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Der Israelit · 1901-07-25 · Heft 58 (25.7.1901) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 58 (25.7.1901)
Date
1901-07-25
Page
– (sequence 22)
Language
German
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WWMD MM^MWWMWWDMMNL^GPMG^^«MW^W«M^ 1292 „Na also. — Trotzdem ich für Mayer, Levi, — - Marx, Seligmann — und Konsorten nicht — nicht j mehr arbeite, um — um Sündenlohn. Diese — dieses Judenpack bildet sich wohl ein, wir — wir nagen jetzt am Hungertuch! — Ula — keene Bange nich' —" „Willst Du Dich nicht hinlegen, Aloys?" fragte Frau Hidelbrandt sanft überredend. „Fällt mir nicht ein. — Komm', — Marianne — zieh' Dich an — wir gehen mitsammen noch eine — eine Weile fort." „Das kann ich aber nicht. Du weißt doch, daß ich unser Kind nicht ohne Aufsicht laste." „Ach was. — Gretelchen wird schon weiter schlafen — auch öhne Dich —" „Aloys, sei vernünftig — laß mich hier," bittet oie Frau zaghaft. „So bleib' in — in drei Teufels Namen!" schreit Hildebrandt wild. Seine Worte bekräftigt der Halbtrunkene mit einem wüthenden Faustschlag auf den Tisch. Im selben Augenblick fährt das Knäblein aus süßem Schlummer in die Höhe. Damit ist das Unglück fertig. Salomon blickt mit großen, furchtsamen Augen um sich und begehrt weinend nach Papa und Mama. —- — „Daß — daß Dich der Has' kratzt! — Marianne, was — wen hast Du da? — Ist — mein blondes Gretelchen über Nacht — kohlpechrabenschwarz geworden — oder —" „Ach — Aloys — verzeih' — ein armes, verlassenes Kind ist's — ich — ich fand es drunten auf der Haustreppe kauernd — halbtodt vor Kälte und Hunger. — Laß uns es behalten bis morgen früh. Dann finden sich seine Angehörigen gewiß —" flehte Frau Marianne, indem sie zu Salomon tritt und schützend den Arm um ihn legt. „Sei still, mein Herzchen," beschwichtigte sie, „bald, bringe ich Dich zu Deiner lieben Mama." »Jetzt — jetzt gleich — will Salomon zu Mama," weint der Knabe. „Hast recht — jetzt gleich! — frecher Köter Du!" murrt Hildebrandt etwas ernüchtert durch diesen Zwischenfall. Damit faßt er die Lampe und hält sie dem schlaftrunkenen Kinde vor die blinzelnden Augen. „Was?! — ein — ein Judenjunge? — einer von — von unsere Lait?! He — Du kleiner Höllenbraten, — wirst Du wohl's Maul halten?! oder — ich stopfe es Dir gründlich!" fährt er auf Salomon los, der sich, starr vor Schrecken, an der Brust der fremden Frau verstecken möchte. Sanft und liebkosend drückt Marianne das Kind an sich, streicht sachte zwei- bis dreimal über sein sprödes Ringelhaar. Während der Kleine gedämpft weinte, blickt Marianne vorwurfsvoll zu ihrem Manne hin und schüttelt vielsagend den Kopf. Hildebrandt stört sich nicht daran. „Hinaus mit ihm!" gebietet er energisch, und deutet mit der Hand nach der Thüre. „Ich — ich beherberge keinen Juden. Ich bin ein Christ —" „So?! — dann beweise es jetzt. Wie schreibt unsere Religion vor: Liebet eure Feinde! Thuet Gutes denen, die euch hasten —" unterbricht sie ihn, indem sie Salomon noch fester an sich preßt. „Ha — ha! Das soll dem schäbigen Gesindel gefallen. Thun sie an uns so? — Wie machte Meyer es mir? Setzte er mir nicht mit Eilzuggeschwindigkeit den Stuhl vor die Thüre, als ich ihm erklärte, nicht länger so spottbillig arbeiten zu können. Drei Jahre war ich ihm gut genug — jetzt, wo er sein Geschäft vergrößert, bessere Preise erzielt, somit auch höhere Arbeitslöhne geben kann, jetzt —" „Aber, Aloys — besinne Dich doch. Du wolltest doch absolut keinen Stich mehr für Meyer thun; lieber bei Christen weniger verdienen, erklärtest Du, und es kam auch schließlich so. — Von Meyer erhielst Du zehn, auch zwölf Mark für einen Anzug, während Engels Dir nur acht und neun zahlt." „Hast recht. Halte nur mit diesem Pack. Es thut Dir wohl leid, daß — Du bei diesem krummen Hund nicht mehr abliefern kannst, was? War ja stets so galant und höflich zu Dir. Erkundigte sich nach unseren Verhältnissen; sogar nach dem Alter unseres Kindes. . . Wer weiß — ist vielleicht auch so ein verkappter Sternberg, was?"- „Aber nein!" entsetzt sich Frau Marianne ob der grundlosen Verleumdungen seitens ihres Mannes. „Noch mit keinem unlauteren Wort oder Blick wurde ich von jener Seite jemals beleidigt —" „Na — Schönthun braucht man ja nicht als Beleidigung aufzufassen," unterbrach Hildebrandt boshaft. — Marianne erwiederte nichts mehr. Stille Thränen rannen ihr über's Antlitz. Wie Perlen glitzern sie auf dem dunklen Köpfchen an ihrer Brust. Ueber dem Wortwechsel der Eheleute war Salomon wieder eingeschlafen. Vorsichtig läßt sie ihn in die Kissen zurückgleiten. Mit finsteren Blicken verfolgt Hildebrandt ihr Thun; dann erhebt er sich. „Aloys — sei gut," redete sie ihm zu. „Melde das Kind bei der Behörde an." „Keinen Schritt thue ich des Bengels wegen!" „Auch nicht mir zuliebe?" „Nein! — Aber wirf ihn mir zuliebe auf die Gasse," höhnte er, sich langsam ernüchternd. „Was soll aus ihm werden?" — Und nach einem Weilchen des Nachsinnens, „nein, es ist mir nicht möglich. Wohin will das arme Geschöpf — jetzt — mitten in der Nacht?" „Hm — ist seine Sache."

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