..Nninen est nnu-w“. sagt der Lateiner, und in der That ist die altjüdische Bezeichnung triir, hip (S. Bera 27 a) „Heilige Versammlung," oder pvv" JW „Gemeinde Jeschuruns" ein ganz ausgiebiges, erschöpfendes Programm für die Ge sammtthätigkeit einer jüdischen Gemeinde. Fortsetzung aus Nummer 55. An derSpitze dieses Programmes steht zunächst nichts von einer kulturellen Aufgabe einer Kultusgemeinde: ist es doch — nebenbei bemerkt — höchst sonderbar, an die Konfession als solche jene Anforderungen zu stellen, die zugestandenermaßen der Staat zu erfüllen hätte, umso sonderbarer ist dies, wenn man für die freie Kirche im freien Staate eintritt. — Dieses altjüdische Programm weiß also in allererster Reihe nichts von kulturellen Aufgaben einer jüdischen Gemeinde, von denen in gewisten Kreisen seit neuester Zeit so viel gefaselt wird und sic ganz in den Vordergrund schiebt; es stellt aber eine umso höhere und strengere Anforderung an die jüdische Gemeinschaft, nämlich, daß sie eine heilige sei! Daß man heilig sei, scheint eine über- und unnatürliche, und darum eine unmöglich zu lösende Aufgabe zu sein. Ist doch die Heiligkeit ein ausschließliches Attribut Gottes, wie vermag nun der Mensch oder die Gemeinde heilig zu sein? Bevor wir auf diese Frage antworten, wüsten wir erst den transcendentalen Begriff „Heiligkeit" näher sixiren. Da es für uns ausgemacht und selbstverständlich ist, daß nur Gott allein heilig sein kann und ist, und wir unter „Heiliger" schlechthin nur Gott uns denken, so verbinden wir sofort damit den Inbegriff aller Vollkommenheit, was allerdings nur auf Gott allein anwendbar ist. Heiligkeit und Vollkommenheit auf Gott angewendet, sind demnach zwei unzertrennbare Begriffe, die sich vollständig miteinander decken. Wenn wir jedoch dies wissen und dennoch, und zwar mit gutem Rechte, bei und trotz aller Hinfälligkeit von einer menschlichen Vollkommenheit reden, so können wir uns auch eine „menschliche Heilig feit", d. h. eine Heiligkeit gleich der Vollkommenheit, die im Bereiche des menschlich Möglichen liegt, ganz gut denken. — llnd wie die menschliche Vollkommenheit, io ist auch diese menschliche Heiligkeit ein unaufhaltsames, ununterbrochenes, bis zum letzten Pulsschlag dauerndes, pflichtbewußtes und ununterbrochenes, bis .-zum letzten Pulsschlag dauerndes, pflichtbewußtes und pflichtseifriges Streben nach der göttlichen nur! Man kann nun sagen, die Heiliakeit des Individuums siebt fasi in demselben Verhältnisse zu der Heiligkeit der Gemeinde, wie deren Heiliakeit zu der Heiliakeit Gottes. Das Ziel imb die Aufaabe einer „Heiliaen Gemeinde" wird also sein: Den Glaubens ernst ihrer Mitglieder zu wecken und zu fördern, zu dessen Erhaltung und Belebung das Ihrige voll und ganz beizutragen, die Bethätiqung und Verwirklichung des Glaubensernstes und des Glaubenseifers nach Möglichkeit zu erleichtern und die Mittel hierzu von der Gesammtheit zu beschaffen. Wobl der Gemeinde, die außerdem noch selbst heilige That üben kann. Zu sammeln -sammelnd hat sie aber überall die Kräfte, wo die Kraft und Fähigkeit der Einzelnen zur n-itps ntpyen nicht vollständig hinreichend und genügend ist, und hat alle jene Institutionen in's Leben zu rufen, die