Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 56 (18.7.1901)
- Date
- 1901-07-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1233 Vorwurf zu erheben, daß die Juden ihre körperliche Arbeitskraft in der Landwirthschaft nicht bethätigen, würde die Bundeskorrespondenz besser daran thun, bei ihren agrarischen Gesinnungsgenossen dahin zu wirken, daß sie jüdische Landwirthe und Gärtner von den landwirthschaftlichen Betrieben nicht zurückweisen, sondern, wie sich dies unter Bürgern desselben Staates geziemt, auf ihren Gütern als Mitarbeiter aufnehmen sollen. Ich kenne das jüdische Herz und weiß es, daß der jüd. Landwirth dieses Entgegenkommen durch die opferfreudigste Hingebung und die treueste Pflichterfüllung lohnen würde. Doch wieder durchzuckt mich ein tiefes Weh. Ich denke daran, daß leider eine unheilvolle Kluft den Menschen von Menschen scheidet, und daß ich hier an Gefühle appellire, welche der „Bundeskorrespondenz" fremd sind und die sie sicherlich „den Stammesgenossen des Dr. Münz" gegenüber nicht gelten lassen wird. „Stammesgenossen des Dr. Münz" — ich acceptire diese Wendung in jeder Hinsicht. „Ich bin der „Buudeskorrespondenz" für die Prägung dieses Ausdruckes dankbar. Ein Lump derjenige, der sich seiner Stammesgenossen schämt." Ich befinde mich mit ihnen in guter Gesellschaft. Der Prophet Mose, der mit seinem Stabe Wasser aus dem harten Felsen schlug und die Kulturwelt durch das Zehngebot begründete, ist mein Stammesgenosse. Der König David, dessen Psalmen in allen Kirchen und Synagogen gesungen iverden und die ein köstliches Labsal für das arme, betrübte Menschenherz sind; der Feldherr Juda Makkabäus, dessen Heldengestalt mit Miltiades und Hermann zu vergleichen ist; der Denker Szinoza, der mit Plato und Kant zu den erlauchtesten philosophischen Geistern gehört, welche diese Welt sub specie aeterni betrachteten; der Generaldirektor Ballin, den die Gnade unseres genialen, großen Kaisers ausgezeichnet hat, — das sind meine Stammesgenossen. Alle jene jüdischen Soldaten, die in den glorreichen Jahren 1870—71 für Kaiser und Reich gekämpft haben und, gleich den anderen theuren Söhnen des Vaterlandes, mit ihrem Leben die deutsche Einheit besiegelt haben, oder die nunmehr als ergraute Männer, geschmückt mit dem eisernen Kreuze, mit heiligen Schauern an jene große Zeit zurückdenken — das sind meine Stammesgenossen. Doch es geziemt nicht reifen Männern, die mitten iur Kampfe und Drange des Lebens stehen, wie junge Scholaren um lediglich doktrinäre Begriffe zu streiten. Für mich liegt die Sache so: Im deutschen Vaterlande leben deutsche Staatsbürger germanischen, slavischen, hebräischen, romanischen Ursprunges u. a. Wo die Vorfahren ihre Wohnsitze vor Jahrtausenden hatten, das beeinträchtigt nicht das deutsche Empfinden und das deutsche Bewußtsein der Spätgeborenen. Wir leben in Deutschland und sind Deutsche. Wir alle werden durch die großen gemeinsamen Interessen des Staatswesens, dem wir angehören, durch unverbrüchliche Vaterlandsliebe und Königstreue mit einander verbunden. Von uns allen soll das Wort des altgriechischen Dichters gelten: „Nicht mit zu hassen, mit zu lieben sind wir da!" Wir sollen unsere Kräfte nicht durch Nationalitätenhader und Religionshaß zersplittern, sondern in den Werken des Friedens, der Gesittung, der Wohlfahrt und der Nächstenliebe uns einigen. Ich sehe den schönen, sonnig verklärten Tag Heranbrechen, an welchem der Geist der Milde und der Toleranz auch jene Kreise erfüllen wird, in deren Sinne jetzt die „Bundeskorrespondenz" harte, lieblose Worte über die Juden schreiben zu müssen glaubt. Was wir in der haßerfüllten, zerklüfteten Gegenwart mit unserem Herzblut erkämpfen, es wird einem späteren Geschlechte, das von der fortschreitenden Erkenntniß erleuchtet sein wird, zum Segen gereic^n. Auf dieses kommende Geschlecht wird man in umschreibender Weise das Dichterwort anwenden können: „Glücklich, daß Du ein Enkel bist!" Zeitungsnachrichten nnd Gorrespandenzen. Deutschland. Frankfurt a. M., im Juli. Der in Nr. 64 dieser Blätter gemachte Vorschlag des Herrn Lehrer Anfänger repräsentirt sich in einem gar anmuthigen Gewände, denn der Gedanke, innerhalb unseres jüdischen Volkes mit modernen Mitteln und in den Grenzen der Politik des Möglichen Mission zu treiben — d. h. aufklärend zu wirken, indem man die Kenntniß des Judenthums und seiner Gesetze verbreitet — erscheint im ersten Augenblick durchaus sympathisch. Doch, wenn man vor- und rückwärtsschauend die Materie durchdenkt, dann sieht man plötzlich, daß das anmuthige Bild eine Fata morgana ist, die unsere führerlos umherirrenden Brüder nur noch tiefer in die Wüste führen würde. Wir wollen ganz davon absehen, daß im allgemeinen diejenigen, die die Flugschriften lesen werden, sie nicht nöthig haben und diejenigen, die sie nöthig haben, sie wegen mangelnden Interesses meistens nicht lesen werden. Was uns gegen eine derartige Agitation Front machen läßt, das ist die unendliche Gefahr, welche darin liegt, daß wir uns mit ihr immer mehr und mehr gewöhnen würden, das Studium von Tenach und Talmud bei Seite zu legen und unsere Kenntniß aus Büchern, die in der Landessprache geschrieben sind. I zu schöpfen.