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Der Israelit · 1901-07-25 · Heft 58 (25.7.1901) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 58 (25.7.1901)
Date
1901-07-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1273 werden. Der Haß der Nationen, diese furchtbare, rohe Naturkraft des thierischen Instinktes im Menschen, trieb vergebens seine Wellen gegen das von Gott behütete Eiland; und wo er in seiner blinden Wuth zu zerstören meinte, da lösten sich brüchige Schollen in reine Atome auf und trieben unter dem Einfluß derselben Strömung dem alten Stammlande an neuen Punkten wieder zu. So wuchs die Kraft unseres Volkes. Das Bewußtsein seiner selbst, unter dem Donnern und Blitzen des Sinai geweckt, erstarkte. Das waren nicht mehr die von ägyptischer Knechtschaft gebeugten Stlavenseeten, das war die wilde Kraft eines jungen Volkes. Diese ließ sich nicht so leicht eindämmen und in die rechten Bahnen leiten, selbst von einem Moses nicht. Er ruft es zu seinem Gotte in seiner Noth, daß die Last des Volkes zu schwer auf ihm ruht. Doch die Hilfe und Erleichterung liegt im Volke selbst. Schon ist die Saat seiner Lehre im Volke ausgegangen, schon besitzt es einen Nationalschatz von Weisheit und Sittlichkeit, am abgeklärtesten und gereiftesten in der Schaar seiner Greise. Sie sind der schönste Lorberkranz der Nation, den diese sich zu ihren Häupten setzen kann. Der Rath der Aeltesten hilft Moses das Volk lehren und lenken. Er wächst mit seinen Zwecken in geistiger Kraft und göttlicher Einsicht. Moses sieht es mit Freuden. Wer wahrhaft groß ist, verliert nichts, wenn er Wetteiferer findet. Der Große will verstanden sein. Seine Kraft wurzelt im Volke. In diesem liegt die Bürgschaft für das Leben und Fortwirken seiner Ideen. Es ist der Ausgleich zwischen Tiefe und Breite im Volksleben, d. i. zwischen dem Genie und der Masse, die sich hier vollzieht, ’a n myrr.* Gott und seine Geschichte zürnen, schreiten hinweg — denn Hinwegschreiten heißt ja Zürnen, wie der Talmud sagt: *) mny ttba rroyn p8 schreiten hinweg über den Großen um des Volkes willen. Nicht einer führt die Erziehung des Volkes durch, sondern mehrere Führer, die aus dem Volke heraus geboren werden. Damit drückt die Geschichte das großartige weltgeschichtliche Prinzip aus, daß das Volk sich selbst erzieht. 'n oy bpr ’ov Wer gäbe doch, daß das ganze Volk Propheten wären. bx'iv" nt. Damals sang Israel noch! Wir vernehmen aus diesem tb>’ tn, wenn auch aus weiter geschichtlicher Ferne, den Donnerklang des Volksliedes — wie der gefiederte Sänger in der Natur, leitete es den Volksfrühling ein, wir durchwanderten mit ihm den Weg zu diesem mühevollen Ziele, langten mit ihm an und sahen mit schmerzgetränkter Erinnerung jene glücklichen Epochen, wo das Volk seinen Namen verdiente. Wie herrlich klangen doch die brausenden Akkorde des Volksliedes an unser Ohr! In unserem Herzen fing gar die Saite, die für Glück empfänglich ist, wieder an schwach zu tönen. Unser stiller Wunsch war, könnten wir doch diese Töne ewig trinken! O weh! Wir *) TD"p rp p"2 glaubten, die Volksleier hätte unsterbliche Töne ausgehaucht, der Klang ihres Athems würde uns ewige Wonnen spenden. Nein! Nicht genug, daß diese uns umschwebenden Klänge im Schweigen des Todes verstummen. Mit rauher Hand fährt das Schicksal in die Saiten, und ein schriller Mißton folgt auf den andern. Ach, wie oft muß die Laute im Sturmwinde unter der Trauerweide ächzen und stöhnen. Ach, dieses große Volk stöhnt und jammert wie ein schwaches Weib. Ach, es ist wahr, diese Zeiten, wo wir das Volk wie ein Mann für seine Ideale einstehen sahen, sind nicht von ewiger Dauer. Das Volksthum ist zwar die Mutter aller Großen und somit alles Großen auf Erden. Aber seine Einmüthigkeit im Singen und Sagen, im Denken und Handeln, hat etwas von der Schwäche des Weibes, mp: ppb qYsd non:p rin'p.i bo Alle Lieder, die auf Erden angestimmt werden, klingen in weiblichen Reimen aus. rmsym nopin no ivxb pto 77.8nron jn "p nnim rinnm nr6m mp: ppb2 rsrrv nrm vm. Das will sagen: Wie das Weib trotz aller Schmerzen ewig liebt, so besingt das Volk seine Rettung aus Gefahren, trotzdem immer neue drohen, so befreit sich der Geist des Volkes stets wieder in der Poesie von ihnen, vollendet unzähligemal im Liede erst, was das Schwert schon begonnen. So unvertilgbar wie die Liebe des Weibes, ist seine Dichtung, so unvertilgbar aber auch seine Schmerzen, im Innern der sittliche Verfall, von Außen her drohend das Joch fremder Herrschaft. Und doch, so oft diese Stürme sich legen, hebt die Freude wieder an auf der Leier, mit der heldenhaften Ausdauer des Weibes in der Liebe. Soll aber ihr Festessang ewig von diesen Stürmen unterbrochen werden!? Nein, einst wird ihr Lied frei von Schmerzen sein, ein Lied ewiger Freiheit und ewigen Friedens -dt ppm »in yb% alle Zeiten überdauernd und besiegend mit ewig junger Manneskraft. Diese Hoffnung liegt nicht am Ende der Ewigkeit, daß sie uns unerreichbar dünke, wohl aber am Ende irdischer Tage. Müssen wir da nicht zu Grunde gehen, werden wir fragen, wenn diese Hoffnung uns allein zur Seite steht! Ist sie nicht wie ein weit entfernter Stern, der leuchtet, aber nicht wärmt!? O nein, es gibt auch Hoffnungsstrahlen, die leuchten und wärmen. Kann dir die innige Vertiefung in das Volkslied am Brunnen nun solche Wahrheiten der Volksentwickelung, der Weltgeschichte aufzeigen, die den Verstand befriedigen, dem Herzen aber, das nach Ewigkeit des Glückes ringt, wehe thun, o, so wirf dich an den Busen der Natur, lausche auf die unendlich vielen in ihm wogenden Lieder und suche hier deinen Trost. Fürchte dich nicht. Denn diese Lieder sind weit entfernt, von der Thora, verstanden als das ganze Buch des Lebens, sich zu entfremden. Sie sind vielmehr alle unbewußte willenlose Verkünder von Gottes Schöpsungsherrlichkeit, ewiges Beispiel, begeisternder,

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