Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 58 (25.7.1901)
- Date
- 1901-07-25
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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1993 „Und Du könntest es über's Herz bringen, dieses arme, schuldlose Wesen in die grausame Kälte, in den Tod und das Verderben zu stoßen? — und bist sonst so — kreuzbrav, so —" „Laß das! Es hilft Dir nichts —" unterbricht Hildebrandt sie barsch. „Horch — hustete Gretchen nicht nebenan?" sagte Marianne und horcht athemlos hinüber. „Dummer Schnack. Ich hörte nichts." „Aber ich — bestimmt!" „Gut. So überlaffe mir diesen Dickwanst, den Judenjungen. Schau nach. Oder — ist dieser Junge Dir bereits lieber, wie unser eigen Kind — was?" „Gott, ach Gott, Aloys — wie Du nur redest!" murmelte sie, und lenkt zögernd ihre Schritte nach dem Schlafgemach, hoffend, daß ihr Gatte vernünftig genug sein würde, ihren Schützling ruhig schlafen zu lassen. Das kleine Gretchen wirft sich unruhig im Bettchen umher, stößt schauerliche Töne, halb hustend, theils pfeifend heraus, und ringt schwer nach Athem. Fast gelähmt vor Angst und Schrecken hebt Frau Marinne ihr Kind aus den Kiffen. „Um Gottes Willen — Gretchen, mein armes, liebes Kind, was ist Dir? — Aloys — Aloys! o komme doch! Das — das Kind! — es brennt wie Feuer!" ruft sie gedämpft in's Zimmer zurück. Dort regt sich nichts. Ihr Mann scheint wieder fortgegangen zu sein. Gretchen sorgfältig in eine Decke gehüllt, geht sie mit ihm hinüber. Unwillkürlich streift sie mit raschem Blick Salomons Lager. Mein Gott!-was ist das? — Der Kleine nicht mehr da? — Sollte Hildebrandt seine Drohung wahr gemacht, den armen Kleinen herausgezerrt und mitgenommen haben? — Aber, das hätte sie doch gehört. Nichts Gutes ahnend reißt sie mit der freien Linken die Federdecke zurück. „Allmächtiger!" schreit sie wild auf — ihr eigenes, krankes Kind vergessend, rüttelt sie den Knaben in die Höhe, der dem Erstickungstode nahe ist. Und wieder beginnt das arme Bübchen herzbrechend nach Vater und Mutter zu jammern. Heiße Thränen stürzen Frau Hildebrandt aus den Augen bei dem Gedanken an ihren Gatten. Nur er ist es gewesen, der den Kleinen zudeckte bis zum Ersticken. „Ewige Gerechtigkeit," flüstert sie erschauernd, eine Viertelminute und sie kam zu spät — ihr Gatte — der Vater ihres lieben, einzigen Kindes war — o, ihr Inneres sträubte sich — das Entsetzliche — Furchtbare, auszudenken. ... Ist es möglich, daß Menschenhaß, haltloser Fanatismus ihn dem Verbrechen in die Arme treiben sollte — ihn zum Mörder machen sollte, init — mit dem Kainszeichen stempeln für alle Zeit? Grauen, Ekel erfaßt die Einsame, während sie das heimwehkranke Knäblein mit doppelter Liebe tröstet und beruhigt. Bald darnach hat Gretchen wieder einen Hustenanfall, unter dem es zu ersticken droht. „Gott, mein Gott! strafe — strafe mich nicht so grausam," betete Frau Marianne mit gerungenen Händen. „O, ist denn keine Menschenseele da, die mir beisteht, sich meiner Qual erbarmt." Schwer athmend liegt Gretchen mit geschloffenen Lidern. Matt und matter wird das Röcheln des fiebernden Kindes. Wie eine Verzweifelte stürzt die unglückliche Mutter hinaus auf die jetzt nachtstille, dunkle Straße. Keine Menschenseele weit und breit. Sie rennt quer über die Straße, dann um die Ecke. Dort spiegelt sich die Gaslaterne in einem blanken Meffingschilde: „Dr. Hennes" entziffert Marianne. Im selben Augenblicke tastet ihre bebende Hand auch schon nach dem Knopfe der elektrischen Klingel. Schrill tönt dieselbe in die stille Nacht. Zitternden Herzens horcht sie. Wieder und wieder setzt die sonst so Schüchterne die Klingel in Bewegung. Endlich öffnet sich klirrend ein Fenster im Erdgeschoß. „Zum Donnerwetter — sind Sie des Teufels!" brüllt eine tiefe Männerstimme. „Was ist los — brennt's wo?" „Ach lieber Gott! — verzeihen Sie bloß. Ich — ich muß augenblicklich Herrn Dr. Hennes sprechen —" „Nanu denn. — Was soll's! Der bin ich —" „Gott sei Dank! O kommen Sie rasch, rasch. Mein armes Kind — es — es stirbt." „Dann kann ich leider nicht helfen. Ich bin Philologe. Aber drüben, in der Seitenstraße, das vierte Haus links, dort wohnt ein Arzt," sagte Dr. Hennes um Vieles ruhiger. Frau Hildebrandt hastet von dannen. Als sie scharf um die Ecke biegt, die in die bezeichnet Straße führt, prallt sie unsanft mit einem Herrn zusammen. Höflich zieht der Mann den Hut vor dem leidvollen, bleichen Gesicht Mariannens. — Diese kann sich kaum länger aus den Füßen halten. Kummer, Sorge, Aufregung wirken derart auf sie ein, daß der Fremde sich veranlaßt sieht, die dem Umsinken nahe zu stützen. Erst am Morgen kehrt Hildebrandt heim. O, wie viel Schweres, Niederschmetterndes hat sich daselbst mittlerweile zugetragen. Er findet sich kaum mehr zurecht. Möbel, Betten u. s. w. verschoben, die ganze Einrichtung sozusagen auf den Kopf gestellt. „Aloys," weinte Marianne laut auf, „wie konntest Du mich in dieser Schreckensnacht allein lassen — o — o, ich habe Entsetzliches erlebt während Deiner Abwesenheit." Bleich lehnt der Mann an der Thüre. Schuldbewußtsein verräth seine ganze Haltung. Stockend — laut pochenden Herzens fragt er : „Was — ist mit dem — Judenkinde geschehen?"