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Der Israelit · 1901-07-25 · Heft 58 (25.7.1901) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 58 (25.7.1901)
Date
1901-07-25
Page
– (sequence 24)
Language
German
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1294 t t S L! \ t l I: „Gott sei Dank! Das ist glücklich wieder bei seinen Eltern. Aber unser — —" die Stimme versagt Marianne. — schluchzend hält sie die Hände vor's Antlitz. In der Erinnerung weint sie saffungslos. Hildebrandt stürzt aus sie zu. „Unser —- unser Greichen — was ist damit? — Spanne mich nicht auf die Folter. Frau — sage mir alles." — — Er eilt an ihr vorbei in die Schlafstube, ehe sie es hindern kann. Leise kommt sie nun hinter ihm her. „A. sieh nur unser armes, bedauernswerthes Kind," flüstert sie in stillem Leid. „Was ist's — weßhalb liegt unser Gretchen mit verbundenem Halse?" fragte Hildebrandt ebenso leise. „Diphtherie —" „Gott, Allmächtiger! — war ein Arzt hier?" — „Zwei." schluchzt Marianne, und preßte ihr thrä nennasses Tuch zwischen die Lippen, um nicht laut hinauszuschreien. „Operirt?"- Marianne nickt bejahend, während ein neuer Thränenstrom ihren Augen entstürzt. „Armes Weib — unglückliches Kind!" stöhnt Hildebrandt mit nasien Augen. Gretchens Schlummer nicht zu stören, schleichen Beide wieder still in die Wohnstube zurück. Hier berichtete Marinne: „Auf der Straße stieß ich mit einem Herrn zusammen, und weil ich vor Schwäche und Elend nicht mehr weiter konnte, so blieb jener Herr an meiner Seite. Er fragte nach meinem Kummer, und als er hörte, daß ich um einen Arzt lause, sagte er mir. daß er Doktor, Kinderarzt u. gerne bereit sei, nach Gretchen zu sehen. „Ach Gott! mir war, als sei unser Kind schon gerettet: so gut, o, so vertrauenerweckend blickte mich der Mann aus dunklen, todestraurigen Augen an. Die Hände möchte ich ihm küssen für seine Bereitwilligkeit. Mit ihm zugleich betrete ich unsere Wohnung. Er, im guten Glauben, Gretchen liege auf den Stühlen gebettet, wo, wo — Salomon. das Judenkind schläft, nimmt sofort die brennende Lampe vom Tisch und geht auf das friedlich schlummernde Büblein zu. Doch, nur einen Blick wirft er auf das Lager und er taumelt zurück. Kaum hat er soviel Kraft und Geistesgegenwart, das Licht auf den Tisch zurückzustellen, dann fällt er an Salomons Seite nieder und stöhnt aus tiefstem Herzen: „Sali, o mein theures, mein liebes, verloren geglaubtes Kind." „Papa." lispelt der Kleine halb im Schlaf." „Ist nicht die Möglichkeit," sagt Hildebrandt tief erschüttert. „Und dann?" „Dann besorgten wir das Kind zu seiner in tausend Aengsten lebenden Mutter. Mittlerweile untersuchte Dr. Löwenstein unser Kleines und eröffnete mir, daß Gretchen nur durch den Luftröhrenschnitt zu retten sei. Daß er alles, alles thue, uns das Kind zu erhalten, davon dürfe ich wohl überzeugt sein. Natürlich ziehe er einen tüchtigen, bewährten Kollegen hinzu. Und dann geschah das Furchtbare. O, o! Eine Ewigkeit dünkte mich die Zeit, bis — es überstanden war." „Armes Weib — armes Weib!" nickte Hildebrandt und senkte die Stirn in die Hand. Ach, wie er bereut — wie miserabel schlecht kommt er sich vor. Dunkel schwebt ihm die böse That vor Augen. Seinem fanatischen Judenhaß hätte er beinahe das Kind seines größten Wohlthäters geopfert. Zwar hatte er die Decke in fast halbtrunkenem Zustande dem Kleinen in's Antlitz geschleudert, aber — dennoch — dennoch. . . . Ah, wie er sich selber haßt, verabscheut und Jenen verehrt. Wie edel und selbstlos handelte der Jude! Während dessen Inneres sich in Angst und Sorge um das eigene Kind verzehrte, hatte er trotzdem noch ein fühlendes Herz, inniges Mitleid mit fremdein Jammer. Er zwang den wilden Gram nieder, um einer des Weges kommenden Unglücklichen beizustehen. Diese ernsten Reuegedanken, verbunden mit Qual und Schmerz um das immer noch in schwerer Lebensgefahr schwebende, eigene Kind, wirkten läuternd auf Hildebrandts ganzen Charakter. Gedrückt schleicht er einher und fürchtet sich am meisten vor der ersten Begegnung mit Dr. Löwensteiu. Gewiß liest jener ihm den Judenhaß vom Gesichte. Ach, ain liebsten versteckte er sich in die dunkelste Ecke während Dr. Löwensteins Krankenbesuche. Zweimal ist es ihm gelungen, daß er, einen nothwendigen Geschäftsgang vorschützend, erst zurückkehrte, als Dr. Löwenstein bereits fort war. Heute, am dritten Tage nach der Operation, hält sich der Arzt länger auf, reinigt eigenhändig die Kanüle Gretchens, untersucht die kleine Kranke besonders gründlich, und so geschieht es, daß der von Hildebrandt so gefürchtete Augenblick da ist, noch ehe er sich dessen recht bewußt wird. „Ach. Sie sind ja derjenige, der so tapfer mitraisonnirt, wenn's über ineine Glaubensgenossen hergeht. nicht tvahr?" redet Dr. Löwenstein Hildebrandt nicht unfreundlich an. Berblüfft, die Stirne gesenkt, steht der Schneider. Mit einem Male hebt er den Blick, knirschend beißt er die Zähne aufeinander. Dann reißt er mit einem raschen Sprung ein Stück Holz aus der Ecke, drückt es dem gelassen vor ihm Stehenden in die Hand und schreit wild auf: „Da, da Herr — Herr Doktor, schlagen Sie zu — züchtigen Sie mich wie — wie einen bösen Hund — v — o, ich — ich habe es verdient, tausendmal verdient! — Mein Weib ist gut, ist — ist ein Engel, aber ich — — pfui — pfui, wie schlecht bin ich!" Dr. Löwenstein stellt den Knüppel an seinen Platz zurück, dann sagte er zu dem sich selbst Demüthigenden: „Nehmen Sie die Sache nicht schwerer, als sie in Wahrheit ist. Ihr unberechtigtes Streiken trieb Sie auf die schiefe Ebene, trübte Ihr gerechtes Urtheil." — l.

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