Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 58 (25.7.1901)
- Date
- 1901-07-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1277 „Du tauschest Dich, liebe Sarah, die Frau hat Recht," sprach Nachmann, der Vater des Kindes. Aber das feine Gehör, welches jede Mutter für ihres Kindes Stimme besitzt, ließ sich nicht täuschen. Mit tiefem Weh empfand sie es, daß mit dem Kinde ein großes Unglück geboren wurde. Was es war, wußte sie aber nicht. Nach einigen Tagen erst gelang es ihr: der Neugeborene war blind, trotzdem seine Augen recht weit geöffnet und glänzend schwarz waren. Der herbeigerusene Arzt nahm das Kind zum Fenster, machte mit ihm mancherlei Experimente und bestätigte schonend die traurige Vermuthung der Mutter. Stillweknend flüsterte diese wiederholt: „Ich habe es ja gleich gewußt!" Das Kind wurde in den Bund Abrahams einge führt, erhielt dabei den Namen Josef und entwickelte sich täglich schöner. Nur der Blick seiner kohlschwarzen Augen verrietst sein Unglück, da derselbe starr nach einem Punkte gerichtet blieb. Auch schienen seine Händchen immer etwas zu suchen. Mit Josefs Wachtsthum stieg der Schmerz der Eltern, die ihn mit einer außerordentlichen Zärtlichkeit umgaben. Mit der Zeit lernte das Kind auf dem Fußboden herumkriechen. Es tastete mit den Händen nach jedem Gegenstände und konnte sich schon in den . nicht gar großen Wohnräumlichkeiten des Hauses ganz gut zurechtfinden. Nicht nur seine Mutter vermochte der Kleine nach dem Rauschen ihres Kleides zu erkennen, sondern auch den Vater und jeden Einzelnen der Schüler desselben nach ihren Schritten beim Kommen und Gehen. — Von Natur war das Kind sehr aufgeweckt und es hatte ein wunderbar scharfes Gehör. Während es herumsvielte, hörte es dem Unterrichte des Vaters zu und wußte, als es älter geworden war, das Vorgetragene geläufiger auswendig, als es die Schüler aus dem Buch herzusagen im Stande waren. Auch nahm ihn der Vater an jedem Sabbat in die Svnagoge mit. Anfangs zeigte sich das Kind im Gotteshause von dem Geräusch der vielen lauten Stimmen der zahlreich versammelten Beter fast erschreckt, als es aber den „Ebasan"*> sammt Meschorerim**") singen hörte, faßte es die Hand seines Vaters fester, als bisher und es zeigte sich im höchsten Grade erfreut über das Gehörte. Nicht ganz sieben Fahre war Josef alt. als er alle fünf Rächer Mosis in der Ursprache sammt richtiger Ueberseßung hersagen, alle Gebete recitiren und den fvnagogalen Gesang zun: Staunen Aller, die ibn hörten. vräcise nachahmen konnte. Es zeigte sich dabei auch, daß er eine bezaubernd süße Stimme und eine . Coloratur" besaß, um die ihn mancher Virtuose des Gesanges hätte beneiden können. *) Cantor. **) Choristen. Je älter Josef geworden, desto prächtiger entfalteten sich in ihm diese Gaben Gottes, durch die ihn die Vorsehung für den Mangel der Sehkraft entschädigen zu wollen schien. Desto schärfer aber trat auch ein unendlich trauriger Zug in seinem blendend weißen Antlitz hervor. Wer ihn nur sah, konnte sich einer tiefen Rührung nicht erwehren: wer ihn singen hörte, wurde nicht nur von dem gewaltigen Zauber seiner einschmeichelnden Stimme hingerissen, sondern auch von dem geradezu dramatischen Auftreten des Knaben bis in's Innerste Mark erschüttert. Und gar oft fang Josef: zu jeder Tagesstunde ließ er seine melodische Stimme ertönen, denn ein innerer Trieb, dessen er sich selbst nicht bewußt war, drängte ihn dazu, Leid und Freud seiner jungen Seele durch den Gesang auszudrücken. Später pflegte er, besonders an schönen Nachmittagen, zu diesem Behufe die Einsamkeit aufzusuchen, und obwohl er nicht sehen konnte, fühlte er instinktmäßig ganz sicher, ob er allein oder in Gesellschaft sei, selbst wenn diese sich noch so lautlos verhalten mochte. Immer düsterer, immer ernster ward das Antlitz Joses's. Soeben tvar er Bar-Mizwah*) und deßhalb in der Svnagoge schon zum Verlesen der Thorarolle aufgerusen tvorden, wobei er die zahlreiche Versammlung durch das korrekte und hellklingende Citiren der bezüglichen Segensvrüche und der „Haftorah" entzückte und zu Thränen rührte. Jedes Wort, das über seine Lippen kam, machte den Zuhörer vor Wonne erbeben, schnitt ibm aber auch zugleich in's Herz. Ein Jahr darauf kam ein neuer Cantor in's Städtchen, an Stelle des bisherigen Chasan, der nach einem größeren Orte übergesiedelt war, wo er auch ein größeres Gehalt bezog. Jedoch hatte die kleine Gemeined einen guten Tausch gemacht, denn der neue Eantor sang viel schöner, anaenehmer und deutlicher, und war auch weit frömmer, als sein Vorgänger. Seine Familie bestand nur aus Frau und einem einzigen Kinde, einem reizenden, zwölfjährigen Töchterchen. Lea hieß die kleine Blondine, mit den blauen, treuen Augen, die für ihr zartes Alter sowohl an Körper, wie auch an Geist das war, was wir frühreif zu nennen pflegen. Eines Taaes saß Josef im Grase des an den Svnagogenstof stoßenden Gartens ganz allein und sang leise vor sich hin. Plötzlich horchte er auf. Er hörte, daß sich ihm Schritte eines ihm unbekannten Wesens näherten. Im nächsten Moment frug eine Kinderstimme: ..Wer bat hier so schön gesungen?" , Unwillig über die Störung, sprüch ber ' ^nabe barsch: *) DreizehnZJahre alt: in religiöser Hinsicht majorenn.