Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 57 (22.7.1901)
- Date
- 1901-07-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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1259 Ob diese Anregung in den betreffenden Kreisen ausnahmlos Beachtung finden wird oder bereits gefunden hat, ist nicht bestimmt anzugeben, an der ersten deutschen Staats-Qberrealschule in der Nicolandergaffe Hierselbst ist dies geschehen und hat auch den erwarteten Erfolg gehabt. Freitag, am 5. dieses Monats, haben daselbst die Maturitätsprüfungen begonnen. Während sonst die Kandidaten in alphabetischer Reihenfolge geprüft werden, sind für die Prüfung am Samstag lediglich christliche Schüler berufen worden, obgleich die Zahl der jüdischen Abiturienten mehr als drei Viertel der Gesammtzahl der Examinanten ausmacht. Sowohl der Direktor der Anstalt, Herr Regierungsrath Smetaczel, wie auch der Vorsitzende der Prüfungskommission, k. k. Landesschulinspektor Dr. Muhr, sind sofort bereit gewesen, das diesbezügliche Ersuchen des Religionsprofeffors, Rabbiner Stark, zu erfüllen. Ja, noch mehrt Als im vorigen Jahre der k. k. Landesschulrath die Nachtrags-Maturitätsprüfungen an der genannten Anstalt auf den 26. Septemb., das war dem ersten Tage des israelitischen Neujahrsfestes (woran nicht gedacht worden ist) festgesetzt hatte, so hat der genannte Herr Landesschulinspektor, von Rabbiner Stark, der es erst zwei Tage vorher erfahren hatte, darauf aufmerksam gemacht, aus eigener Initiative, da kein anderer Ausweg blieb, indem er an den anderen Tagen anderswo die Prüfungen leiten mutzte, die Einordnung getroffen, datz die Prüfungen der jüd. Schüler am 2?,., das war an einem Sonntag, vorgenommen werden, llnd so geschah es auch. Die Israeliten wurden Sonntag, am Rüsttage des Neujahrsfestes, von 9 Uhr Vormittags bis 2 Uhr Nachmittags geprüft. Den Professoren war das allerdings nicht angenehm. aber Niemand zeigte sich darüber unmuthig: im Gegentheil, alle fanden es gerecht und billig und als etwas Selbstverständliches, daß Israeliten an ihrem heiligsten Feste nicht zur Prüfung berufen werden sollen, und ließen dem Vorgehen des Religionslehrers volle Würdigung und Anerkennung zu Theil werden. Man kann daraus erkennen, daß selbst in unserer Zeit Juden ' bei den zuständigen Behörden Rücksichtnahme auf ihre Bitten finden, wo diese gerecht sind und, was die Hauptsache ist — freimüthig, ohne Furcht und Zagen ausgesprochen werden. Nebenbei sei bemerkt, daß die erste deutsche Staatsoberrealschule in Prag unter allen staatlichen Mittelschulen in Oesterreich und Deutschland die absolut und relativ größte Zahl jüdischer Schüler auszuweisen hat. Ihre Zahl beträgt 300, mehr als zwei Drittel der Gesammtzahl. Am Prager Altstädter Gymnasium ist allerdings die Zahl der jüdischen Schüler relativ um etwas größer, aber dort erreicht die Ge- : sammtzahl nicht die Hälfte der Zahl der jüdischen ^»Schüler an der ersten deutschen Oberrealschule. Der D Direktor, Regierungsrath Smetaczek, welcher die Anstalt stets mit strengster Gerechtigkeit und Unparteilichkeit geleitet, er war der erste Mittelschuldirektor, der dem jüdischen Religionsprofeffor die litterarische Arbeit fiir das Jahresprogramm übertrug, und deffen Arbeit, obgleich sie ein rein jüdisch-wissenschaftliches Thema zum Inhalt hatte: „Die Schriftgelehrten," auch zur Veröffentlichung gebracht hat — tritt zum größten Bedauern aller, welche mit der von ihm geleiteten Lehranstalt in irgend einer Berührung stehen, in den wohlverdienten Ruhestand. Möge der Geist der Gerechtigkeit und echter Humanität, der ihn erfüllte und in seiner segenvollen 36jährigen Wirksamkeit zum Ausdruck kam, auch seinen noch unbekannten Nachfolger beseelen. Halicz. Bei der am 2. Juli stattgefundenen Gemeinderathssitzung versuchte der Bürgermeister, ein russisches Jnventarstück, eine Art Koscherfleischtaxe in unsere kleine Gemeinde einzuschmuggeln. Er proponirte nämlich, zum Zwecke der Vermehrung der städtischen Einnahmen, die Errichtung eines städtischen Schlachthauses für rituell geschlachtetes Geflügel und die Einhebung einer Gebühr oder richtiger Ungebühr, deren Höhe einem späteren Gemeinderathsbeschluffe vorzubehalten sei. Dank der entschiedenen Opposition der jüdischen Gemeinderäthe wurde dieses Vorhaben vereitelt. Diese unbefugte Einmischung des Bürgermeisters Sawicki in jüdisch-rituellen Angelegenheiten verdient öffentlich gebrandmarkt zu werden. Frankreich. Pari,?, im Juli. Der Präsident des Central- Komitees der „Alliance israelite universelle," Herr Narcisse Leven, hat an die Gründer des „Hilfsvereins der deutschen Juden" in Berlin nachstehendes Schreiben gerichtet: „Wir sind geneigt, alle neuen Institutionen freundlich aufzunehmen, die dem Wohle unserer Glaubensgenoffen gelten, ihre Mitarbeit anzunehmen und ihnen die unsere zu widmen. In der Leidensgeschichte des Judenthums gab es keine Krise, wo die „Alliance" nicht ihren Appell an alle Kräfte, an jegliche Art von Opferwilligkeit hätte ergehen lasten. Arbeitet man nicht eben jetzt im Vereine mit den Komitees und Gemeinden aller Länder, um die entsetzliche Noth der rumänischen und russischen Juden zu mindern? Wenn Ihr Werk nichts anders will, als dieser Hilfe eine größere Ausdehnung, mehr Zusammenhang und System zu geben, dann hat es unsere Zustimmung ohne Vorbehalt. Doch beim Lesen Ihrer Zuschrift mußten wir daran denken, daß Sie auch, ja sogar hauptsächlich, sich mit der moralischen Situation der Juden Europas und Asiens zu beschäftigen gedenken. Nun, das ist eine sehr delikate Sache, für die wir Ihre ganz besondere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen möchten. Das ist eine Aufgabe, der sich, wie Sie wiffen, die „Alliance" seit 42 Jahren widmet. Unterstützt von den Juden aller Länder, besorgt sie diese Arbeit mit