Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1901-07-22 · Heft 57 (22.7.1901) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 57 (22.7.1901)
Date
1901-07-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449146-2449201--53819-2504502
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1256 Gruft. Hörst du die alte traurige Weise?! Hörst du die so wehmuths- und vorwurfsvolle Frage, die wie das Wimmern der Seele klingt?! „Echo?!" — Und du erwachst von deinem himmlisch süßen Traume und all' der Zauber ist geschwunden und die herrlichen Bilder sind wie Nebel zerflossen vor diesem alten, so traurigen Liede „Echo". Echo? Wie? Wie ist das gekommen?! Wie ist das geworden? Wie ist es gekommen, daß die Sonne plötzlich erlosch und erkaltete? Wie bist du vom Himmel gefallen, glänzender Stern Jakobs! Wie bist du zur Erde gesunken, der du die Völker erleuchtet! Die dich sehen,staunen Dich an und fragen verwundert: Ist das das von Gott erkorene Volk, das Seinen Namen trägt, das vom Weltenkönig mit dem Adelsbrief so ausgezeichnet wurde? Ist das das Volk, dem Gott Sein kostbarstes Kleinod, Sein Gesetz und Seine Lehre als Erbgut anvertraute? Ist das das Volk, dessen Bürger Fürsten, die Edelsten der Erde waren? Ist das das Volk, das Gott in seiner Gesammtheit von allen Völkern als Sein Eigenthum, als Seine Kinder, als Seine Lieblinge in den ältesten heiligen Urkunden proklamirte? Echo? Wie? Wie ist es denn gekommen, daß dieses Volk nun so verachtet ist, so zum Hohn und Schimpf geworden, so mißhandelt und gepeinigt wird von allen Völkern der Erde? Wie ist dieses Heldenvolk, dessen Ahnen die Josuas, die Gideons, die David's und die Makkabäer waren, Männer des Schwertes und der edlen Gesinnung. so herabgekommen, daß ihre Nachkommen durch die Bosheit der Machthaber zu einem Krämervolk herabgedrückt wurden, das in Sklavengestalt mit dem schweren Pack auf dem gekrümmten Rücken umherschleicht, um sein Dasein fristen zu können! Warum müssen Fürsten im Staube liegen vor Barbarenknechten! Echo?! Alle Völker leben in Ruhe und Sicherheit, allen spendet die Sonne ihre wärmenden, lichtvollen Strahlen, für Jeden hat die Erde ein sicheres Plätzchen, nur du, Israel, du Lieblingskind Gottes, mußt in ewiger Angst, in stetem Bangen sein, mußt immer bereit und gerüstet dastehen, plötzlich dein trautes, dir liebgewordenes Heim zu verlassen, indem man dir erbarmungslos zuruft: Hinweg von hier, Unreiner! Das ist das Loos des Volkes, das der Menschheit die Gottesidee, die Gotteslehre, die Propheten, die Psalmisten, alles Heil und alle Segnungen gebracht hat! Warum?! Wie?! Echo! Und als Antwort auf diese Klage entringt sich ein Ruf aus der Tiefe deines schmerzzerissenen Herzens, der wie ein Aufschrei der Verzweiflung und zugleich wie ein Selbstvorwurf, wie Selbstanklage, wie ein reuevoller Bittruf eines vom Vater verstoßenen Kindes klingt: „Zaddik hu adonoj ki pihu morißi!" Gerecht bist Du mein Gott und gerecht ist Deine Strafe, mein allgütiger Vater! Mich, nur mich allein trifft die Schuld an meinem Ungemach. Denn ich habe Deine Lehre verlassen, Deinen Bund übertreten, Verrath geübt an Deinen Heiligthümern, Dein Gesetz verworfen, wie ein widerspenstiger, abtrünniger Sohn gegen Dich gehandelt. Ich kehrte Dir treulos den Rücken und wendete mich fremden Göttern zu, eitlen Trug- und Scheinbildern. Da entbrannte Dein Zorn und Du rissest nieder meine Grundvesten, gabst mich preis meinen grinnnigsten Feinden und übtest gerechte Vergeltung. Ich habe Deine Langmuth mißbraucht und Du sähest ruhig auf meine Leiden und Qualen; ich kehrte Dir den Rücken und Du hast Deine Gnadensonne von mir abgewendet; ich entweihte Deinen heiligen Namen und Di: überliefertest mich meinen Lästerern; ich mißachtete Dein Gebot und Du hörtest nicht auf mein Gebet. Mögen sie nun kommen und dir helfen, deine falschen Freunde, auf die du dich verlassen; mögen sie nur aufstehen und dir in deiner Noth Schutz und Beistand bieten! Mit Hohngelächter werden sie dir antworten und vereinsamt werden sie dich deiner Drangsal überlassen und noch selbst Verderben über dein Haupt häufen. Du siehst dich in all' deinen Erwartungen getäuscht, in all' deinen Hoffnungen betrogen, von allen Seiten bedroht; ein hilflos Schäfchen inmitten einer beutegierigen Meute. Und so vereinsamt und verlassen erinnerst du dich wieder deines Gottes und es kommt dir endlich zum Bewußtsein, daß du nicht aus Fürstengunst, nicht auf die Sympathie der Völker bauen darfst, und auch nicht in dem Anschluß an irgend eine Macht dein Heil zu suchen hast, sondern in dir selbst, indem du wieder zu deinem Judenthum zurückkehrst und deines Ursprungs gedenkst. Und du besinnest dich wieder auf deine heilige Aufgabe und wärmst dich wieder an dem Lichte her Thora und ziehest wieder ein in die verlassenen Lehr- und Bethäuser, und suchest Erhebung in der Ausübung deiner religiösen Pflichten urtb innige Seelensreude in der Erfüllung der Gottesgebote, in Werken der Tugend und der Menschlichkeit, der Liebe und Gerechtigkeit und du strebst wieder der Sonne der ewigen Wahrheit, deinen hohen Idealen zu, wie ehedem und zuvor. In dieser Erkenntniß lernst du begreifen und einsehen die großen Wohlthaten und Segnungen in dem strengen Gottesgericht, lernst du erkennen, daß es die väterliche Hand Gottes ist, die dich straft und züchtigt, und daß sich auch darin die unendliche Liebe und Barmherzigkeit unseres Allvaters kundgibt, der dich zur Rückkehr ermahnt. Und dankerfüllt richtest du dann deinen Blick zum Himmel empor, und sprichst tief bewegt: „Q, wie danke ich Dir, Ewiger, daß Du über mich gezürnt, es besänftigt sich dein Zorn und du tröstest mich!" Das ist der Trost, der Heilsborn, der dir, Israel, aus dem Tischoh-be-Aw verjüngend quillt, denn selbst aus deinem Ungemach entsprießt dir reicher Segen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.